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Afghanistan Festgenommener Talibanführer ein Überläufer?


Mit Malauwi Roshan hätte man einen "hochrangigen Talibanführer" festgenommen, vermeldete die Bundeswehr am Mittwoch. Dabei hatte der Mann bereits 2008 vergeblich Kontakt zum deutschen Camp aufgenommen und sich bereit erklärt, die Seiten zu wechseln.
Von Christoph Reuter, Kabul

Einen "hochrangigen Talibanführer" hätten "Spezialkräfte des deutschen Einsatzkontingentes" Dienstagnacht festgenommen, vermeldete die Bundeswehr gestern stolz auf ihrer Website. Mit Maulawi Roshan habe die KSK einen Taliban-Anführer festgesetzt, der "mit der Vorbereitung und Durchführung zahlreicher Anschläge" sowie "mit zahlreichen sonstigen kriminellen Aktivitäten im Raum Kunduz in Verbindung gebracht" werde.

Doch der Mann, den das KSK-Kommando gemeinsam mit afghanischen Sicherheitskräften in der Nacht zum Dienstag festnahm, entspricht so gar nicht dem Bild vom radikalen, hochaktiven Militärführer, das öffentlich verbreitet wird.

Ende 2008 Kontakt zum deutschen Camp in Kunduz

Tatsächlich war Maulawi Roshan einer der ältesten Talibanführer im Raum Kunduz und einer der letzten aus der alten Garde, der noch nicht festgenommen oder umgebracht worden ist. Nur mit dem Kampf hatte Roshan, ein bärtiger Mittfünfziger, schon seit einer Weile nicht mehr viel zu tun. Sondern wurde schon seit längerem von den eigenen Leuten verdächtigt, seinen Frieden mit den ausländischen Truppen und der afghanischen Regierung machen zu wollen.

Und das nicht ohne Grund: Bereits Ende 2008 hatte er Kontakt zum deutschen Camp in Kunduz aufnehmen lassen. Über einen einflussreichen Mittelsmann in Kunduz meldete Roshan sich bei der Führung des Bundeswehr. Er sei bereit zu verhandeln, die Seiten zu wechseln, deutete er an. Aber um weiterhin in Gur Tepa bleiben zu können, müsse er etwas vorweisen können. Die Deutschen sollten Projekte dort finanzieren, Infrastruktur aufbauen.

Afghanische Nachrichtendienstler wurden informiert

Aber die wollten Maulawi Roshan nicht einmal treffen. Nach internem Hin und Her warnten vor allem die Bundeswehrgeheimdienstler der Abteilung J2 davor, eigenmächtig mit einem Taliban-Kommandeur zu verhandeln, ohne den afghanischen Geheimdienst NDS einzuschalten. Was sie denn auch taten. Was sie nicht wussten: Roshan selbst hatte da längst auch schon mit dem Gouverneur von Kunduz, Mohammed Omar, über dasselbe Thema gesprochen.

So wurde der Mittelsmann hingehalten, Tage über Tage, Wochen über Wochen, bis der Kontakt versandete. Respektive, bis Roshan sich entweder nicht länger hinhalten lassen wollte oder Angst bekam, dass seine Verrats-Anbahnung zu weite Kreise ziehen könnte. Angeblich hatte er da bereits erfahren, dass die Deutschen ihre Kenntnis seiner diskreten Kontaktaufnahme mit den afghanischen Nachrichtendienstlern teilten.

Quer durch die Einfluss- und Machtgebiete der Taliban zog sich schon damals ein Konflikt zwischen lokalen und zumeist aus anderen Provinzen oder Pakistan entsandten Kommandeuren: Während die Alteingesessenen Rücksicht nehmen müssen auf die Bevölkerung, mithin ihre eigene Verwandtschaft, agieren fremde Kommandeure oft brutaler. Sei es, dass Raketen mitten aus Dörfern abgefeuert werden, dass zur Erntezeit gekämpft wird und die Felder abbrennen; oder sei es, dass unbotmäßige Stammesführer und Mullahs umgebracht werden – regelmäßig sind es die lokalen Kommandeure, die mäßigen und unter der Hand oft mit ausländischen Aufbauhelfern kooperieren, während die Auswärtigen auf Kampf drängen.

Ein Mullah und ein paar Gehilfen

Maulawi Roshan habe in den letzten Jahren vor allem als Richter und religiös versierter Vermittler fungiert, berichten Dorfbewohner aus Gur Tepa, die vor den Taliban und den Kämpfen dort nach Kunduz geflohen sind. Angesichts der völlig korrupten afghanischen Justiz, die Fälle über Jahre verschleppt und Schmiergelder von allen Parteien einfordert, ist das archaische Justizsystem der Taliban eine ihrer populärsten Maßnahmen: Ein Mullah, ein paar Gehilfen kommen als mobiles Gericht und verhandeln Streitfälle, die sich meist um Landbesitz oder Wasserrechte drehen. Binnen Tagen, manchmal Stunden fällt eine Entscheidung, "und an die halten sich alle, müssen sich alle halten", beschreiben es fast wortgleich Bauern aus von Taliban kontrollierten Dörfern in Kunduz. Außerdem seien die meisten Taliban-Richter nicht korrupt.

Eine lebensgefährliche Anschuldigung

Als Anfang 2010 eine hochrangige Taliban-Delegation aus Quetta nach Nordafghanistan kam, die in ihren Augen immer noch zu träge lokale Kommandeursriege zu mehr Anschlägen zu bewegen und einige örtliche Kommandeure auszutauschen, fiel auch Roshan dem Revirement zum Opfer. Sein Ansehen und sein Rang als langjähriger Talibanführer in Kunduz gaben ihm einen gewissen Schutz, aber das Sagen hatten fortan andere.

Nach einem der wiederholten US-Angriffe auf Gur Tepa, einer Gegend nördlich der Stadt Kunduz, die als Hochburg auch der örtlichen Al-Kaida-Kader gilt und ein Sammelpunkt ausländischer Dschihadisten ist, wurde Roshan Ende Juni dieses Jahres von einigen Radikalen als Informant verdächtigt. Eine lebensgefährliche Anschuldigung. Aber auch schon seine tatsächlichen Versuche der Kontaktaufnahme mit der Bundeswehr hätten ihn den Kopf kosten können.

Mehr Angst vor den Tschetschenen

Als die deutschen Soldaten sein Gehöft im Dorf Kharoti in der Gegend von Gur Tepa nördlich von Kunduz stürmten, fiel kein einziger Schuss, Roshan selbst war nicht einmal bewaffnet. Das ist ungewöhnlich. Bei vergleichbaren Operationen amerikanischer Special Forces, die allein dieses Jahr annähernd die Hälfte aller Talibankommandeure in der Provinz Kunduz umbrachten oder festnahmen, kommt es fast immer zu Schusswechseln.

"Maulawi Roshan hatte schon lange mehr Angst vor den Tschetschenen als vor den ausländischen Truppen", schildert ein Bekannter des Mannes dessen Lage. Wie unglücklich Roshan über seine Festnahme sei, bleibe fraglich. Aber auf jeden Fall würden in Gur Tepa nun die radikalen Kommandeure endgültig die Oberhand haben.


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