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Großbritannien Armut: Immer mehr Briten müssen sich zwischen Essen und Heizen entscheiden

Armut ist in Großbritannien zu einem landesweiten Problem geworden.
Armut hat Großbritannien während der Corona-Pandemie stark zugenommen – die Inflation und der Anstieg der Energiepreise befeuern diesen Effekt noch weiter.
© Thanassis Stavrakis/ AP / DPA
Im Zuge der Corona-Pandemie hat sich in Großbritannien auch Armut massiv ausgebreitet. Gestiegene Lebensmittelpreise treiben immer mehr Menschen an das Existenzminimum.

Die Inflation, steigende Mieten, höhere Preise für Lebensmittel und Energie: all das ist für viele Menschen ein Ärgernis. Für immer mehr Briten wird die Preisentwicklung der vergangenen Monate nun aber zur Existenzbedrohung.

"Ich kämpfe wirklich, um über die Runden zu kommen", sagt Heidi in der Schlange vor der Tafel im ostenglischen Colchester. So wie der 45-Jährigen geht es derzeit vielen Briten. Die Inflation in Großbritannien stieg im Dezember mit 5,4 Prozent auf den höchsten Wert seit 30 Jahren. Die Reallöhne sinken, die Lebensmittel- und Energiekosten steigen. 

Armut in Großbritannien: Tafeln verzeichnen Ansturm

Die Tafeln im Vereinigten Königreich erleben inzwischen einen regelrechten Ansturm. Alles sei teurer geworden, erzählt Heidi. Inzwischen müsse sie rund 80 Pfund (95 Euro) pro Monat für Strom ausgeben. Im vergangenen Jahr seien es noch zwischen 40 und 50 Pfund gewesen. 

Die Tafel in Colchester, die zwischen lauter Supermärkten in einem Gewerbeviertel liegt, gab vergangenes Jahr insgesamt 165 Tonnen Lebensmittel aus, genug um rund 17.000 Menschen zu ernähren. Der Leiter der Tafel, Mike Beckett, schätzt, dass die Zahl in diesem Jahr auf 20.000 Bedürftige steigen könnte. Im allerschlechtesten Fall könnten es bis zu 30.000 Menschen werden, sagt er. "Ein Albtraum."

Landesweit stieg die Zahl der Tafelbesucher nach Angaben der Organisation Trussell Trust, die die Tafeln verwaltet, von 26.000 im Jahr 2009 auf mehr als 2,5 Millionen im vergangenen Jahr.

Die Journalistin und Aktivistin Jack Monroe vermutet insbesondere die stark gestiegenen Kosten vieler Grundnahrungsmittel hinter der Misere. Deren tatsächliche Kosten seien nämlich weitaus stärker gestiegen als die offizielle Inflationsrate, wie sie in einem viel beachteten Beitrag auf Twitter vorrechnete.

Preise für Grundnahrungsmittel haben sich teilweise vervielfacht

500 Gramm der günstigsten Nudeln in ihrem örtlichen Supermarkt hätten vor einem Jahr 29 Pence (0,35 Euro) gekostet, schrieb Monroe. Heute liege der Preis bei 70 Pence – ein Anstieg von 141 Prozent. Der Preis für den günstigsten Reis legte demnach um 344 Prozent von 0,45 Pfund auf ein Pfund zu.

"Das System, mit dem wir die Auswirkungen der Inflation messen, ist grundlegend fehlerhaft", kritisiert sie. "Es ignoriert völlig die Realität und die echten Preissteigerungen für Menschen mit Mindestlöhnen, Tafelbesucher und Millionen andere." 

Diese Einschätzung teilt auch Tafel-Chef Beckett. Die Inflationsmessung "berücksichtigt nicht wirklich, dass günstige Lebensmittel teurer werden, und zwar um hunderte Prozent", sagt er. Zusätzlich verschärft wird die Lage durch die Entscheidung der Regierung, die während der Corona-Krise angehobenen Sozialleistungen wieder auf ihr ursprüngliches Niveau zu senken.

"Menschen müssen sich zwischen Essen und Heizen entscheiden"

"Die Leute erzählen uns, dass sie 20 Minuten oder eine Stunde im Auto saßen, bevor sie den Mut hatten, zu uns zu kommen", erzählt Beckett. Viele "dachten nicht, dass sie jemals darauf angewiesen sein würden." Aber sie hätten keine andere Wahl. "Wenn es kalt ist, müssen sich die Menschen zwischen Essen und Heizen entscheiden."

Laut einem im Januar veröffentlichten Bericht der Wohlfahrtsstiftung Joseph Rowntree Foundation haben bestimmte Regelungen der Sozialhilfe – etwa die fünfwöchige Wartefrist für die ersten Zahlungen und die Deckelung des Kindergeldes auf zwei Kinder – "direkt zu einer größeren Ernährungsunsicherheit geführt und zum Anstieg der Inanspruchnahme von Tafeln beigetragen".

Schon bald könnten noch mehr Briten in Bedrängnis geraten, denn im April werden die Lebenshaltungskosten für britische Haushalte voraussichtlich noch einmal steigen. Grund ist neben Steuererhöhungen vor allem ein deutlicher Preisanstieg bei den Energiekosten um satte 50 Prozent.

pgo/ Charles Onians AFP

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