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Chile: Wie ein Staat im Staate

Zwar rasseln die chilenischen Streitkräfte nicht mehr so lautstark mit dem Säbel, aber von einem Bürger in Uniform sind sie weit entfernt. Wer sich in Santiago einen Eindruck verschaffen will, fährt mit der U-Bahn der Linie 1 bis zur Endstation.

Die chilenischen Militärs haben sich an diesem Donnerstag vor 30 Jahren an die Macht geputscht und sind nach einer Schreckensherrschaft erst 1990 wieder in die Kasernen zurückgekehrt. Eine unausgesprochene Übereinkunft des Schweigens über Folter und Mord und das Schicksal verschwundener Regimegegner gilt aber heute noch. Eine Entschuldigung für die Menschenrechtsverbrechen hat es nicht gegeben.

Zwar rasseln die lange Zeit von preußischem Soldatentum geprägten Streitkräfte nicht mehr lautstark mit dem Säbel wie noch in den ersten Jahren nach der Rückkehr zur Demokratie 1990. Aber von einem Bürger in Uniform sind sie weit entfernt. "Das Militär ist noch immer ein Staat im Staate", sagt der Fernsehjournalist und Militärexperte Raul Sohr.

Beunruhigende Abkapselung der Streitkräfte

Wer sich in Santiago zumindest einen äußeren Eindruck von Chiles Streitkräften verschaffen will, fährt am besten mit der U-Bahn der Linie 1 zur Endstation Escuela Militar (Militärschule). Dort erhebt sich ein immenser Komplex aus Kasernen, Militärspitälern, Dienstwohnungen, Kindergärten, Schulen und anderen sozialen Einrichtungen der Streitkräfte.

Dort kommen die späteren Soldaten zur Welt, gehen in einen Kindergarten und verbringen die Ferien in einem Pionierlager. Dort besuchen sie dann eine Militärschule und später die Militärakademie und treten ihre militärische Laufbahn an. Ferien machen sie in Urlaubskolonien der Streitkräfte. Und schließlich gibt es auch den Militärfriedhof. Die Abkapselung der Streitkräfte empfindet Sohr angesichts der Erfahrungen mit ihnen ziemlich beunruhigend.

Chile sei noch kein normales Land, weil der Präsident den Chef der Streitkräfte nicht absetzen kann, sagt auch der bekannteste Gegenwartsschriftsteller Chiles und frühere Botschafter seines Landes in Berlin, Antonio Skarmeta. Das sei der undemokratischen und unrechtmäßigen Verfassung aus der Zeit von Diktator Augusto Pinochet zu verdanken. Dennoch sei Chile aber eine funktionierende Demokratie. Erhebliche Fortschritte im militär-zivilen Verhältnis sieht der Hamburger Chile-Experte Detlef Nolte.

Die Verteidigungsministerin Michelle Bachelet ist Tochter eines Generals, der zu Tode gefoltert wurde. Dennoch fahre sie in einem Panzer herum und werde vom Militär geliebt, sagt Nolte. Das sei die beste Werbung für die Militärs.

"Blanker Zynismus"

Sohr aber geht mit den Militärs hart ins Gericht. Die Militärs würden sagen, ohne Amnestie könnten sie sich einfach nicht daran erinnern, wo die Verschwundenen sind. Das sei doch blanker Zynismus und einfach keine Grundlage für eine Aussöhnung, klagt er. Im staatlichen Fernsehen dürfe Pinochet noch immer nicht als Diktator bezeichnet werden, und viele Militärs hegten einen tiefen Groll gegen das heutige Chile. "Die Linken haben den Krieg verloren, und nun wollen sie über uns zu Gericht sitzen?", habe er öfter von Militärs gehört. Einer habe ihm sogar gesagt: "Das mit den Verschwundenen passiert uns nicht noch mal. Das nächste Mal bekommt jede Familie ihren Toten schön ordentlich im Plastiksack mit Namenszettel dran."

Jan-Uwe Ronneburger / DPA