CHRONIK Von Einsteins Gleichung zur Bombe


16. Juli 1945, 05:29:45 Uhr Ortszeit, Wüste Jornada del Muerto in New Mexico. Der Atomblitz durchzuckt das Tal, die Kraft von Tausenden Tonnen Sprengstoff zermalmt den zehnstöckigen Turm, in dem die Bombe montiert war.

16. Juli 1945, 05:29:45 Uhr Ortszeit, Wüste Jornada del Muerto in New Mexico. Der Atomblitz durchzuckt das Tal, die Kraft von Tausenden Tonnen Sprengstoff zermalmt den zehnstöckigen Turm, in dem die Bombe montiert war. Sekunden später rast die Druckwelle auf die Beobachter zu, die sich Kilometer entfernt hinter ihren Schutzwall ducken. Für eine Millisekunde herrschten Bedingungen, wie es sie auf der Erde nie zuvor gegeben hatte - vergleichbar nur mit dem Urknall. Zurück bleibt tödliche Strahlung und zu Glas verschmolzener Sand. Ein Pilz aus lavagleichem Staub erhebt sich in die Wolken. »Trinity« (Dreieinigkeit), die erste Atombombe ist explodiert.

»Die Geister, die ich rief...«; in Goethes Gedicht beschwört der Zauberlehrling Mächte herauf, die er später nicht mehr bezähmen kann. Auf keine Errungenschaft in der Menschheitsgeschichte passt dieser Vergleich besser, als auf die Entdeckung der Atomenergie. Obwohl der Begriff des Atoms rund 2.500 Jahre alt ist - erst in unser Jahrhundert fiel die Blütezeit der Forschungsrichtungen, mit denen die Geheimnisse der Elementarteilchen weitgehend aufgeklärt wurden.

Die Zündung der ersten Atombombe war der traurige Höhepunkt einer Entwicklung, die ihren Ursprung in den Berechnungen Albert Einsteins hatte, einem der genialsten Physiker aller Zeiten. 1905 verließ er die Grenzen der von Newton mehr als 200 Jahre zuvor begründeten Mechanik und postulierte die Einheit von Raum und Zeit, Materie und Energie in einem übergreifenden Gleichungssystem. Das war zugleich einer der Eckpfeiler, die die heutige Elektrotechnik ausmachen.

Entstehung der Quantenmechanik

Neben dem Theoretiker Einstein haben auch zahlreiche Praktiker bedeutende Beiträge geliefert. Allen voran Henri Becquerel und Marie Curie, die um die Jahrhundertwende entdeckten, dass bestimmte Atome energiereiche Strahlen aussenden, also radioaktiv sind. Curie isolierte später aus mehreren Tonnen Uranerz zwei bisher unbekannte Elemente, Radium und Polonium, nach ihrer Heimat Polen benannt. Nils Bohr formulierte dann während des Ersten Weltkriegs die theoretischen Grundlagen des Atomaufbaus, und mit der Entstehung der Quantenmechanik in den 20er Jahren wurde das Bild abgerundet.

Es war erneut eine Frau, noch dazu eine Jüdin, die den Nazis am Vorabend des Zweiten Weltkriegs den Schlüssel für eine furchtbare Waffe in die Hand gab. Der bereits aus Berlin geflohenen Lise Meitner gelang 1939 die Erklärung des Experiments, das ihr langjähriger Kollege Otto Hahn ausgeführt hatte: die erste Atomspaltung. Er hatte Uranatome mit Neutronen bombardiert und festgestellt, dass leichtere Elemente entstanden waren. Die Berechnungen Meitners zeigten, dass in wenigen Kilogramm Uran eine unkontrollierbare Kettenreaktion einsetzen kann, die eine Explosion von der Sprengkraft mehrere Millionen Tonnen TNT hat.

Einstein war alarmiert und wandte sich in einem Brief an US-Präsident Franklin Roosevelt. Wenige Monate später wurden in Los Alamos die fähigsten Physiker und Chemiker zusammengezogen, um die Atombombe zu bauen. Nachdem die Testbombe funktioniert hatte, wurden am 5. und am 8. August 1945 Bomben auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen. Der Zweite Weltkrieg im Pazifik war mit einem Schlag zu Ende; in Sekundenbruchteilen hatten rund 200.000 Menschen ihr Leben verloren - und die Atomforscher ihre moralische Unschuld.

Gleichgewicht des Schreckens

Die Zeit nach dem Krieg war bis Ende der 80er Jahre geprägt vom Gleichgewicht des Schreckens, aber auch von zivilen Errungenschaften der Atomtechnik, besonders in der Medizin. Mit radioaktiven Stoffen können heute präzisere Diagnosen als jemals zuvor gestellt werden. Rastertunnelmikroskope erlauben Einblicke in Zellen. Atomuhren messen die Zeit mit äußerster Genauigkeit.

Aber allen Abrüstungsschritten zum Trotz lagern in den Bunkern heute noch so viele Atomwaffen, dass die Erde mehrfach ausgelöscht werden könnte. Die atomare Bedrohung hat durch die Atomtests der Schwellenländer Pakistan und Indien erst vor eineinhalb Jahren eine neue Dimension erreicht. Es wird vermutet, dass auch Nordkorea, Irak und Iran im Geheimen an Atombomben arbeiten. Und arbeitslos gewordene Kernphysiker könnten seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Versuchung geraten, waffentaugliches Material an arabische Terroristen zu verkaufen.

Die Bilanz der friedlichen Nutzung der Kernenergie ist auch kein Ruhmesblatt der Technik: Wer in den 70er Jahren die Unkenrufe von Atomkraftgegnern noch als Panikmache abtun konnte, wurde am 26. April 1986 eines Besseren belehrt. Im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl, das heute zur Ukraine gehört, explodierte nach einer verheerenden Kette von menschlichen Fehlern der Reaktor. Ganz Europa wurde mit einer radioaktiven Wolke überzogen, 31 Menschen starben sofort, Tausende erkrankten an Krebs. Das Gebiet um das Kraftwerk bleibt auf Jahrhunderte unbewohnbar.

Die deutsche Atomwirtschaft erklärte stets, angesichts der Sicherheitsstandards sei so ein Unfall bei uns ausgeschlossen. Dennoch gerieten die Betreiber der Kernkraftwerke unter Beschuss, als vergangenes Jahr bekannt wurde, dass gegenüber den Behörden erhöhte - wenngleich ungefährliche - Strahlungswerte bei Atomtransportbehältern verschwiegen wurden. In der Öffentlichkeit ist das Misstrauen dadurch noch gewachsen.

Der Vertrauensverlust der gesamten Wissenschaft geht neben den Chemieunglücken von Seveso und Bhopal sowie dem »Challenger«-Absturz vor allem auf das Konto der Atomtechnik. Im technikgläubigen Japan setzte im Oktober das skandalöse Verhalten von Arbeitern einer Serie von Atomunfällen vergangener Jahre die Krone auf: In einer Atomanlage in Tokaimura wurde eine Kettenreaktion in Gang gesetzt, die 69 Menschen verstrahlte. Soweit es die Atomtechnik angeht, wird die Geschichte vom Zauberlehrling die Menschheit wohl auch in das nächste Jahrhundert begleiten.


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