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Aufstand in Myanmar: Die letzte Chance auf Freiheit

Genau ist nicht bekannt, wie viele Menschen aus Myanmar in Deutschland leben. Einige Tausende sind es wohl, fast alle haben ihre Heimat wegen der politischen Verhältnisse dort verlassen. Wie erleben sie die Ausschreitungen? stern.de hat mit einem der Exilanten gesprochen.

Salai Kipp Kho Liam ist 59 Jahre alt und wohnt nach eigenen Angaben seit 21 Jahren in Hamburg. In Myanmar hat er Architektur studiert, nahm an mehreren Aufständen gegen die Militärregierung teil. Er gehört dem Chin-Volk an, einer etwa 1,5 Millionen Menschen umfassenden christlichen Minderheit in Myanmar, trat deswegen immer wieder für mehr Föderalismus im Land ein - zum Ärger der zentralistisch orientierten Militärregierung. Er wurde zweimal festgenommen und für längere Zeit inhaftiert. Auch von Deutschland aus engagiert sich Kipp in mehreren Chin-Exilgruppen.

Hätten Sie damit gerechnet, dass es gerade jetzt zum Aufstand kommt?

Ich habe erwartet, dass es früher oder später soweit ist. Früher war ich selbst als Aktivist unterwegs, es war eine sehr spannende Zeit. Ich war sehr jung. Viele von uns gingen ins Gefängnis, einige meiner Freunde starben. Auch diesmal werden viele Menschen leiden, aber wir müssen es diesmal schaffen.

Warum?

In 45 Jahren Diktatur haben die Militärs das Land mit eiserner Hand regiert. Es ist sehr schwierig, sich gegen sie zu erheben. Wir glauben, dass dieser Aufstand unsere letzte Chance ist. Wenn wir es jetzt nicht schaffen, dann werden wir in den nächsten 30 Jahren kaum eine neue Chance bekommen. Und bis dahin wird das ganze Land ruiniert sein. Ohne internationale Unterstützung werden wir den Kampf verlieren.

Wie könnte eine solche Hilfe aussehen?

Die internationale Gemeinschaft muss nun praktisch handeln. Es reicht nicht zu sagen, dass man die Niederschlagung missbilligt. Wir brauchen konkrete Unterstützung. Natürlich kann die deutsche Regierung keine Finanzhilfen für die Aufständischen schicken, das können wir als Privatpersonen selbst kaum. Aber wir müssen einen Kanal finden, über den wir internationalen Druck ausüben können. Ein erster Schritt wäre vielleicht, den Machthabern aus Birma die Einreise ins westliche Ausland zu verweigern. Und auch die Geschäfte der deutschen Waffenindustrie mit der Militärjunta sollten unterbunden werden. Es gibt deutsche Waffen in Birma. Darüber sind wir sehr wütend.

Sie haben selbst im Gefängnis gesessen, als sie noch in Myanmar lebten.

Es fing damit an, dass ich im Jahr 1969 eine Petition für mehr Föderalismus in der neuen Verfassung unterschrieben habe. Damals sagten sie mir: "Wenn du in Richtung Föderalismus gehen willst, dann gehst du Richtung Gefängnis". Kurz vor dem Verfassungsreferendum im Jahr 1973 haben sie mich dann zum ersten Mal eingesperrt, ich war mehr als ein Jahr im Gefängnis. Das zweite Mal haben sie mich Ende 1974 inhaftiert. Damals demonstrierten wir für ein Mausoleum für den kurz zuvor gestorbenen ehemaligen UN-Generalsekretär Sithu U Thant. Ich saß vier Monate.

Wie waren die Haftbedingungen? Wurden Sie misshandelt?

Mich haben sie zum Glück nicht gefoltert, aber meinen Onkel. Er ist dabei ums Leben gekommen.

Was macht das Regime in Myanmar in ihren Augen so grauenvoll?

Es gibt keine Redefreiheit. Niemand ist frei, die Regierung zu kritisieren, auch nicht dafür, dass sie stehlen, foltern und Andersdenkende ins Gefängnis werfen. Ich würde schon sagen, dass jeder Mensch in Birma auf die eine oder andere Weise gegen die Militärjunta ist.

Haben Sie noch Verwandte in Myanmar?

Ich habe schon Kontakt zu meinen Verwandten, aber ich würde niemals zurück nach Birma gehen, so lange die Militärs an der Macht sind.

Stehen Sie mit ihren Verwandten noch in Kontakt?

Wenn wir reden, dann geht es weniger um Politik. Aber natürlich fragen wir sie, was momentan vor sich geht. Wir wissen, dass sie alle Auslandstelefonate abhören. Einzig mein Bruder ist völlig angstfrei. Er sagt: "Ich bin doch kein Aktivist" und traut sich, offen über Politik zu reden.

Gingen Verwandte von Ihnen auf die Straße?

Dazu möchte ich nichts sagen.

Welche Vision hätten Sie für ein neues Myanmar? Wie könnte der Staat aussehen, wenn es keine Militärregierung mehr gäbe?

Es würde ein demokratischer, föderalistischer Staat sein. Einfach demokratische Reformen einzuleiten wäre nicht genug, wir brauchen Minderheitenschutz in diesem Vielvölkerstaat. So etwas könnte man in einem Bundesstaat verwirklichen.

Und welchen Wunsch haben Sie für die laufenden Proteste?

Wir hoffen, dass die Menschen weiter kämpfen. Und wir hoffen auch, dass sich das Militär unter Umständen spaltet, dass ein Teil auf Seiten der Bevölkerung übertritt. Unser größer Wunsch ist Freiheit, und dass die internationale Gemeinschaft uns dabei helfen möge.

Interview: Sebastian Christ
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