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Flüchtlingsstrom: Berlusconi besucht Gaddafi

Tausende von Immigranten, vermutlich von der libyschen Küste abgefahren, haben zuletzt Italien erreicht. Ein Abkommen über gemeinsame Patrouillen beider Länder auf dem Mittelmeer soll den Flüchtlingsstrom eindämmen helfen.

Die letzten von tausenden erschöpften Flüchtlingen kamen erst vor wenigen Tagen in Italien an: Nach tagelanger Überfahrt in einem kleinen Boot schleppten sich die rund 70 Afrikaner mit letzter Kraft an Land. Viele von ihnen kommen über Libyen, schätzungsweise zwei Millionen Menschen warten nach italienischen Angaben dort auf ihre illegale Einreise ins "gelobte Land". Die Gespräche des italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi über eine Eindämmung des Flüchtlingsstroms mit dem libyschen Staatschef Gaddafi am Mittwoch dürften für den Regierungschef daher keine leichte Aufgabe werden.

Mehr als 5.000 Tote seit 1996

Allein in diesem Sommer sind bereits tausende Flüchtlinge an der italienischen Küste gelandet. Mehr als 5.000 sind nach Schätzungen des Italienischen Flüchtlingsrates seit 1996 während der Überfahrt nach Italien ums Leben gekommen. Wie viele bereits auf ihrer ersten Etappe nach Libyen gestorben sind, darüber gibt es nicht einmal Zahlen.

Das Problem könne Italien nicht allein lösen, sagt Christopher Hein, der Leiter des Italienischen Flüchtlingsrates. Es müsse vielmehr "im Kontext einer Politik der Europäischen Union" angegangen werden. Denn: "Wenn es ein Einwanderer nach Italien oder Spanien geschafft hat, "kann er innerhalb von ein paar Stunden in Paris, Berlin oder Madrid sein", wie der Flüchtlingsexperte Sergio Romano erklärt.

Auch mit Libyen, der Drehscheibe für viele Einwanderer, hat sich Italien in der Frage bereits mehrfach auseinander gesetzt. In der ersten Jahreshälfte sei die Zahl der illegal nach Italien Eingewanderten zwar deutlich gesunken, noch immer strömen nach Angaben des Innenministeriums aber Tausende über das Mittelmeer an die italienische Küste.

Viele von ihnen nutzen Italien dabei als Durchgangsstation in andere europäische Länder.

Gemeinsam durchgeführte Patrouillen gegen Immigranten

Erst vergangene Woche erklärte sich die Regierung in Rom bereit, sich an der Ausbildung libyscher Polizisten zu beteiligen. Gemeinsam durchgeführte Patrouillen sollen in Zukunft helfen, den Strom von Immigranten einzudämmen. Und schon im vergangenen Jahr haben sich Tripolis und Rom auf die Bekämpfung krimineller Schleuserbanden und auf eine Zusammenarbeit bei der Rettung von Flüchtlingen geeinigt. Italien hat außerdem die EU aufgefordert, ihr Embargo gegen Libyen zu lockern und Tripolis den Kauf von militärischer Ausrüstung zu erlauben, um gegen Schleuser vorzugehen. Kritiker fürchten jedoch, dass die Regierung das Einwanderungsproblem für ihre eigene Politik ausnutzen könnte.

Der libysche Außenminister Abdurrahman Shalgham erklärte dagegen, auch die Regierung in Tripolis leide unter den durchreisenden Flüchtlingen. "Wir nutzen überhaupt nichts aus", sagte Shalgham der italienischen Zeitung "La Stampa". Vielmehr werde in "Ressourcen und Ausrüstung" investiert, um "diese Invasion zu bewältigen - aber das schaffen wir nicht allein", erklärte der Minister. Berlusconi betonte denn vor seinem Besuch am Mittwoch auch, es gebe mit Gaddafi eine Menge Probleme zu lösen, "aber in einer freundschaftlichen Atmosphäre".

Tom Rachman/AP / AP / DPA
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