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Nach Attacke in Washington Rechtsextreme nutzen Kapitol-Angriff, um neue Mitglieder zu rekrutieren

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Am Angriff auf das Kapitol in Washington waren auch rechtsextreme Waffenfanatiker beteiligt. Experten befürchten, dass diese von der Attacke profitieren könnten – und das noch mehr Gewalt folgt.

Nach der Attacke auf das Kapitol in Washington befürchten Experten angesichts der anstehenden Vereidigung von Joe Biden als US-Präsident weitere Gewaltaktionen rechtsradikaler Donald-Trump-Anhänger. Zudem könnten extremistische Gruppen die kommenden Tage nutzen, um Mitglieder für eine Koalition von Unterstützern des abgewählten Republikaners zu gewinnen, wie "USA Today" berichtet.

"In rechtsextremen Foren und Chatrooms wird heute viel darüber geredet, was passiert ist, und darüber, dass die Amtseinführung am 20. Januar das letzte Gefecht sein wird und jetzt die Zeit zum Rekrutieren ist", zitiert die US-Zeitung Mary McCord, Direktorin am Institut für Verfassungsschutz der Georgetown-Universität in Washington.

Die Hauptstädte der Bundesstaaten sollten ihre Sicherheitsmaßnahmen verschärfen, ähnlich wie Washington es gerade mache, warnt McCord. Trumps Anhänger könnten versuchen, einen weiteren Angriff wie den in dieser Woche oder noch Schlimmeres durchzuführen.

Angst vor "lebenden Zeitbomben"

Mark Pitcavage vom Zentrum für Extremismus der Anti-Defamation-League stimmt in der Zeitung zu, dass die Parlamentssitze der Bundesstaaten am Tag von Bidens Inauguration schwer bewacht werden sollten. Der Extremismusforscher sorgt sich aber in Hinblick auf die nächsten zwei Wochen weniger wegen möglicher organisierter Attacken auf Bundes- oder Landeskapitole als wegen Anschlägen oder Schießereien von Einzelpersonen oder kleinen extremistischen Gruppen. "Die Gefahr ist größer, dass lebende Zeitbomben hochgehen und beschließen, etwas zu tun", sagte Pitcavage dem Blatt.

Noch ist unklar, ob der Sturm auf das US-Kapitol von einer bestimmten Organisation oder Person angeführt oder initiiert wurde. Klar ist jedoch, dass Rechtsextreme, darunter QAnon-Verschwörungstheoretiker und Mitglieder der Proud Boys, Teil des Mobs waren. Einige der Angreifer hätten Kennzeichen der Oath Keepers und der Three Percenters getragen, zwei der bekanntesten nationalen extremistischen Gruppen, wie "USA Today" schreibt.

Er sei seit der Erstürmung des Kapitols von mehreren Menschen, die Gruppen wie der seinen beitreten wollten, kontaktiert worden, sagte Chris Hill, Anführer der "Three Percenters Security Force", einer extremistischen Vereinigung in Atlanta, der Zeitung zufolge. "Viele Leute sind zurzeit sehr daran interessiert, patriotische Gruppen aufzusuchen. Sie nutzen alternative Plattformen und Netzwerke, um sich gegen das zu wehren, was sie als Tyrannei der Regierung empfinden."

Die Three Percenters – auch 3 Percenters, 3%ers oder III%ers genannt – sind ein loser Verbund von bewaffneten extremistischen Vereinigungen, die sich nach dem Mythos benannt haben, dass nur drei Prozent der Amerikaner während des Revolutionskrieges gegen die Briten zu den Waffen gegriffen hätten.

Angriff auf US-Kapitol "war wirklich groß"

Online Message-Boards, Webseiten und Social-Media-Plattformen, die der Bewegung rechtsextremer Waffenfanatiker gewidmet sind, würden seit dem Angriff auf das Herz der US-Demokratie brummen, sagte JJ MacNab, der an der George-Washington-Universität über Extremismus forscht, dem Blatt. "Es gibt eine Menge Geschwätz. Ich versuche normalerweise, diese Sachen herunterzuspielen, es sei denn, sie sind wirklich groß, aber das war wirklich groß", bewertete MacNab die Attacke von Mittwoch.

Sein Kollege Pitcavage ist sich dennoch nicht sicher, ob der Sturm aufs Kapitol letztlich der Pro-Gun-Extremisten-Bewegung dienen oder schaden wird. Diese Gruppen seien bereits für einen Schub gerüstet, sagte der Wissenschaftler der "USA Today". In den ersten Jahren der Obama-Präsidentschaft seien ihre Mitgliederzahlen kräftig gestiegen, weil viele Menschen befürchtet hätten, dass Obama versuchen würde, strenge neue Waffengesetze zu erlassen. Unter Trump habe sich das Wachstum aber wieder verlangsamt.

Ein Demokrat im Weißen Haus könnte den Bewegungen wieder mehr Mitglieder bescheren, vermutet Pitcavage. Aber er sei nicht überzeugt, dass die Ereignisse dieser Woche diesen Anstieg verstärken werden. "Die Milizbewegung hat eine Tendenz, sich von Dingen zu distanzieren, die schlechte Publicity bekommen."

Chris Hill hat dies bereits getan. In einem Interview nach der Attacke in Washington behauptete er dem Bericht zufolge ohne irgendwelche Belege, die Angreifer seien gar keine Rechtsextremisten, sondern verkleidete Antifaschisten gewesen. Der Anführer der "Three Percenters Security Force" kritisierte die Leute, die "unbefugt eingedrungen" seien und erklärte, sie hätten ihren Standpunkt deutlich machen sollen, indem sie einfach das Gebäude umstellten, anstatt hineinzugehen.

Quelle: "USA Today", "Vox"

mad

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