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Angriffe auf Moscheen: Der Massenmörder von Christchurch und sein perverses Pamphlet

Ein Rassist hat in Neuseeland mindestens 49 Menschen erschossen. In einem Pamphlet erklärt er seine Motivation und krude Sicht auf die Welt. Was man auf den 74 Seiten über den Massenmörder erfährt – und was er über Angela Merkel denkt.

Der 28-jährige Brenton T. filmte seine grausame Tat, offenbar mit einer Helmkamera

Der 28-jährige Brenton T. filmte seine grausame Tat, offenbar mit einer Helmkamera

AFP

17 grauenvolle Minuten dauert das Video, das Brenton T. auf seiner Facebook-Seite live gestreamt hat. Es zeigt den 28-jährigen Australier, wie er in der neuseeländischen Stadt Christchurch gläubige Muslime beim Freitagsgebet regelrecht hinrichtet. Mal feuert er bei lauter Musik aus einem Kleinwagen, mal zieht er mit mehreren halbautomatischen Gewehren bewaffnet durch eines der Gotteshäuser. Er tötet wahllos jeden, der ihm vor den Lauf kommt.

Mindestens 49 Menschen verlieren ihr Leben, ehe T. von der Polizei festgenommen wird. Nochmal genauso viele werden verletzt. Schnell wird klar, was den Mann zu seiner Wahnsinnstat trieb, denn er selbst hat in einem 74-seitigen Manifest erklärt, wer er ist, was ihn antreibt und warum er sich entschloss, wehrlose Menschen zu erschießen. Dem stern liegt das Pamphlet vor.

T. beschreibt sich darin als "gewöhnlichen weißen Mann" aus einer "niedrigverdienenden Arbeiterfamilie" mit schottischen, irischen und englischen Vorfahren. An Bildung habe er nie ein großes Interesse gehabt und sich so gerade eben durch die Schule gemogelt. Mit Investitionen in eine Kryptowährung habe er als junger Erwachsener etwas Geld verdient und sei davon eine Zeit lang durch die Welt gereist. Frankreich, Spanien, Portugal, Island, Polen, Argentinien und die Ukraine will er unter anderem besucht haben. Seine Ansichten habe er durch Internet-Recherchen entwickelt, "weil du nirgends sonst die Wahrheit findest".

Die Frage nach seiner Motivation für das schreckliche Moschee-Attentat muss man sich nicht lange stellen, er beschreibt sie offen und direkt. In seiner verqueren Welt sieht er sich umgeben von muslimischen "Invasoren", die mit einer hohen Geburtenrate "Krieg" gegen seine "Rasse" führen würden. Außerdem wolle er Rache üben für die islamistischen Anschläge, vor allem in Europa. Überhaupt spricht er ständig von Europa und sieht sich ob seiner Vorfahren quasi als Europäer.

Brenton T. wollte "Atmosphäre der Angst" schaffen

Auch die Frage, ob die Tat ein Terroranschlag war, stellt sich nicht, weil T. auch das in seinem Pamphlet bereits beantwortet. "Eine Atmosphäre der Angst" wolle er mit seiner Attacke erzeugen, sagt er und nennt damit die Definition von Terrorismus. Zudem wolle er eine "Gegenreaktion provozieren" und den "Konflikt anheizen". Nach seiner kruden Weltsicht ist er selbst jedoch kein Terrorist, sondern lediglich ein "Partisan" und meint, gegen eine "Besatzungsmacht" zu kämpfen. Deshalb werde er nach seiner Verhaftung auf "nicht schuldig" plädieren.

Auch seinen Tod nimmt er billigend in Kauf, wenngleich überleben "die bessere Alternative" sei. Zudem verrät er, dass er neben den beiden attackierten Moscheen noch eine dritte ins Auge gefasst hatte. Demnach wollte er auch eine frühere Kirche, heutige Moschee im rund eine Autostunde entfernten Ashburton angreifen, diese sei jedoch lediglich "ein Bonusziel". Glücklicherweise fasste ihn die Polizei, ehe er dieses erreichen konnte.

Auf zahllosen weiteren Seiten breitet er seine kranke Ideologie aus, beschreibt sich selbst als Rassisten und Faschisten, dem der Umweltschutz am Herzen liege. Den norwegischen Rechtsterroristen Anders Breivik, der vor acht Jahren 77 Menschen tötete, nennt er als eine seiner wichtigsten Inspirationsquellen. Wie auch Breivik in seinem Manifest, interviewt sich T. über weite Strecken selbst. Das Land, das seine politischen Ansichten am ehesten widerspiegele, sei die Volksrepublik China. US-Präsident Donald Trump bewundere er als Symbol der erneuerten weißen Identität. "Aber als Politiker und Anführer? Du lieber Gott, nein."

Täter erwähnt Silvesternacht und Merkel 

Auch Deutschland kommt in seinem Manifest vor. So bezieht er sich zur Rechtfertigung etwa auf die Silvesternacht von Köln 2015 und spricht offen davon, Bundeskanzlerin Angela Merkel umzubringen. Sie sei "ganz oben" auf seiner Liste von bekannten Menschen, die in seinen Augen getötet werden sollten.

An einer Stelle beschreibt er, wie er erwarte, eines Tages den Friedensnobelpreis zu erhalten, weil er "wie Nelson Mandela" sich für seine "Rasse" eingesetzt habe und daher freigelassen werde, sobald seine "Seite" gewonnen habe.

Trotz des letzten Beispiels wirkt sein Manifest nicht wie eine wirre, chaotische Abschrift eines geistig verwirrten oder gar unzurechnungsfähigen Menschen. T. zeigt zwar offen seine völlig krude, empathielose und zutiefst rassistische Sicht auf die Menschheit und die Welt. Die Hetzschrift an sich ist jedoch klar strukturiert, relativ fehlerfrei und eloquent formuliert. Er wiederholt sich nicht ständig oder reiht wahllos Beleidigungen aneinander. Immer wieder baut er sogar Witzeleien oder ironische Passagen ein. Für einen rassistischen Massenmörder zeigt er sich auch ungewöhnlich weltoffen, spricht von seinen zahlreichen Reisen und davon, wie freundlich ihm die Menschen überall begegnet seien. Sie sollten halt nur "in ihren Ländern bleiben".

In Neuseeland sind Muslime eine kleine Minderheit. Rund 50.000 der knapp fünf Millionen Einwohner hängen dem Islam an.

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