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Entführung im Irak: "Ruhe, sonst werdet ihr erschosssen"

Fünf Briten sind gestern im Irak entführt worden. stern.de hat mit einem Augenzeugen gesprochen. Er schildert, wie die unmaskierten Männer schwerbewaffnet das Gebäude betraten und jedem mit Erschießung drohten, der sich rührt.

Von Christoph Reuter

Nachdem schwerbewaffnete Entführer in Polizei-Uniformen gestern Mittag in Bagdad einen britischen Computerexperten des irakischen Finanzministeriums und seine vier ebenfalls britischen Leibwächter verschleppten, erzählte ein Augenzeuge der Entführung stern.de. "Sie kamen gegen Mittag, kurz vor Dienstschluss", sagt der Ministeriumsangestellte, der seinen Namen aus Furcht vor den Kidnappern nicht nennen mag: "Die wussten genau, wen sie suchten, wo die Ausländer arbeiten", zumal der Überfall nicht im Ministerium selbst stattfand, sondern in einer Außenstelle für die technischen Anlagen an der Palestine Street im Nordosten Bagdads.

Keine Hilfe von den Leibwächtern

"Die müssen das vorher gründlich ausgekundschaftet haben", so der Zeuge: "Erst dachten wir wirklich, es handle sich um einen offiziellen Einsatz, denn die Männern kamen in mehr als zehn Gelände- und Mannschaftswagen der "Maghawir"-Sondereinsatzkommandos des Innenministeriums und trugen auch deren dunkle Flecktarn-Uniformen. Sie waren nicht maskiert und wirkten auch nicht sonderlich in Eile. Sie haben die Straße blockiert, die Wachen mit vorgehaltenen Waffen bedroht und sind ins Gebäude gegangen - genau dorthin, wo die ausländischen Computerexperten arbeiten. Vorher riefen sie noch, alle sollten sich ruhig verhalten, sonst würden sie erschossen!" Dem britischen Experten von der US-Beratungsfirma "Bearing Point", die das irakische Finanzsystem neu aufbauen soll, halfen auch seine vier Leibwächter nicht. Und das, obwohl es sich bei den vier um britische Ex-Soldaten handelt, beschäftigt bei der kanadischen Personenschutzagentur GardaWorld.

Der Zeuge, der das Gebäude durch ein Fenster im Erdgeschoss verließ, als die Kidnapper hereinkamen, sah anschließend, wie die Geiseln an den Händen gefesselt herausgetrieben und in die Autos verfrachtet wurden, bevor der Trupp davonfuhr - in Richtung Sadr City, Bagdads größtem Slum und Hochburg der schiitischen "Mehdi-Armee": "Ich bin mir sicher, das waren Mehdi-Leute, so der Augenzeuge, "von denen arbeiten schließlich viele im Innenministerium!"

Beweise gibt es keine, aber die Indizienlage spricht dafür, dass es sich bei den Entführern tatsächlich um Angehörige der vom radikalen Schiitenführer Muqtada Sadr befehligen Miliz handelt: Angesichts der stetigen Auflösung staatlicher Strukturen im Irak ist es nicht mehr so, dass Milizionäre klammheimlich einen intakten Polizeiapparat unterwandern, wie es oft geschrieben wird.

Sie kontrollieren ihn in Wirklichkeit, zumal die Parteiführer der Regierungskoalition gleichzeitig Befehlshaber der Milizen sind. Muqtada Sadr, Führer der Mehdi-Armee, hat zwar offiziell seine Minister aus der Regierung austreten lassen, aber mitnichten seine Kader aus den Ministerien abgezogen. Finanzminister Bayan Jabr ist zwar auch Schiit, aber erbitterter Konkurrent Sadrs. Dazu kommt, dass britische und irakische Truppen am vergangenen Freitag in Basra den lokalen Kommandeur der Mehdi-Armee erschossen und daher mit Vergeltungsschlägen gegen die Briten gerechnet wurde. Der Ort der Entführung schließlich hätte bequemer für die Mehdi-Armee kaum liegen können: von der Palestine Street bis nach Sadr City sind es nur wenige Häuserblocks.