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Australische Ureinwohner: Warten auf ein "Tut mir leid"

Seit 50.000 Jahren leben die Aborigenes auf dem australischen Kontinent. Gerade einmal 20 Jahre sind vergangen, seitdem die australische Regierung vielen Ureinwohnern ihre Kinder weggenommen hat. Eine Entschuldigung dafür fehlt bis heute.

Von Michael Lenz

Stolz sind sie, die Australier, auf die Ureinwohner des Landes. Das jedenfalls ist der Eindruck, den man angesichts der vielen Bezüge auf die Aborigines, ihre Kunst und Kultur bekommen kann. Die Fluggesellschaft Qantas fliegt mit Aboriginalkunst auf dem Rumpf ihrer Flugzeuge in alle Welt. Keine Fremdenverkehrswerbung ohne Fotos mit Didgeridoo spielenden Aborigines. Jede offizielle Veranstaltung down under beginnt politisch korrekt mit einer Verbeugung vor den Ureinwohnern als den "traditionellen Eigentümern des Landes". Es scheint, als hätten Einwanderer und Ureinwohner nach über zweihundert Jahren der Ungerechtigkeit und Unterdrückung ihren Frieden miteinander gemacht und seien eine Nation geworden.

Die Realität sieht anders aus. Das wird besonders in diesen Tagen deutlich, in denen zwei Jahrestage die Aussies zwingen, sich ihrer Geschichte zu stellen. Beide Jahrestage machen erschreckend das Ausmaß der Unterdrückung Aborigines deutlich. Im Mai vor 40 Jahren sprachen sich 90,7 Prozent der Australier dafür aus, den Aborigines die australische Staatsbürgerschaft zu geben. Zur Erinnerung: Die Aborigines leben seit 50.000 Jahren auf dem fünften Kontinent. Die Geschichte des weißen Australien begann 1788 als britische Sträflingskolonie.

Die Kinder der "Stolen Generation"

Der zweite Jahrestag ist der der Übergabe des Berichtes über die "Gestohlene Generation" an das australische Parlament vor zehn Jahren. Mit "Stolen Generation" werden die Aborigines bezeichnet, die seit Anfang des 20. Jahrhunderts Kinder zwangsweise ihren Eltern weggenommen worden waren, um in Missionsschulen zu "weißen Werten" umerzogen zu werden. Offiziell waren von dieser Politik "nur" die Mischlingskinder betroffen. Die Aborigines, so die damals gängige Auffassung in Australien, seien auf Grund ihrer biologischen Minderwertigkeit zum Aussterben verurteilt. Also brauche man sich um die nicht weiter kümmern. Nur die Mischlingskinder mit "weißem Blut" erschienen im Rahmen der "Australien nur für Weiße"-Politik rettenswert.

Deborah Cheetham ist eine gefeierte Sopranistin in Australien. Ihren größten Auftritt hatte sie im Jahr 2003 bei der weltweit übertragenen Eröffnung des Rugby World Cup. Sie war die erste Aborigine, die bei einer offiziellen Veranstaltung die australische Nationalhymne singen durfte. Die offen lesbische Cheetham hatte Ende der 90er Jahre mit dem Einpersonenstück "White Baptist Abba Fan" für Furore gesorgt. Darin erzählte sie von ihrer Kindheit in einer weißen Familie, davon, wie sie gleich nach ihrer Geburt 1969, zwei Jahre nach dem Referendum über die Staatsbürgerschaft, ihrer Aboriginalmutter weggenommen und einer weißen Mittelklassefamilie in Sydney gegeben wurde. Mit ihrer weißen Familie hat Cheetham gebrochen. "Meine Eltern konnten mein Lesbischsein nicht akzeptieren. Zum endgültigen Bruch kam es aber, als ich mich auch noch als Aborigine identifizierte."

Löhne der Aborigines wurden nicht ausgezahlt

Australien heute ist eines der reichsten Länder der Welt. Seit 16 Jahren genießt das Land entgegen allen konjunkturellen Weltläufen ein ununterbrochenes Wirtschaftswachstum. Ein Ende des Booms ist nicht in Sicht. Das Land hat im Überfluss, was die Boomstaaten Asiens, China und Indien, dringend brauchen: Kohle, Uran und andere Bodenschätze. Die öffentlichen Haushalte weisen Jahr für Jahr satte Überschüsse aus. Geld zur Auszahlung der "Gestohlenen Löhne" ist aber nicht vorhanden. Es war lange Zeit üblich, die Löhne von Aboriginalarbeitern nicht auszuzahlen sondern treuhänderisch einzubehalten und nur bei Bedarf wie zur Begleichung einer Arztrechnung oder als eine Art Taschengeld in kleinen Beträgen auszuzahlen. Soweit die Theorie. In Praxis haben viele Aborigines keinen Cent gesehen. Eine Auszahlung der Löhne und der seit Jahrzehnten angefallenen Zinsen an noch lebende Gläubiger oder als Entschädigung in einen Fonds scheitert unter dem Vorwand "fehlender oder unklarer Unterlagen". Die Aborigines in ihrer großen Mehrheit leben derweil auf dem Niveau von Dritte-Welt-Ländern, wie Organisationen der Vereinten Nationen Australien bescheinigt haben.

Ein paar Zahlen und Fakten: Aborigines machen 2,3 Prozent der australischen Bevölkerung aus, aber 25 Prozent aller Sträflinge in australischen Gefängnissen sind Aborigines. Die Kindersterblichkeit ist unter Aborigines drei Mal so hoch wie unter zugewanderten Australiern. Die Lebenserwartung von Aborigines liegt 17 Jahre unter der anderer Australier. Insgesamt liege die Gesundheitsversorgung für Aborigines auf dem Stand von vor 100 Jahren, hat eine Studie Universität von New South Wales ergeben. Rechtlosigkeit, Ausgrenzung und Ablehnung haben unter den Aborigines zu Drogenmissbrauch, Alkoholismus und Gewalt geführt.

Premier Keating entschuldigte sich

Nach dem Referendum vor 40 Jahren entstand langsam das, was die Australier "Reconciliation" nennen, der Versöhnungsprozess zwischen dem weißen und schwarzen Australien. Hilfsprogramme für Aborigines wurden aufgelegt, man begann, sich der Geschichte zu stellen. Die Reconciliation-Bewegung war nicht arm an Höhepunkten. Einer war der Besuch von Papst Johannes Paul II. in Alice Springs im Herzen Australiens vor 21 Jahren. "Dass ein so wichtiger Mensch zu uns gekommen ist und uns vor den Augen der Welt als die Ureinwohner von Australien gewürdigt hat, war etwas ganz Besonderes", sagt Margaret Kumare Turner, die den Papst seinerzeit persönlich getroffen hat.

Der Augenblick, in dem die Aborigines glaubten, jetzt werde sich ihr Schicksal zum besseren wenden, kam 1992. Als erster Regierungschef Australiens kam der Sozialdemokrat Paul Keating zu den Aborigines. Bei seinem Besuch in Sydney Aboriginalviertel Redfern hatte Keating gesagt: "Wir haben den Ureinwohnern ihr traditionelles Land weggenommen und ihren traditionellen Lebensstil zerstört. Wir haben Krankheiten und Alkohol gebracht. Wir haben Morde begangen. Wir haben Müttern die Kinder weggenommen. Wir haben diskriminiert und ausgegrenzt." Augenzeugen erinnern sich: "Den Aborigines standen die Tränen in den Augen. Keiner von ihnen hat jemals geglaubt, das jemals von einem australischen Premierminister zu hören."

Howard markierte das Ende der Versöhnung

Dann aber kamen John Howard und Pauline Hanson und damit das Ende der "Reconciliation". Der konservative Howard besiegte im Wahlkampf 1996 Keating und wurde Ministerpräsident. Die Fish-und-Chips-Verkäuferin Pauline Hanson und ihre damalige "One Nation"-Partei sorgten mit rechtsradikalen Ausfällen gegen asiatische Einwanderer und Aborigines für Furore. Zwar gewann One Nation bei den Wahlen nur einen Sitz im Senat, aber die rassistischen Parolen fanden ein breites Echo in der australischen Gesellschaft und bewirkten einen Rechtsruck der Politik, der bis heute andauert. Während viele einflussreiche gesellschaftliche Institutionen wie Kirchen und Gewerkschaften gleich nach der Veröffentlichung des "Stolen Generation Report" laut und ehrlich "Sorry" gesagt und sich seitdem zu Streitern für die Rechte der Aborigines gemausert haben, verweigert die australische Regierung das "S-Wort". Ministerpräsident Howard beruft sich auf die Gnade der späten Geburt. Die gegenwärtige Generation der Australier habe keine Verantwortung für Unrecht aus der Vergangenheit und damit keine Veranlassung Sorry zu sagen, findet Howard.

"Der australischen Gesellschaft sind die Aborigines egal". Diese bittere Bilanz zieht Graeme Mundine anlässlich der beiden Jahrestage. Die Politiker würden sich nicht für das Schicksal der australischen Ureinwohner interessieren, weil die "Schwarzen nicht genug Wählerstimmen bringen", klagt der prominente Bürgerrechtler der Aborigines. Die australischen Ureinwohner auf dem "Misthaufen der der Gesellschaft gelandet". Mundine bilanziert bitter: "Einige eingeborene Australier haben (seit dem Referendum) eine bessere Ausbildung genossen und es geht ihnen in der Gesellschaft ganz gut, aber für die übergroße Mehrheit stinkt das Leben."

Mit gutem Willem könnte es gelingen

Mit einer Entschuldigung der Regierung für Unrecht alleine ist es nicht getan. Aber sie ist in den Augen vieler die Grundlage für eine realistische Politik zur Verbesserung der Situation der Aborigines. Kirstie Parker, Chefredakteurin der Aboriginalzeitschrift "The Koori Mail" schreibt: "Diese symbolischen Dinge sind den Ureinwohnern so wichtig. Wenn erst mal der 'Goodwill' da ist, wenn eine gesunde Beziehung etabliert ist, dann ist alles möglich."

Das "Goodwill" könnte schon in einem halben Jahr gezeigt werden. Dann nämlich, wenn Kevin Rudd die für November oder Dezember erwarteten Parlamentswahlen gewinnen sollte. Und darauf deuten seit Monaten alle Umfragen hin. Er werde sich als Regierungschef bei der "Stolen Generation" entschuldigen, verspricht der Spitzenkandidat der Labour Partei. "Wir werden das das tun und wir werden das schnell tun. Die spirituellen Dimensionen einer Entschuldigung sind genauso wichtig wie praktischen Anstrengungen, die 17 Jahre Unterschied zwischen der Lebenserwartung der eingeborenen und nicht-eingeborenen Australier zu überbrücken."

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