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Erdogan in Köln: Der väterliche Freund aller Türken

Fast zwei Stunden redete der türkische Ministerpräsident Erdogan vor 18.000 Fans in Köln. Nach der massiven Kritik von deutschen Politikern war er sehr bemüht, kein weiteres Öl ins Feuer zu gießen.

Von Gerd Elendt, Köln

Der Lärmpegel steigert sich zum Tinitus-Alarm, als der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan am Samstag um 17.20 Uhr, die Bühne der Lanxess-Arena in Köln betritt. "Sind auch alle Handys und Lampen an? " brüllt der Moderator von der UETD, der Union Europäisch-Türkischer Demokraten, die zu ihrem zehnjährigen Jubiläum geladen hatte.

Auf den Rängen der mit 18.000 Besuchern bis auf den letzten Platz gefüllten Arena flammt ein Meer von tausenden Lichtern. Ein gutes Dutzend Sicherheitsbeamte schreitet dem Ministerpräsidenten voran. Der winkt beidhändig, huldvoll ins Publikum. Seine Frau, wie immer mit modischem Kopftuch, steht lächelnd neben ihm. Nach kurzer Begrüßung überlässt Erdogan die Bühne zunächst einem Koran -Rezitator der Moschee in Ankara.

"Wir sind hierzulande heimisch, wir sind Teil Deutschlands und Europas und wir bekennen uns dazu", betont anschließend Süleymann Celik, der Vorsitzende der UETD. "Unsere Zukunft liegt in diesem Land". Und er ruft: "Wir sind keine Ausländer und möchten auch nicht als solche behandelt werden." Die Stimmung in der Arena zeige, dass der Minister äußerst beliebt sei. Er verurteile deshalb "vorurteilsbehaftete" Äußerungen vor Erdogans Besuch. Das sei "mit der deutschen Gastfreundschaft unvereinbar."

Grüße von allen Türken

Das war klug eingefädelt. Denn nun braucht sich Erdogan in seiner Rede gar nicht erst in die Niederungen der Diskussionen der letzten Woche begeben. Er beginnt im kreideweichen Vater-Ton. Er übermittelt den Landsleuten in Deutschland "77 Millionen Grüße". Also Grüße von allen Türken. "Glaubt nicht, dass ihr allein in der Fremde seid." Er zitiert das Sehnsuchts-Gedicht eines türkischen Schriftstellers. Und er schmeichelt weiter dem Gemüt: Die in Deutschland lebenden Landsleute hätten viel Leid erfahren, viel Geduld gezeigt und "die Fremde zur Heimat gemacht."

Erdogan umarmend: "Wir sind Euch als Volk dankbar. Stolz auf alle einzelnen Individuen hier. " Da braust Jubel durch die Halle.

Auch bei den kritischen Themen der letzten Wochen - tote Bergleute, Tote bei Demonstrationen - schlägt er ganz neue Töne an. Da ist nichts mehr von der Gefühlskälte, die ihm vorgeworfen wurde. Er gibt sich betroffen. Schuld aber seien an dem Bild die Medien, die gar "Zum Teufel mit Erdogan" titelten. Die Buh-Rufe sind fast so laut wie der Jubel zuvor.

Von seiner früheren, sehr umstrittenen Rede, die er in Köln an gleicher Stelle hielt, will er nicht abrücken. "Bei der Frage der Assimilation sagen wir nein". Die Integration müsse weiter gehen. Seine Landsleute sollten in Deutschland nicht wie Fremde dastehen und leben. "Aber bei unserer Sprache und unserer Kultur können wir keine Zugeständnisse machen."

"Wir arbeiten doch"

Den wirtschaftlichen Erfolg der Türkei strich er mit selbstgefälligem Lächeln heraus: 0,8 Prozent sei die Wachstumsrate in Deutschland. Er könne noch keine ganz gesicherte Zahl nennen. "Aber mindestens vier Prozent können wir verzeichnen". Und trocken setzte er hinzu: "Wir arbeiten doch." Es habe sich eben einiges geändert in den letzten zehn Jahren: "Die Türkei ist nicht mehr die Türkei von gestern." Wieder Jubel, der noch am Rhein zu hören ist.

Zum Schluss seiner Rede geht er kurz auf die Demonstrationen ein, die während seines Auftritts in der Kölner Innenstadt laufen. Wieder bemüht er sich um Mäßigung. "Auch das sind unsere Bürger. Gebt Provokateuren keine Chance, wenn ihr jetzt nach draußen geht. 77 Millionen Türken sind Brüder und Schwestern. Auch im Ausland."

Erdogans Fans hatten zuvor genügend Zeit, sich auf den Auftritt des Premierministers der Türkei einzustimmen. Zwei Stunden lang konnten sie einen Platz in der Arena suchen. Dann durften sie noch weitere zwei Stunden Protokoll- und Begrüßungs-Reden lauschen. Immer wieder unterbrochen von Sprechchören. Die rote türkische Flagge mit Halbmond und Stern wurde hundertfach geschwenkt, tausende von LED-Lampen hochgehalten. Eine Viertelstunde lang wurde schließlich den Opfern des Grubenunglücks in Soma mit einer Koran-Rezitation gedacht.

Vorfall vor einem Restaurant

Unterdessen warteten 500 Meter weiter in einer stillen Nebenstraße am Hyatt-Hotel hochrangige Vertreter der Erdogan-Partei AKP und der UETD mit silbernen und roten Schärpen mit Erdogan-Konterfeis und Kübeln voller dunkelroter Rosen auf die Vorfahrt des Limousinen-Konvois. Erdogan wolle im Hotel nur relaxen, sagte eine UETD-Sprecherin. Noch am Abend werde er wieder in die Türkei zurückfliegen. Er bleibe nicht über Nacht, sagte Asiye Bilgin. Von einem Besuch am Morgen nach der Veranstaltung in der Keupstraße, dem Klein-Istanbul von Köln, war nicht mehr die Rede.

Womöglich hatte der Vorfall am Abend zuvor in der Weidengasse, dem ältesten türkischen Viertel der Domstadt, zu Sicherheitsbedenken geführt. Der stellvertretende türkische Ministerpräsident Bülent Arinc und der türkische Botschafter Hüseyin Avni Karslioglu waren in dem renommierten Feinschmecker-Restaurant Bosporus eingekehrt. Fahrzeuge ihres Trosses parkten direkt vor dem Lokal und wurden von Erdogan-Gegnern erkannt. Es kam zu einer spontanen Demonstration und Tumulten. Erdogan-Gegner und -Fans beschimpften sich lautstark. Die Kölner Polizei rückte zum ersten "massiven" Einsatz im Rahmen des Erdogan-Besuchs an.