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Der Tag der Arbeit: Der blutige Ursprung eines Feiertags

Der 1. Mai ist in vielen Ländern den Arbeitern gewidmet. Sie demonstrieren für mehr Lohn, bessere Arbeitsbedingungen oder haben einfach nur frei. Sein Ursprung liegt in einer blutigen Bombenexplosion.

Von Oliver Noffke

Nicht nur in Deutschland, auf der ganzen Welt - von Bolivien bis Bahrain, von Kuba bis Tansania - gibt es den Tag der Arbeit am 1. Mai. In vielen Ländern wird er auch offiziell als Internationaler Tag der Arbeit bezeichnet.

Das Datum geht zurück auf das Jahr 1886. Ort des Geschehens: Chicago. Die Schornsteine der Stadt zeigten kaum Rauch. Stattdessen waren viele Fabriken durch Massenproteste stillgelegt. Die Arbeiter forderten die Einführung des achtstündigen Arbeitstags und demonstrierten gegen miese Arbeitsbedingungen und schlechte Bezahlung. Normal waren neun bis 14 Stunden Arbeit. Kaum ein Amerikaner schuftete jedoch weniger als zehn Stunden in den Industriehallen, die das Land gerade groß machten.

Der Streik war von langer Hand geplant. Schon anderthalb Jahre zuvor trafen sich die Handel- und Arbeitergewerkschaften und machten die Einführung des achtstündigen Arbeitstages zu ihrem obersten Ziel. Mit Massenprotesten im ganzen Land sollte Druck erzeugt werden. Jedoch sickerte das Datum zu den Regenten der Produktionshallen durch – und es kam zur Eskalation.

Arbeitskampf, radikale Unbekannte und Polizeigewalt

Eine Fabrik für landwirtschaftliches Gerät nahe Chicagos Heumarkt hatte versucht, die Belegschaft mit Einwanderern und Streikbrechern zu ersetzen. Durch eine Kampagne, an der vor allem der hessische Einwanderer August Spies mit seiner deutschsprachigen "Arbeiter-Zeitung" beteiligt war, gingen viele Arbeitnehmer nicht auf das Gesuch der McCormick Harvesting Machinery Company ein. Stattdessen mussten 400 Polizisten die wenigen Ersatzarbeiter vor den mehr als eintausend aufgebrachten, meist irisch-stämmigen Arbeitskämpfern beschützen. Am dritten Streiktag war die Stimmung unter den Demonstranten so aufgeheizt, dass es zu Auseinandersetzungen mit den Streikbrechern kam. Mit Schüssen hielt die Polizei die Menge in Schach. Zwei Demonstranten starben.

Anarchisten und linke Radikale wollten daraufhin zum bewaffneten Arbeitskampf aufrufen. Die Zeile "Workingmen Arm Yourself and Appear in Full Force!" (Arbeiter bewaffnet euch und erscheint mit voller Gewalt) konnte nur auf Drängen von Spies wieder von den Flugblättern entfernt werden. Andernfalls wollte nicht zu der Menge sprechen.

Die Rolle von Spies bei den folgenden Ereignissen ist nicht zweifelsfrei geklärt. In seiner Rede soll er aber davor gewarnt haben Gewalt anzuwenden. Alles änderte sich mit dem letzten Redner des Tages: Samuel Fielden. Er stachelte die Zuhörer auf. Von der tobenden Masse alarmiert rückte wenig später die Polizei in großem Aufgebot an. Wer genau dann eine Splitterbombe auf die ankommenden Polizisten warf und den Platz ins Chaos stürzte, konnte ebenfalls nie geklärt werden. Die Polizei eröffnete das Feuer. Radikale Demonstranten schossen zurück. Sieben Polizisten und mindestens vier Arbeiter waren am Ende des Tages tot, Dutzende verletzt. Eine Zeitung schrieb am nächsten Tag von einem Massaker auf dem Heumarkt.

Singend in den Tod

Die Gerichtsverhandlung der "Haymarket Affair" wurde mit sieben Todesurteilen beendet, vier wurden vollstreckt, auch das an Verleger Spies. Die "Marseillaise" - das Lied der französischen Revolution und bis heute Frankreichs Nationalhymne - singend marschierten die Verurteilten zum Strang. Ihr öffentlicher Tod soll äußerst qualvoll und langsam gewesen sein. Das Urteil gegen Fielden wurde einen Tag zuvor in eine Gefängnisstrafe umgewandelt. Die Presse brandmarkte die Angeklagten als radikale Sozialisten und Anarchisten. Die rote Angst ging um.

Mit diesem Hintergrund wird deutlich, warum der Internationale Tag der Arbeit fast auf der ganzen Welt gefeiert wird, aber nicht in den USA. Nach der Russischen Revolution gab es sogar Gruppen, die den Tag als "Americanization Day" populär machen wollten – eine Art Gegengewicht zum sich entwickelnden Kommunismus und der Verklärung von Arbeitern, Bauern und Soldaten. Ab den 50er Jahren haben besonders die Regime Osteuropas den 1. Mai für die große politische Bühne eingesetzt. Jungpioniere säumten dann die Straßen Ost-Berlins und die vermeintliche Feuerkraft des Staats wurde dem Volk auf den sozialistischen Prachtstraßen vorgeführt. Googles amerikanische Seite "google.com" zeigt heute kein Doodle.

Die Wahl des Datums

Warum genau der 1. Mai als Datum für die Demonstrationen bestimmt wurde, ist nicht ganz deutlich. In vielen Quellen werden Massenproteste in Australien für die Wahl des Protesttages in Chicago genannt. In Melbourne wurde schon 30 Jahre zuvor der Acht-Stunden-Tag ohne Lohneinbußen durchgesetzt. Diese überaus friedlichen Proteste fanden allerdings schon am 21. April 1856 statt. Noch schneller waren die Steinmetze Sydneys. Als ihre Arbeitnehmervertreter schon im August 1855 einen Arbeitskampf sechs Monate später ankündigten, konnten die Steinmetze nicht mehr an sich halten. Beflügelt von dem Slogan "Eight hours work, eight hours recreation, eight hours rest" (Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Erholung, acht Stunden Schlaf) legten sie Steinbeil und Fäustel nieder. Am 1. Oktober hatten sie ihr Ziel erreicht.

Wahrscheinlicher ist, dass der Tag gewählt wurde, weil er zur damaligen Zeit eine Art Stichtag darstellte. Wer Beruf oder Arbeitgeber wechseln wollte, tat dies am 1. Mai. Die amerikanischen Gewerkschaften wollten dieses Datum wohl als Antrieb nutzen, Dinge bei einem Neustart zu verändern. Oder einfach nur die organisatorische Verwirrung in den Fabriken ausnutzen.

Die Bombenexplosion in Chicago und die brutale Polizeigewalt gegen die streikenden Arbeiter führte im Endeffekt doch zur Umsetzung der Forderungen. Seit dem 1. Mai 1890 haben Amerikaner nach acht Stunden Arbeit frei.

Oliver Noffke