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Boko-Haram-Massaker: Sie erschossen eine Frau während ihrer Entbindung

Alte, Junge, Kinder - wahllos massakrierte die Terrorgruppe Boko Haram die Bewohner des Dorfs Baga in Nigeria. Der Ort wurde laut Amnesty International in nur vier Tagen einfach ausgelöscht.

Zum Vergleich: So sah die Region vor dem Angriff aus. Deutlich sind im gekennzeichneten Ausschnitt noch Strukturen zu erkennen

Zum Vergleich: So sah die Region vor dem Angriff aus. Deutlich sind im gekennzeichneten Ausschnitt noch Strukturen zu erkennen

Der Großangriff der islamistischen Terrororganisation Boko Haram auf die Stadt Baga im Nordosten Nigerias hat Amnesty International zufolge ein "katastrophales Ausmaß der Verwüstung" hinterlassen.

Vor und nach der Offensive aufgenommene Satellitenbilder zeigen der Menschenrechtsorganisation zufolge, dass in den beiden Orten Baga and Doron Baga mehr als 3700 Gebäude verwüstet oder beschädigt wurden. "Einer der Orte wurde in vier Tagen fast komplett von der Landkarte gelöscht", sagte Amnestys Nigeria-Experte Daniel Eyre. Er sprach von dem bisher größten und zerstörerischsten Angriff der Terroristen. Auch andere Städte und Dörfer in der Region seien attackiert worden.

Was Augenzeugen berichten

Amnesty konnte mit einigen Augenzeugen des Massakers sprechen. Ihre Schilderungen des Überfalls auf Boga lesen sich die Szenen wie aus einem Horrorfilm:

  • Ein nicht näher genannter Zeuge sagte: "Die Boko-Haram-Kämpfer schossen wahllos um sich. Auch auf Kinder. Selbst eine Frau, die dabei war zu entbinden, wurde getötet - ihr Junge war gerade einmal zur Hälfte auf der Welt."
  • Ein anderer Überlebender, ein rund 50-jähriger Mann sagte: "Sie haben so viele Menschen getötet. Ich alleine habe um die 100 Leichen herumliegen sehen. Dann bin ich in den Busch geflohen. Als wir rannten, schossen sie weiter auf uns." Laut Amnesty sei er später aufgegriffen und vier Tage in Doron Baga festgehalten worden.
  • Eine geflohene Frau erzählt, dass sie im Busch zahllose Leichen gesehen hat. "Ich weiß nicht, wie viele es waren, aber sie lagen überall."
  • Nach dem Angriff auf Baga, hätten sich die Boko-Haram-Kämpfer auf die Suche nach Überlebenden gemacht. Dabei seien sie auf eine Gruppe von geflohenen Frauen, Kindern und Alten gestoßen, die sie Zeugen zufolge sofort eingekesselt haben. "Sie haben rund 300 Frauen mitgenommen und vier Tage in einer Schule eingesperrt. Danach durften die alteren, Mütter und die meisten Kinder gehen. Die jüngeren Frauen haben sie da behalten."

Was mit den verbliebenen Geiseln geschehen ist, ist unklar. In der Vergangenheit hat Boko Haram gefangene Frauen entweder versklavt, zwangsverheiratet oder verkauft. Die Entführung von über 200 vorwiegend christlichen Schülerinnen aus dem Ort Chibok führte im vergangenen Jahr zu einem internationalen Aufschrei. Von den Mädchen fehlt jedoch weiter jede Spur.

Das erschütternde Ausmaß des Großangriffs von Boko Haram: 2000 Menschen kamen dabei ums Leben

... und nach der Zerstörung am 7. Januar 2015

Die Satellitenbilder und Berichte der Augenzeugen legen nahe, dass die Zahl der Opfer wesentlich höher sein muss als die von der Regierung genannte Zahl von 150 Toten. Örtliche Beamte hatten nach den Angriffen, die am 3. Januar begannen, von Hunderten Toten gesprochen. Etwa 20.000 Menschen sind vor den Kämpfen in Nachbarländer geflohen, rund 150.000 Menschen in andere Landesteile Nigerias. Der Angriff ist der bislang schlimmste Terrorakt der Gruppe in dem ölreichen westafrikanischen Land. "Er stellt einen absichtlichen Angriff auf die Zivilbevölkerung dar, deren Häuser, Kliniken und Schulen jetzt bis auf die Mauern ausgebrannt sind", so Eyres.

Schätzung zur Zahl der Opfer kaum möglich

Auch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch analysierte Satellitenbilder von Baga und sprach von einem erschreckenden Ausmaß der Zerstörung. Eine Schätzung zur Zahl der Opfer in der abgelegenen und weiterhin umkämpften Region sei kaum möglich, "der seriöse Einsatz von Satellitenbildern ist das, was der Wahrheit momentan am nächsten kommt." Die nigerianischen Streitkräfte versuchen derzeit, Baga und den eingenommenen Militärstützpunkt in Doron Baga zurückzuerobern.

Boko Haram will im überwiegend muslimischen Norden Nigerias und den angrenzenden Gebieten in Kamerun und dem Tschad einen sogenannten Gottesstaat errichten. Bei Terroranschlägen der Gruppe wurden allein im vergangenen Jahr Tausende Menschen getötet.

nik mit DPA