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Raphael Warnock und Jon Ossoff Der Journalist und der Pastor: Zwei Sieger für die amerikanische Demokratie

Begrüßung in Zeiten von Corona: Die beiden Demokraten Jon Ossoff (L) and Raphael Warnock (R) kandierten erfolgreich für den Senat.
Begrüßung in Zeiten von Corona: Die beiden Demokraten Jon Ossoff (L) and Raphael Warnock (R) kandierten erfolgreich für den Senat.
© Jim Watson / AFP
Durch die Erstürmung des Kapitols ging die Meldung fast unter: Die Bürger Georgias haben Raphael Warnock und Jon Ossoff in den Senat gewählt. Beide repräsentieren Minderheiten, die unter Trump scharf attackiert wurden. Wer sind die neuen Senatoren?

Der eine ist Afroamerikaner, der andere Jude. Raphael Warnock und Jon Ossoff. Beide Demokraten haben sich am Dienstag bei den Nachwahlen gegen die republikanischen Senatoren durchsetzen können. Und das ausgerechnet in Georgia, einem der konservativen Südstaaten.

Zwar war ihr Vorsprung nur knapp, aber sie sind die Sieger. Wie heißt es in den USA so schön: The winner takes it all. Der Baptistenpastor Warnock erreichte 50,9 Prozent, der Journalist Ossoff vereinigte 50,5 Prozent der Stimmen für sich.

Damit kegelten die politischen Außenseiter die bisherigen Amtsinhaber, die Trump-Anhängerin Kelly Loeffler und David Perdue aus ihren Ämtern, trotz massiver Wahlkampfhilfe des noch amtierenden US-Präsidenten. Eine politische Sensation, die durch die verstörenden Bilder von der Erstürmung des Kapitols durch marodierende Trump-Truppen in den Hintergrund trat. Nun haben die Republikaner ihre seit Jahren gehaltene Mehrheit im Senat verloren. Die Demokraten übernehmen in beiden Kammern des Kongresses die Kontrolle.

Senator Raphael Warnock

Der 1969 in der Hafenstadt Savannah in Georgia als elfter von zwölf Kindern geborene Raphael Warnock hat keine politische, sondern eine herausragende theologische Karriere hinter sich. Nach der Promotion am berühmten Union Theological Seminary in New York arbeitete er als Pastor in Harlem, Baltimore und Atlanta. Dort nicht in irgendeiner Kirche, sondern an der Ebenezer Baptist Church in der Auburn Street.

Der Baptistenpastor Raphael Warnock gewann am 5. Januar die Stichwahl gegen Kelly Loeffler für den US-Senat
Der Baptistenpastor Raphael Warnock gewann am 5. Januar die Stichwahl gegen Kelly Loeffler für den US-Senat
© Megan Varner / Getty Images

Der schlichte Sakralbau gilt als eines der Zentren der Bürgerrechtsbewegung. Hier predigten Martin Luther King Sr. seit 1935 und später sein Sohn Dr. Martin Luther King Jr. Für den Friedensnobelpreisträger fand nach seiner Ermordung 1968 in Memphis, Tennessee, in diesem Gotteshaus die Trauerfeier statt. In der Nachbarschaft befindet sich heute das Martin Luther King Jr. Center for Nonviolent Social Change.

Für Baptistenpastoren an der Ebenezer Church sind Themen wie soziale Gerechtigkeit auf der Kanzel wie auch im Alltag eine Selbstverständlichkeit. Warnock hat sich auch als Mitglied der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) engagiert, der mit mehr als 100 Jahren ältesten Bürgerrechtsbewegung im Lande. Bei Protestveranstaltung gegen Kürzungen des Sozialhaushaltes wurde er in den letzten Jahren mehrmals verhaftet.

Senator Jon Ossoff

Die Verbindung zweier Gemeinden ganz unterschiedlicher Glaubensrichtungen in Atlanta ist seit Jahrzehnten eng: die zwischen den Mitgliedern der Ebenezer Church und The Temple, der ältesten jüdischen Gemeinde der Stadt. Schon in den späten 1950er Jahren unterstützte der damalige Rabbiner Jacob Rothschild das Civil Rights Movement.

Während eines Wahlkampfauftritts vor der Clarke County City Hall in Athens Anfang Januar: Jon Ossoff.
Während eines Wahlkampfauftritts vor der Clarke County City Hall in Athens Anfang Januar: Jon Ossoff.
© Alex Wong / Getty Images

Zur heutigen Gemeinde gehört auch der 33-jährige Jon Ossoff. Seine Urgroßeltern väterlicherseits emigrierten Anfang des 20. Jahrhunderts aus Russland und Litauen in die Staaten; seine Mutter stammte aus Australien.

In den USA wurde Ossoff, der an der Georgetown University in Washington D.C. Politikwissenschaften studierte, 2017 bekannt, als er zu einer Nachwahl für das Repräsentantenhaus aufstellen ließ, eine Rekordsumme von mehr als 8 Millionen US-Dollar Wahlkampfspenden einsammelte und auf Anhieb 48,2 Prozent der Stimmen erhielt. Damals reichte es noch nicht für Washington.

Ossoff ist ein Polit- und Medienprofi. Bereits als Schüler absolvierte er ein Praktikum bei Kongressabgeordneten und Bürgerrechtler John Lewis, und später arbeitete er fünf Jahre für Hank Johnson, ebenso wie Lewis ein afroamerikanischer Abgeordneter aus Georgia.

Ab 2013 war Ossoff Managing Director der Firma Insight TWI, wobei die Abkürzung für The World Investigates steht. Das in London beheimatete Unternehmen produziert mehrfach ausgezeichnete Filme über heikle Themen wie Korruption, Menschenhandel, Migrationsbewegungen und den Islamischen Staat. Ossoff schrieb die Drehbücher und war Produzent der Filme "The Battle for Africa" und "Living with Ebola".

Seine Arbeit als investigativer Journalist und seine religiöse Zugehörigkeit hängt er nicht an die große Glocke. Doch im aktuellen Wahlkampf wurde er von seinem Herausforderer antisemitisch attackiert. In einer Grafik auf der Facebook-Seite der Kampagne für David Pardue erhielt Ossoff eine überproportional verlängerte Nase, ganz in der Tradition der Karikaturen wie im deutschen Wochenblatt "Der Stürmer".

Im zweiten TV-Duell mit Pardue thematisierte Ossoff die Angriffe und berichtete auch von den Versuchen, ihn als chinesischen Kommunisten zu diffamieren. Pardue wurde rhetorisch an die Wand gedrängt und wusste sich nicht mehr zu verteidigen. Zur dritten Fernsehdebatte erschien der Senator gar nicht mehr, er kniff. Ossoff hatte leichtes Spiel und konnte vor allem auch jüngere Wählerschichten per Social Media inklusive TikTok mobilisieren.

Der 15. Januar, der Geburtstag von Dr. Martin Luther King Jr., ist in den USA ein nationaler Gedenk- und Feiertag
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© Screenshot The Temple

Am kommenden Freitag, dem 15. Januar, dürften sich die beide neuen Senatoren aus Georgia sehen. Bei dem Online-Event um 19 Uhr begehen The Temple und die Ebenezer Church den Geburtstag von Dr. Martin Luther King Jr. in einem Schabbat-Gottesdienst.

Dabei werden unter den ältesten Mitgliedern der jüdischen Reformgemeinde böse Erinnerungen wach. Das Engagement der Juden für die Gleichberechtigung der Afroamerikaner passte einigen weißen Südstaatlern in den 50er Jahren nicht. In der Nacht am 12. Oktober 1958 explodierte eine Bombe und beschädigt ihre Synagoge schwer.

Jetzt wurde einer aus der Gemeinde für sechs Jahre in ein hohes politisches Amt gewählt. Ossoff wird bald als der erste jüdische Senator aus Georgia und als jüngster aller hundert Senatoren im Senat sitzen. Ein großer Sieg für die amerikanische Demokratie.


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