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stern-Logo Alles zum Coronavirus

Einander vertrauen: Alle für alle: Das sind die Helden des Alltags in der Coronazeit

Gemeinwohl nicht mehr nur als theoretischer Begriff: In der Krise entdecken viele Menschen, was ihnen wirklich wichtig ist – und helfen anderen auf völlig neue Weise. Wir stellen einige vor.

Von Andreas Albes

Roun Zieverink

Roun Zieverink, 33, Dirigent und Pianist aus Hamburg, überträgt kostenlos Konzerte im Internet

Was für eine Zeit durchleben wir, dass wir eine solche Krise brauchen, um unsere Menschlichkeit zu entdecken? Jahrelang wurden jene, die sich für das Gemeinwohl einsetzen, als Gutmenschen verspottet. Jetzt sind sie es, ohne die das Land kaum laufen würde.

Menschen wie Ute Brüne aus Wuppertal, die eigentlich eine Druckerei führt und die beschlossen hat, die kommenden Wochen als Krankenschwester zu arbeiten. Oder der Berliner Jungunternehmer ­Karsten Kossatz, der eine Aktion ins Leben rief, um Cafés und Theater zu retten. ­Immobilienbesitzer, die die Miete redu­zieren, bis die Krise überstanden ist. Und alle, die an Haustüren und Ampelmasten Zettel mit Telefonnummern heften: „Erledige Besorgungen für Menschen der Risikogruppen.“

Das Coronavirus hat dazu geführt, dass Gemeinwohl nicht mehr nur als theoretischer Begriff wahrgenommen wird. Sondern als etwas, das man anfassen kann. Wir entdecken, wie gut es tut, Rücksicht zu nehmen. Etwa indem wir an der Supermarktkasse Abstand halten. Besonders zu den Älteren. Die viel beschworene Generationen-Gerechtigkeit ergibt plötzlich einen ganz praktischen Sinn.

„Deutschland wird nach der Corona-Krise ein anderes Land sein“, sagt der Philosoph und Autor Jörg Bernardy aus Hamburg. Weil jeder erlebt, was Solidarität bewirken kann: „Das Vertrauen in den Staat und seine Maßnahmen wächst. Denn wir werden uns bewusst, worum es beim Wesen des Staates eigentlich geht. Um Solidarität.“ Die Gegner des Staates, die dumpfen Populisten mit ihren Falschmeldungen und Untergangsgesängen, entlarven sich selbst als hilflos. Weil sie kein Stück zur Überwindung der Krise beitragen. Es lohnt sich, nur jene zu unterstützen, die zupacken und sich engagieren.

Das Existentielle rückt in den Mittelpunkt

Ute Brüne ist gelernte Krankenschwester, hat den Beruf aber vor zehn Jahren aufgegeben, um mit ihrem Mann eine Druckerei zu führen. Ein Gutmensch durch und durch. Auf ihrem Firmengelände leben freilaufende Hühner, die von einem Langzeitarbeitslosen betreut werden. Die Mutter zweier erwachsener Kinder kritisiert, dass es im Wirtschaftsstudium „nur um Gewinnmaximierung geht, aber nicht um Werte“. Vergangene Woche, als Brüne mit Freunden im Garten saß und alle über ihre Ängste in Corona-Zeiten sprachen, kam ihr die Idee, sich bei der Wuppertaler Helios-Klinik um ihren alten Job zu bewerben. „Mein Mann kann die Druckerei vorübergehend auch alleine leiten“, sagt sie. „Und wenn die mich nur zum Bettenmachen brauchen – mir egal. Dafür kann jemand Qualifiziertes auf die Intensivstation gehen.“

Jörg Bernardy beobachtet, wie viele Menschen sich auf einmal fragen: Was steht in meiner Macht, um der Gesellschaft Gutes zu tun? Und sei es nur, den Fitnessklub- Beitrag nicht zurückzufordern, den man gerade zahlt, ohne trainieren zu können. Wir entdecken den Wert der kleinen Schritte und Taten. Bernardy ist zuversichtlich, dass die Krise unser Wertgefüge ändert. „Für das Gemeinwohl relevante Berufe gewinnen wieder an Renommee. Es ist ein gutes Zeichen, wenn jetzt den Krankenschwestern applaudiert wird. Uns fehlen Vorbilder aus diesem Bereich.“

Noch etwas bewirkt die Corona-Krise: Wir alle, die wir uns mit der ichbezogenen Selbstoptimierungsgesellschaft mehr oder weniger abgefunden haben, spüren wieder, dass wir soziale Wesen sind. Dass wir menschliche Nähe brauchen, nicht nur Kontakte auf Instagram und Facebook. Die Aufforderung, Abstand zu halten, ist für viele eine schmerzhafte Erfahrung. Da sind geschiedene Väter, die ihre Kinder nicht besuchen können. Und Großeltern, die sich nach ihren Enkeln sehnen. Wir vermissen den Tratsch im Café, den Schnack beim Feierabendbier.

Als Karsten Kossatz die Initiative „Rette deine Lieblingsorte“ ins Leben rief, hatte er genau das im Sinn. Auf seiner Website kann man Gutscheine von Restaurants, Klubs, Theatern kaufen, um sie nach der Krise wieder einzulösen. „Ich möchte, dass alle meine Lieblingsorte dann noch da sind. Und ich weiß, dass es Leute gibt, die ich gar nicht kenne, denen es genauso geht. Wir wachen gerade auf: Gesellschaft, das sind wir alle!“

Der Philosoph Bernardy nennt das gesunden Egoismus. „Wir unterstützen, was uns am Herzen liegt, und handeln so gemeinwohlorientiert.“ Es ist das, was der große französische Aufklärer Jean-Jacques Rousseau schon im 18. Jahrhundert formulierte: Wenn die Bevölkerung gut informiert, gebildet und frei ist, wird sich aus dem Handeln eines jeden Einzelnen ein positiver Gemeinwille entwickeln. Wie beim Musketier-Schlachtruf: „Einer für alle und alle für einen.“

Die Corona-Krise rückt das Existenzielle in den Mittelpunkt. Sie lässt uns zusammenstehen. Wir lernen, wichtig von unwichtig zu unterscheiden. Und begreifen: So schlecht sind wir Menschen gar nicht.

„Machen wir halt unsere eigenen Konzerte, jeden Abend, in meiner Küche“

Roun Zieverink

Roun Zieverink, 33, Dirigent und Pianist aus Hamburg, überträgt kostenlos Konzerte im Internet

„Die Hamburger Musikszene kenne ich ziemlich gut. Letzte Woche zeichnete sich früh ab: Oje, da kommt richtig was auf uns zu. Aufträge wurden ab­gesagt, Einkommen brachen von jetzt auf gleich komplett weg. Ich hatte die Idee, dass wir dann halt unsere eigenen Konzerte machen, jeden Abend, in meiner Küche, kostenlos und für alle. Ich spiele mit Opernsän- gerinnen oder Musical-Darstellern. Der organisatorische Aufwand ist gigantisch, ich muss die Musiker koordinieren, und viele Stücke lerne ich innerhalb eines Tages komplett neu. Um 18 Uhr proben wir, um 20 Uhr gehen wir live, jeden Abend. Ich bin Musiker aus Leiden- schaft. Ich habe in den nächsten Wochen die Chance, jeden Tag mit einem anderen Sänger zu spielen und den Leuten ­zu Hause damit Abwechslung und Freude zu bereiten. Die Resonanz auf unsere ­ersten Konzerte war überwältigend.“

„Ich wünsche mir, dass sich auch Hotels an meiner Aktion beteiligen“

Amira Fritz

Amira Fritz, Fotografin aus Berlin, stellt ihre Wohnung medizinischem ­Personal zur Verfügung

„Kürzlich las ich, dass jemand in ­Wuhan ein Hotel zur Verfügung gestellt hat für Ärzte, die Corona- Infizierte behandeln und ihre Familien nicht anstecken wollen. Das hat mich beeindruckt. In Berlin wohne ich in der Nähe der Charité. Da ich gerade nicht in der Stadt bin, bot ich über Instagram und Facebook an, dass Klinikmit­arbeiter dort vorübergehend kostenlos ­wohnen können. Eine Stammzellen­forscherin meldete sich, die eigentlich bei ihrer kranken Mutter wohnt, aber diese nicht gefährden möchte. Für sie ist meine Wohnung perfekt. Ich habe nun die Facebook-Gruppe „Flats for Heroes“ ins Leben gerufen, weil ich glaube, dass es einen großen Bedarf gibt. Ich würde mir wünschen, dass sich auch Hotels an meiner Aktion be­teiligen und dem Beispiel aus Wuhan folgen. Das wäre ein starkes Zeichen.“

„Viele Bekannte haben mir gesagt: Das halten wir nicht lange durch“

Karsten Kossatz

Karsten Kossatz, 28, Unternehmer aus Berlin, unterstützt Restaurants, Bars und Theater

„Viele Restaurant- und Klubbetreiber in meinem Bekanntenkreis haben nach den ersten Schließungsmaßnahmen gleich gesagt: „Das halten wir nicht lange durch.“ So kam mir die Idee für unsere Internetseite „Helfen.Berlin“. Da können sich Betroffene ­registrieren. Und Unterstützer können Gutscheine kaufen, die sich nach der Krise einlösen lassen. Binnen zwei ­Tagen haben sich schon 550 hilfe­suchende Unternehmen registriert, und es kamen 27.000 Euro zusammen.“

„Der Vater wollte mich für die Hilfe ­bezahlen. Das will ich auf keinen Fall“

Sally Feldmeier

Sally Feldmeier, 16, Schülerin aus Bargteheide, hilft Kindern beim Fernunterricht

„Als unsere Schule geschlossen wurde, dachte ich: Was machen all die Eltern, die kleine Kinder haben und arbeiten müssen? Da habe ich einen Aushang gemacht. Meine Eltern hatten erst Sorge, es könnte sich niemand melden. Aber dann hat gleich eine Familie angerufen, mit zwei Kindern im Grundschulalter. Der Vater hat mir am Telefon angeboten, dass er für die Hausaufgabenhilfe auch bezahlen würde. Das will ich auf keinen Fall.“

„Wir sind jung, wir haben Zeit – und helfen gern“

KjG

David Seifried (rechts), 21, Student aus Ettlingen, geht für Senioren einkaufen

„Ältere und Vorerkrankte sollten derzeit am besten komplett zu Hause bleiben. Aber wer geht für sie einkaufen? Seit einigen Tagen organisiere ich mit anderen Mitgliedern der Katholischen Jungen Gemeinde in Ettlingen eine Einkaufshilfe. Die Menschen rufen uns an, sagen, was sie brauchen, und dann stellen wir ihnen die Einkäufe vor die Tür. Oft rufen uns gar nicht die Älteren selbst an, sondern deren Kinder oder Enkel. Wenn uns die Senioren doch selbst anrufen, merken wir, dass viele noch unsicher sind, ob sie unsere Hilfe tatsächlich brauchen. Aber wozu ein Risiko eingehen? Wir sind jung, haben Zeit – und helfen gern.“

„Es gibt so viele, die quatschen und tun nichts“

Ute Brüne

Ute Brüne, 50, Druckereibesitzerin aus Wuppertal, wechselt ins Krankenhaus

„Man muss die Werte, an die man glaubt, vorleben. Mir sind Menschlichkeit und Nachhaltigkeit wichtig. Es gibt so viele, die quatschen und tun nichts. Bei uns im Betrieb unterstützen alle meine Entscheidung, auch wenn einige deshalb mehr arbeiten müssen. Als ich in der Helios-Klinik angerufen habe, waren die sofort begeistert. Ich könne im April anfangen. Ob ich ein Gehalt bekomme? Darüber haben wir nicht geredet. Ist mir auch egal.“

„Trotz Corona muss der Schulunterricht weitergehen“

Sven Mahn

Sven Mahn, 43, IT-Unternehmer aus Hamburg, schafft virtuelle Klassenräume

„Trotz Corona muss der Unterricht doch irgendwie weitergehen, oder?

Ein perfektes Tool dafür wäre ­Microsoft Teams, eine Plattform, auf der sich Schüler und Lehrer treffen können, der Lehrer kann auf einer virtuellen ­ Tafel schreiben, Schüler können sich melden, man kann Dokumente teilen.

Eigentlich unterscheidet sich Teams nicht so sehr von einem normalen Klassenraum; es sitzen halt nur alle zu Hause. Ich möchte Teams gern an Schulen bringen, kostenlos. Wir haben Anleitungen entworfen, die jeder Lehrer versteht. Ich möchte auch das deutschlandweite Netzwerk von Microsoft-Partnern nutzen. Es gibt da einige Schwierigkeiten, Stichwort Datenschutz. Aber ich bin seit 25 Jahren freiwilliger Feuerwehrmann, da klopfen wir auch nicht an, wenn es brennt, wir gehen rein und löschen.“

„Das Gefühl drohender Einsamkeit ist für viele kaum auszuhalten“

Martina Rudolph-Zeller

Martina Rudolph-Zeller, 58, Therapeutin aus Stuttgart, arbeitet nebenbei als Telefonseelsorgerin

„Die Zahl der Anrufe hat sich bei uns in den vergangenen drei Tagen verdoppelt. Das Gefühl der drohenden Einsamkeit ist für viele Menschen kaum auszuhalten. Ihr Alltag hat seine Struktur verloren, alles bricht weg. Selbsthilfegruppen treffen sich nicht mehr, Freunde und Verwandte werden nicht mehr besucht, selbst die wöchentliche Kartenrunde findet nicht statt. Ich gehe von einer weiteren Zuspitzung der Situation aus. Aber wir sind gut gerüstet. Ich sehe diese Zeit auch als eine Chance, über die eigenen Werte neu nachzudenken. Muss ich jeden Tag shoppen gehen, ständig auf Reisen sein – oder was ist mir wirklich wichtig?

Coronavirus: "Die Vergessenen" – wie eine Sängerin Obdachlosen in Hamburg hilft

Protokolle: Ruben Rehage, Tilman Gerwien, Katharina Grimm, Silke Gronwald, Jan Rosenkranz, Cathrin Wißmann

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Erschienen in stern 14/2020

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