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Anschläge in London: Polizei fahndet nach Rucksacktätern

Nach den Anschlägen auf den Londoner Nahverkehr stehen die Ermittlungen nach Angaben der Polizei vor dem Durchbruch. Scotland Yard habe an den Tatorten ein "kriminaltechnisches Eldorado" vorgefunden.

Nach den zweiten Bombenanschlägen in London fahndet die Polizei mit Hochdruck nach bis zu vier Tätern. Kriminaltechniker von Scotland Yard untersuchten die vier Tatorte in der Nacht zum Freitag auf Spuren, die zu den Tätern führen könnten. Die Bomben waren in drei U-Bahnen und einem Doppeldeckerbus, versteckt in Rucksäcken, abgelegt worden. Allerdings war nach Berichten vom Abend nicht der Sprengstoff selbst detoniert, sondern nur die Zünder der Sprengsätze.

Die Ermittlungen bei den erneuten Anschlägen beziehungsweise Anschlagsversuchen stünden vor einem "bedeutenden Durchbruch", da an den Tatorten wichtige Spuren gesichert worden seien, sagte Scotland Yard-Chef Ian Blair. Auf den Rucksäcken könnten nun Fingerabdrücke und DNA-Spuren sichergestellt werden, hieß es. Ein Experte sprach von einem "kriminaltechnischen Eldorado". Nach Informationen des "Daily Mirror" wusste Scotland Yard, dass diese Woche ein neuer Anschlag auf die U-Bahn bevorstand. "Der Informant konnte aber nicht sagen, wo und wann", zitierte die Zeitung eine "Sicherheitsquelle". Die Boulevardzeitung "Daily Express" bezeichnete die neuen Anschläge als "Blamage für die britischen Geheimdienste", die wieder ahnungslos gewesen seien.

Fingerabdrücke, noch keine Festnahmen

In der Hoffnung auf Fingerabdrücke oder andere Anhaltspunkte untersuchten Experten dazu die Bomben-Reste in den drei U-Bahnen und dem Bus, in denen es nahezu zeitgleich vier leichte Explosionen gegeben hatte. Festnahmen in dem Zusammenhang gab es nach Angaben der Polizei vom Freitag noch nicht. Zwei Personen seien nach Befragungen bereits am Donnerstag wieder freigekommen, erklärte Scotland Yard. Die Behörden gehen zudem davon aus, dass nur eine Person verletzt wurde. Der Fahrgast sei mit Verdacht auf einen Asthma-Anfall im Krankenhaus behandelt worden.

Die neuerlichen Anschläge in London waren nach demselben Muster verübt worden wie die Attentate vor zwei Wochen, aber weniger folgenschwer. Auch diesmal waren drei U-Bahnen und ein Bus das Ziel, damals waren jedoch 56 Menschen getötet und hunderte verletzt worden. Die Behörden hatten allerdings schon am Donnerstag erklärt, auch diesmal seien die Sprengsätze mit dem Ziel eingesetzt worden, Menschen zu töten. Die Londoner Polizei glaubt einem Zeitungsbericht zufolge, dass hinter den neuen Anschlägen derselbe Bombenbauer steckt wie vor zwei Wochen. Allerdings sei die Verbindung zwischen dem Zünder und dem Sprengstoff diesmal fehlerhaft gewesen, berichtete die Zeitung "The Sun". Die Polizei wollte den Bericht nicht kommentieren. Augenzeugen hatten von mindestens zwei mutmaßlichen Tätern berichtet, die nach den Detonationen geflohen seien.

Passagiere sehen Rucksacktäter

Der U-Bahn-Passagier Abisha Moyo sagte der Zeitung "Daily Mail", er habe einen Knall gehört, sich umgedreht und einen Mann auf dem Boden des Waggons liegen sehen. Zunächst habe er gedacht, der Mann sei angeschossen worden, doch dann habe er bemerkt, dass der etwa 20-jährige auf einem Rucksack lag, aus dem Rauch kam. Andere Passagiere hätten die Notbremse gezogen, und wenig später sei der Mann über die Gleise der U-Bahn geflüchtet.

Ein Passagier in einem anderen der insgesamt drei angegriffenen U-Bahnzüge, Gary Carter, berichtete dem "Daily Express", er habe die Explosion selbst gesehen. Der Mann, dem der Rucksack gehört habe, habe "erschrocken" ausgesehen: "Er hat den Rucksack fast sofort zurückgelassen und ist geflohen. Drei Leute haben versucht, ihn daran zu hindern, aber vergeblich."

London im Ausnahmezustand

Die neuen Anschläge trafen die Metropole ins Mark, auch wenn es keine Opfer gab. Zahlreiche U-Bahnstationen waren vorübergehend evakuiert worden, scharenweise wurden in Panik geratene Fahrgäste aus den Waggons geholt. Das Regierungsviertel Whitehall wurde kurzzeitig abgesperrt.

Premierminister Tony Blair rief die Bevölkerung auf, ihrer normalen Tätigkeit weiter nachzugehen. Er forderte die Briten auf, wie in der Vergangenheit mit der bekannten Ruhe, Würde und Entschlossenheit zu reagieren. Das Ziel der Attentäter sei ja gerade, die Leute einzuschüchtern. "Wir wollen so schnell wie möglich zur Normalität zurückzukehren."

Hinter dem Anschlag von vor zwei Wochen werden radikale Moslems mit Verbindungen zur Extremistenorganisation al Kaida vermutet. Nach Angaben der Polizei ist es aber noch offen, ob auch in diesem Fall eine solche Verbindung vorliegen könnte.

DPA/Reuters / DPA / Reuters