Fahndung Die Jagd nach Lindhs Mörder


Nach dem tödlichen Attentat auf die schwedische Außenministerin Anna Lindh bleiben Tatmotiv und Täter weiter im Dunkeln. Die Polizei vermutet den Mörder in Stockholms Unterwelt. Lindhs gewaltsamer Tod erinnert an den Palme-Mord von 1986.

Nach dem Mord an Außenministerin Anna Lindh hat sich am Freitag unter Schweden immer vernehmlicher die Angst vor einer Wiederholung des "Palme-Traumas" verbreitet. Auch am dritten Fahndungstag konnte die Polizei trotz zahlreicher Tatzeugen noch keine greifbaren Erfolge vorweisen und nur höchst vage Auskünfte über den Ermittlungsstand geben. Damit waren für viele Schweden alle quälende Erinnerungen an die 17 Jahre lang erfolglose Jagd nach dem Mörder von Ministerpräsident Olof Palme plötzlich wieder wach.

"Es ist von allerhöchster Bedeutung, dass diese Tat schnell aufgeklärt wird", meinte vor diesem Hintergrund auch Schwedens heutiger Regierungschef Göran Persson. Wer aber kurz zuvor die im Fernsehen direkt übertragene Pressekonferenz der Fahndungsleitung miterlebt hatte, dürfte an der Erfüllung von Perssons Wunsch eher gezweifelt haben. Mit unsicherem Blick, konkreten Fragen ängstlich ausweichend und unfähig zur Erklärung offensichtlicher Pannen direkt nach dem Anschlag machte die Crew unter Führung von Landespolizeichef Sten Heckscher nicht den Eindruck, als sei die Richtung klar.

Erinnerungen an das Chaos nach Palme-Mord

Die Frage etwa nach dem trotz entsprechender Vorschriften ausgebliebenen Stopp des U-Bahnverkehrs unmittelbar nach dem Anschlag weckte böse Erinnerungen an das Chaos nach den tödlichen Schüssen auf Olof Palme. Damals vergaßen Beamte die Absperrung des Tatortes und mussten sich die tödliche Kugel von einem indischen Touristen bringen lassen, der sie aufgelesen hatte.

Anders als nach dem Palme-Mord legte sich die Polizei jetzt allerdings sehr schnell auf ein generelles Täterbild fest: Alles spreche für einen Einzeltäter aus dem Kreis gewalttätiger Drogenabhängiger, der seinen mörderischen Angriff nicht lange vorbereitet hat. Dies galt als weitgehend unmöglich, weil Lindh bis kurz vor ihrer schrecklich geendeten Einkaufstour in das NK-Kaufhaus eigentlich einen Auftritt im 400 Kilometer entfernten Sundsvall haben sollte. Der Entschluss zum Shopping mit einer Freundin, aber ohne Leibwächter, kam spontan und nur von ihr.

Der Stockholmer Kriminologe Sven-Åke Christiansson bemängelte im Rundfunk, dass die Polizei nur sehr vage und viel zu spät Angaben über den von vielen Kaufhausbesuchern gesehenen Täter veröffentlicht hat. "Was die Polizei da zwei Tage lang brachte, passt ja auf zigtausend Männer. Dabei verfügt sie sicher über sehr viel genauere Beschreibungen durch die Augenzeugen", meint Christiansson. Tatsächlich fand sich bei der offiziellen Täterbeschreibung der Polizei bis Freitagmittag nur, dass der Gesuchte etwa 1,80 Meter groß, kräftig gebaut, wahrscheinlich Schwede sowie "heruntergekommen" sei und ein graues Sweatshirt mit Kapuze getragen habe.

Grobe Fehler und freie Fantasie

Beim Palme-Mord führten die groben Fehler in der als entscheidend geltenden ersten Ermittlungsphase zu immer groteskeren Entwicklungen. Erst verrannte sich der damalige Fahndungschef Hans Holmer in eine "Kurden-Spur", die sich später als freie Fantasie erwies. Mehr als drei Jahre vergingen, ehe die Fahnder den drogensüchtigen Kleinkriminellen Christer Pettersson als mutmaßlich allein und spontan handelnden Täter präsentieren konnten. Dem Schuldspruch in erster Instanz folgte der Freispruch in der Berufung, weil die Polizei Palmes Witwe vor der Gegenüberstellung mit Pettersson als Tatverdächtigem und anderen Männern erklärt hatte, auf wen sie bitte besonders achten möge.

Seitdem gedeihen in Schweden Konspirationstheorien aller Art. Kern des "Palme-Traumas" aber ist die simple Tatsache, dass der Polizeiapparat den Mord bis heute nicht aufgeklärt hat. Die Angst vor einer Wiederholung dieser Katastrophe stand den Jägern des Lindh- Mörders bei ihren ersten öffentlichen Auftritten ins Gesicht geschrieben.

Unterdessen hält Schwedens erfolgreichster Krimi-Autor Henning Mankell politische Motive für den Mord an Außenministerin Anna Lindh für möglich. Sein Kollege Per Olov Enquist dagegen glaubt, dass "ein Verrückter" ähnlich wie beim Mord an John Lennon 1980 hinter der Tat steht. Einig waren sich beide bei einer am Freitag von der Zeitung "Politiken" (Kopenhagen) veröffentlichten Umfrage unter schwedischen Schriftstellern, dass die Aufklärung der Hintergründe für Schweden von ungeheurer Bedeutung ist.

Thomas Borchert DPA

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