Den Haag Die Kriegsverbrecher-WG


Die Gefangenen des Internationalen Strafgerichtshofs können über ihre Haftbedingungen kaum klagen. Radovan Karadzic und seine Mitgefangenen leben in Einzelzellen mit Fernsehern und Computern. Es gibt einen Kickertisch, Sprachkurse und einen Fitness-Raum.
Von Hauke Friederichs

Touristen kommen gerne in das Seebad Scheveningen. Die niederländische Stadt an der Nordseeküste bietet den Gästen einen malerischen Fischerei-Hafen, eine Strandpromenade und eine 381 Meter lange Seebrücke samt Aussichtsturm. Radovan Karadzic, der dort mit einem Hubschrauber landete, wird sich an den Sehenswürdigkeiten nicht erfreuen können. Denn seine Unterkunft liegt im bekanntesten Gebäude der Stadt: dem Gefängnis des Internationalen Strafgerichtshofs und des UN-Kriegsverbrechertribunals.

Die Vereinten Nationen haben dort einen Trakt mit 84 Zellen für ihre Gefangenen angemietet. Unter den internationalen Angeklagten, denen Menschrechtsverletzungen, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord vorgeworfen werden, ist Karadzic der prominenteste Häftling.

Der 63-Jährige ist in einer 15 Quadratmeter großen Einzelzelle untergebracht. Die Räume der Gefangenen sind schlicht eingerichtet, es gibt es ein Bett mit hellblauem Laken und dunkelblauem Kopfkissen, eine Dusche, eine Toilette, ein Waschbecken aus Stahl und einen Schreibtisch. Karadzic kann außerdem einen Computer nutzen, der aber keinen Internet-Anschluss hat. Was draußen in der Welt passiert, erfährt der ehemalige Anführer der Serben in Bosnien aus den Fernsehnachrichten. Empfangen kann der Gefangene serbische, niederländische, deutsche, belgische und französische Sender.

Da Karadzic sich wie der verstorbene Slobodan Milosevic selbst verteidigen will, bekommt er wohl ebenfalls eine Sonderbehandlung. Der frühere serbische Präsident, der von 2001 bis zu seinem Tod 2006 in Scheveningen inhaftiert war, konnte ein eigenes Büro mit Telefon nutzen.

Frühere Feinde als Nachbarn

Gegen die Langeweile stellt die Gefängnisleitung im Gemeinschaftsraum Gesellschaftsspiele und einen Kickertisch zu Verfügung. Karten dreschen kann Karadzic etwa mit seinem alten Weggefährten Vojislav Seselj und Momcilo Krajisnik. Die Inhaftierten dürfen außerdem im Fitnessraum und im Innenhof zusammen Sport machen.

Auch die Bildung kommt in Scheveningen nicht zu kurz. In dem Sondertrakt des Internationalen Tribunals befindet sich eine Bibliothek. Die Haftanstalt bietet zudem Kurse in Kunst, Sprachen oder Naturwissenschaften an.

Einige seiner neuen Nachbarn wird Karadzic sicherlich meiden. Ein paar Zellen weiter leben ehemalige Feinde aus dem Krieg in Bosnien wie Ante Gotovina, früherer kroatischer General, und Rasim Delic, Ex-Oberfehlshaber der bosnischen Armee.

Die Zellentüren sind fast den ganzen Tag über geöffnet. Justizbeamte schließen die Gefangenen lediglich mittags während der Wachablösung und nachts ein. Am frühen Abend fällt der Riegel der Zellentür ins Schloss. Täglich darf der Angeklagte zum Freigang in den Innenhof. Wenn der Wind richtig steht, bekommt Karadzic so ein wenig Seeluft ab und die Schreie der Möwen mit. Der Kurzurlaub im Hof endet aber schon wieder nach einer Stunde.

Nach dem Prozessende bleiben die Verurteilten nicht in dem niederländischen Gefängnis. Sie werden in einen der 13 Staaten abgeschoben, die den Strafvollzug für das UN-Tribunal übernommen haben. Dort werden die Haftbedingungen dann sicherlich nicht mehr so angenehm sein wie im Sondertrakt in Scheveningen.


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