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Olof Palme: Ein Mord ohne Täter

Der gewaltsame Tod von Anna Lindh erinnert an den spektakulären Mord an Ministerpräsident Olof Palmem vor mehr als 17 Jahren. Beim Palme-Attentat führten grobe Fehler während der Ermittlungen zu grotesken Entwicklungen.

Für viele Schweden waren alle quälenden Erinnerungen an die erfolglose Jagd nach dem Mörder von Olof Palme (58) plötzlich wieder wach. Der gewaltsame Tod der Außenministerin Anna Lindh erinnert an den spektakulären Mord an dem damaligen Ministerpräsidenten Olof Palme vor mehr als 17 Jahren.

Am Abend des 28. Februar 1986 wurde der Sozialdemokrat in der Innenstadt von Stockholm aus nächster Nähe erschossen. Auch der Palme-Mord löste weltweit Trauer und Bestürzung aus. Die Suche nach dem Mörder verlief bis heute erfolglos. Dabei hatte die Polizei auch damals nach einigen Tagen einen Mann als mutmaßlichen Täter präsentiert, der sich allerdings später als unschuldig herausstellte.

Ohne Polizeischutz auf dem Heimweg

Palme war ohne Polizeischutz mit seiner Frau Lisbet auf dem Heimweg nach einem Kino-Besuch, als ihm sein Mörder mit einem Revolver auflauerte. Obwohl der Regierungschef rasch in ein Krankenhaus gebracht wurde, kam jede Hilfe zu spät.

Die Frage etwa nach dem trotz entsprechender Vorschriften ausgebliebenen Stopp des U-Bahnverkehrs unmittelbar nach dem Anschlag auf Außenministerin Anna Lindh weckte böse Erinnerungen an das Chaos nach den tödlichen Schüssen auf Olof Palme. Damals vergaßen Beamte die Absperrung des Tatortes und mussten sich die tödliche Kugel von einem indischen Touristen bringen lassen, der sie aufgelesen hatte.

Anders als nach dem Palme-Mord legte sich die Polizei jetzt allerdings sehr schnell auf ein generelles Täterbild fest: Alles spreche für einen Einzeltäter aus dem Kreis gewalttätiger Drogenabhängiger, der seinen mörderischen Angriff nicht lange vorbereitet hat. Dies galt als weitgehend unmöglich, weil Lindh bis kurz vor ihrer schrecklich geendeten Einkaufstour in das NK-Kaufhaus eigentlich einen Auftritt im 400 Kilometer entfernten Sundsvall haben sollte. Der Entschluss zum Shopping mit einer Freundin, aber ohne Leibwächter, kam spontan und nur von ihr.

Grobe Fehler und immer groteskere Entwicklungen

Beim Palme-Mord führten die groben Fehler in der als entscheidend geltenden ersten Ermittlungsphase zu immer groteskeren Entwicklungen. Erst verrannte sich der damalige Fahndungschef Hans Holmer in eine "Kurden-Spur", die sich später als freie Fantasie erwies. Spekulationen zufolge kamen als mögliche Drahtzieher der Tat hinzu das iranische Khomeini-Regime, südafrikanische Rassisten, der israelische Geheimdienst Mossad, die amerikanische CIA, die Sowjetunion, das chilenische Militärregime und ein Syndikat internationaler Waffenhändler in Frage.

Mehr als drei Jahre vergingen, ehe die Fahnder den drogensüchtigen Kleinkriminellen Christer Pettersson als mutmaßlich allein und spontan handelnden Täter präsentieren konnten. Dem Schuldspruch in erster Instanz folgte der Freispruch in der Berufung, weil die Polizei Palmes Witwe vor der Gegenüberstellung mit Pettersson als Tatverdächtigem und anderen Männern erklärt hatte, auf wen sie bitte besonders achten möge. Dies galt als eine von vielen schweren Schlappen der Ermittler.

Konspirationstheorien aller Art

Seitdem gedeihen in Schweden Konspirationstheorien aller Art. Kern des "Palme-Traumas" aber ist die simple Tatsache, dass der Polizeiapparat den Mord bis heute nicht aufgeklärt hat. Die Angst vor einer Wiederholung dieser Katastrophe stand den Jägern des Lindh-Mörders bei ihren ersten öffentlichen Auftritten ins Gesicht geschrieben.

Doch gerade schwedische Politiker haben sich weiterhin bemüht, trotz ihrer exponierten Stellung ein ganz normales Leben zu führen. In Kraaketorp bezeichnet der Lehrer Bernhard Hjelmer die Vorstellung, dass schwedische Politiker keine Leibwächter brauchen, als Wunschdenken. "Was Anna Lindh zugestoßen ist, ist ein Teil der Gesellschaft, den die Politiker nicht sehen wollen", sagt der 54-Jährige.

Volksnähe als Verhängnis

Für ihn hat sich Schweden mit der Ermordung Palmes 1986 verändert. Vorher, sagt er, gingen König und Königin ungeschützt in Stockholm spazieren und Tage Erlander, 23 Jahre lang Ministerpräsident, nahm die U-Bahn. Dieses volksnahe Verhalten wurde Anna Lindh zum Verhängnis.

"Es war genau diese Weigerung, das Leben eines stereotypischen Politikers zu führen, die sie zu solch einer populären Führungspersönlichkeit und zur möglichen künftigen Ministerpräsidentin werden ließen", schrieb die Zeitung "The Times" in einem Leitartikel. "Es wäre tragisch, wenn diese vernünftige Normalität in der Politik nicht länger möglich wäre, in Schweden und anderswo in Europa."

Dusko Vukovic
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