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Lockdown-Talk bei "Maybrit Illner" Grünen-Politiker Palmer fordert "weniger Bedenken" – Lauterbach appelliert: durchhalten

Entgegen des Sendungstitels "Lockern, aber sicher – geht das?" ging es bei "maybrit illner" recht wenig um mögliche Lockerungsszenarien. Es blieb der seit Monaten bekannte Mix aus Mutmaßungen, Hoffnungen und Ernüchterungen.
Entgegen des Sendungstitels "Lockern, aber sicher – geht das?" ging es bei "maybrit illner" recht wenig um mögliche Lockerungsszenarien. Es blieb der seit Monaten bekannte Mix aus Mutmaßungen, Hoffnungen und Ernüchterungen.
© ZDF / Svea Pietschmann
Bei Maybrit Illner forderte nur Boris Palmer den schnellen Ausstieg aus dem Lockdown. Die weiteren Gäste hatten große Bedenken und Sorgen.

Noch befinden wir uns im Lockdown. Aber wird es am nächsten Mittwoch bei dem Coronagipfel eigentlich noch etwas zu besprechen geben? Oder haben die Bundesländer bis dahin schon selbst entschieden, wie, wann und unter welchen Bedingungen der Lockdown aufgehoben wird? "Lockern, aber sicher – geht das?" wollte Maybrit Illner von Ihren Gästen wissen.

Es diskutierten:

Prof. Dr. rer. nat. Susanne Schreiber, Neurowissenschaftlerin und stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrates

Dr. med Isabelle Oberbeck, Amtsärztin in Weimar

Prof. Dr. Karl Lauterbach (SPD), Mitglied im deutschen Bundestag, Epidemiologe und Gesundheitsökonom

Boris Palmer(Bündnis 90/ Die Grünen) Oberbürgermeister von Tübingen

Professor Dr. Harald Lesch, Wissenschaftsjournalist, Astrophysiker und Autor

Tübingens Bürgermeister Palmer, immer gut für kernige Äußerungen, die auch mal übers Ziel hinausschießen, ist sich sicher: Weiter im Lockdown verharren ist für viele Menschen keine Option. "Wir können nicht mehr." Und wie können uns das "Zulassen nicht mehr leisten". Deswegen sollten wir alle aus der schwarz-weiß Logik, es gäbe nur totale Öffnung oder Lockdown, raus. Für ihn sei sein Weg, der des intensiven Testens und des hoffentlich bald anlaufenden Impfens, der einzig mögliche Weg.

Es fehlen gute Tests!

Karl Lauterbach, der oft als Bedenkenträger verhöhnt wird und am Ende doch oft Recht hat, warf ein, dass gerade das Testen aber zu einem Problem werden könne. Denn viele der Schnelltests, die jetzt auf den Markt kommen, wurden zugelassen ohne dass ihre Wirksamkeit überprüft wurde. Das kann katastrophale Folgen haben. Denn selbst die bereits zugelassenen Abstrichtests, die laut Lauterbach sehr gut sind und bisher von Fachpersonen genutzt wurden, können nicht jede Infektion aufdecken. Sechs von zehn Fällen werden erkannt, aber "viele Tests haben nicht diese Qualität". Mit den guten Tests lässt sich die massive Nachfrage momentan aber nicht bedienen. Auch fraglich ist, wie und wer verfolgt, dass bei einem positiven Selbsttest ein PCR-Test und eine Meldung ans Gesundheitsamt erfolgt.

Weniger Bedenken, mehr Lösungen!

"Das sind lösbare Probleme", erklärte Palmer, er wünsche sich, dass "nicht immer nur Bedenken vorgetragen" werden. Aber ist das nicht Sinn und Zweck einer solchen Talkshow, gerade wenn sie sich um sehnsüchtig erwartete Lockerungen dreht? Natürlich ist es anstrengend immer wieder darauf aufmerksam gemacht zu werden, dass es keine Sicherheit gibt, dass wir mit einem Restrisiko leben müssen. Aber wäre es nicht sinnvoll, dieses möglichst gering zu halten? Lauterbachs Wunsch: Wir mögen noch sechs bis acht Wochen im Lockdown durchhalten, dann wären die Risikogruppen geimpft. Und dann könnte es auch Lockerungen geben.

Nicht jeder hat Zugang zu Schnelltests

Für viele Familien gibt es bereits Lockerungen in Form von Zwang. Sie müssen ihre Kinder in die Schulen schicken, in einigen Bundesländern gilt die Präsenzpflicht wieder. Diese Familien und auch die LehrerInnen und ErzieherInnen brauchen dringend die versprochenen Selbsttests. Allein, es wird um Geduld gebeten. Noch ist nicht genau klar, wie und wann Schulen und Kitas mit Selbsttests versorgt werden können. Palmer verwies darauf, dass er bereits seit Wochen über 10.000 Tests ausgegeben hätte.

Nun leben wir nicht alle in Tübingen oder Rostock, wo es laut den Bürgermeistern der Stadt bald wieder normales Alltagsleben geben soll. Jedenfalls für ungefähr sechs Stunden, denn solange könne man sich ungefähr nach einem Coronaschnelltest mithilfe eines QR- Codes auch mal ins Museum oder ins Café begeben.

Wir brauchen Impfungen

Allerdings, so die Amtsärztin Isabelle Oberbeck, "nicht testen wird die Pandemie beenden, sondern die Impfung". Und hier muss es dringend schneller gehen. Es heißt immer wieder, dass die Menschen sich nicht mit Astrazeneca impfen lassen wollen würden, aktuell könnten 1,2 Millionen Impfdosen nicht verimpft werden. Der Impfstoff hat ein Imageproblem, vollkommen zu Unrecht, wie alle Beteiligten bestätigten. Denn auch Astra Zeneca würde bei über Achtzigjährigen zu 80 Prozent eine schwere Erkrankung und einen Krankenhausaufenthalt verhindern können. Und 80 Prozent sind nun mal sehr viel mehr als gar kein Schutz.

Änderungen in der Impfstrategie diskutieren

Eine Möglichkeit, das Impfen schneller voranzutreiben sei es, so Lauterbach, das Impfen von Menschen in den ersten drei Risikogruppen gleichzeitig zu erlauben. Wenn also aus der höchsten Prioritätengruppe jemand den AstraZeneca-Impfstoff ablehnt, könnte jemand aus Gruppe 2 oder 3 nachrücken. Das würde sehr viel Zeit sparen.

Eine weitere Möglichkeit sei es, die Impfabstände zwischen den zwei Impfungen im festgesetzten und erlaubten Rahmen etwas in die Länge zu ziehen. Lauterbachs Paper dazu kommt zu dem Schluss, dass dies 8000 bis 14.000 Menschen das Leben rettet.

Weitere Themenpunkte:

  • Reicht die Corona WarnApp? Maybrit Illner stellte zur Diskussion, ob wir mit der Nutzung der Luca App anstelle der bisherigen Corona WarnApp schneller aus dem Lockdown kommen. Das Vertrauen in diese App ist allerdings noch geteilt.
  • Sind wir zu perfektionistisch? Mehrfach ging es im Talk um Fehler aus der Vergangenheit, die darauf zurückzuführen sind, dass EntscheiderInnen zu vorsichtig agieren und zu sehr auf Perfektionismus pochen. Dem gegenüber stehen dann aber Entscheidungen von beispielsweise Jens Spahn, der mit Ideen vorprescht, ohne dann liefern zu können.
  • Wird es eine dritte Welle geben? Während alle Gäste noch rumdrucksten und Angst vor einer möglichen dritten Welle signalisierten, wurde Lauterbach deutlicher. "Wir sind ganz klar in der dritten Welle angekommen." Fraglich ist nur, wie wir nun gerade mit den Mutationen, durch sie hindurchkommen.

Entgegen des Sendungstitels ging es bei "Maybrit Illner" recht wenig um mögliche Lockerungsszenarien. Es blieb der seit Monaten bekannte Mix aus Mutmaßungen, Hoffnungen und Ernüchterungen. Der Ruf nach Mäßigung und noch etwas mehr Durchhalten ist laut, gleichzeitig sind viele Menschen an ihren Grenzen angekommen. Wie sich die Öffnung der Schulen auf das Infektionsgeschehen auswirken wird, dazu gibt es bis nächsten Mittwoch vermutlich eine erste Tendenz, wenngleich auch belastbare Zahlen rar sein werden, weil die versprochenen Schnelltests eben noch nicht zum Einsatz kommen.

les

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