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Berufungsverfahren: Lindh-Mörder muss in die Psychiatrie

Zehn Monate nach dem Mord an der schwedischen Außenministerin Anna Lindh hat das Stockholmer Oberlandesgericht den Täter in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen.

Aufgeregte Töne blieben nach dem neuen Urteil im Mordfall Anna Lindh aus. Zwar hob das Stockholmer Oberlandesgericht die Verurteilung des 25-jährigen Mijailo Mijailovic zu lebenslanger Haft auf und wies den Mörder zur Behandlung in die geschlossene Psychiatrie ein. Doch war im Gegensatz zum Mord an Ministerpräsident Olaf Palme vor 18 Jahren bereits seit der Festnahme des Dauer-Psychiatriepatienten Mijailovic klar, dass die Messerattacke auf die schwedische Außenministerin am 10. September 2003 das Werk eines Zufallstäters war - und kein geplanter Anschlag mit politischem Hintergrund.

"Nicht überraschend"

So stufte das Berufungsgericht am Donnerstag den Mord an der 46-jährigen Politikerin als Tat eines psychisch schwer kranken und haftunfähigen Mannes ein. Und Oberstaatsanwältin Agneta Blidberg nannte das einstimmige Urteil nach entsprechenden psychiatrischen Gutachten "nicht überraschend" und zollte den Richtern "Respekt" - trotz ihres Antrags auf lebenslange Haft.

Mangelnde psychiatrische Versorgung

Auch außerhalb des Gerichtssaales wurde das Urteil nüchtern aufgenommen. "Das Gericht signalisierte mit seinem Urteil, dass Anna Lindh ihr Leben lassen musste, weil die schwedische Gesellschaft Mijailovic keine ausreichende psychiatrische Behandlung gegeben hat", sagte der Strafrechtler Christian Diesen. Mijailovic selbst hatte nach seiner Festnahme die Tat gestanden, als Motiv den "Zwang innerer Stimmen" angegeben und erklärt, er habe kurz zuvor mehrfach vergeblich um psychiatrische Hilfe gebeten.

Widersprechende Gutachten

Den Ausschlag bei der Verurteilung zu Haft in erster Instanz wie auch bei der Einweisung in die Rechtspsychiatrie in der Berufung gab jeweils ein psychiatrisches Gutachten. Im ersten wurden Mijailovic sowohl Schuld- wie Haftfähigkeit bescheinigt, während ein für das Oberlandesgericht erstelltes Alternativgutachten zu gegenteiligen Schlussfolgerungen kam. Dieses ist überzeugt, dass die Staatsanwaltschaft wegen der unterschiedlichen Gutachten und der grundlegenden Bedeutung des Mordfalles Anna Lindh nun den Obersten Gerichtshof als dritte und letzte Instanz anrufen wird.

Schuldspruch ist wichtig für Polizei

Viel wichtiger als die Frage von Gefängnis oder Psychiatrie ist für die Polizei der neue Schuldspruch wegen Mordes. "Für die schwedische Polizei ist es sehr gut, dass die Arbeit an diesem Fall mit einer Verurteilung für die Tat abgeschlossen worden ist", sagte Reichspolizei-Sprecherin Ann-Marie Begler.

Sie verwies auf den Palme-Mord 1986 als immer noch offener Wunde für Schweden. Nach dem Freispruch des in erster Instanz verurteilten Kleinkriminellen Christer Pettersson im Berufungsverfahren gilt der Fall nach 18 Jahren als unaufgeklärt. "Kurz nach dem Mord an Anna Lindh sah es so aus, als würde das ein neuer Fall wie Palme. Aber jetzt haben wir die Täterfrage geklärt", meinte Oberstaatsanwalt Sven-Erik Alhem: "Alles andere hätte das schwedische Rechtssystem nicht verkraftet."

Thomas Borchert, DPA / DPA