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Gazastreifen: "Die Jagdsaison ist eröffnet"

Nach dem Doppelanschlag in der Stadt Aschdod verschärft die israelische Regierung ihren Kurs. Jetzt gab sie grünes Licht für tödliche Militärschläge gegen militante Palästinenser im Gazastreifen. Damit solle eine letzte "Lektion" erteilt werden.

Die israelische Regierung hat ihren Soldaten grünes Licht für eine Runde tödlicher Militärschläge gegen militante Palästinenser gegeben. Nach mehreren kurz aufeinander folgenden Kampfeinsätzen israelischer Hubschrauber und Panzer erfüllt die Menschen im Gazastreifen Sorge und Wut. Denn der von Ministerpräsident Ariel Scharon angekündigte Abzug aus dem Gazastreifen leitet keinen friedlichen Neubeginn ein.

Die Führer militanter Organisationen und ihre Infrastruktur seien im Fadenkreuz, können israelische Zeitungsleser erfahren. Es wird "totaler Krieg" angekündigt. Die israelische Armee sei von allen Beschränkungen befreit. "Die Jagdsaison ist eröffnet", schreibt die Zeitung "Maariv". Denn die Armee soll im Gazastreifen noch eine Lektion erteilen, bevor sie später einmal abrücken könnte.

Verschärfter Kurs nach Doppelanschlag

Der verschärfte Kurs folgt dem Doppelanschlag auf den Hafen der Stadt Aschdod, wo am Sonntag zwei Palästinenser zehn Israelis mit sich in den Tod gerissen haben. Die Attentate haben eine neue Qualität, weil sie auf ein strategisches Industriegebiet zielten. Und erstmals seit dem Beginn des Palästinenseraufstandes vor mehr als drei Jahren haben Selbstmordattentäter aus dem Gazastreifen ihren Weg in israelisches Kernland gefunden.

Doch die Heftigkeit der israelischen Reaktion hat ihren Grund nicht nur darin. "Anders als bei dem hastigen Abrücken aus dem Libanon, als die Hisbollah-Miliz einen Sieg erzielt hat, haben wir nicht die Absicht, den Gazastreifen mit eingekniffenem Schwanz zu verlassen", berichtet eine Zeitung aus einem Treffen der Sicherheitschefs. Der Hamas-Gründer Scheich Ahmed Jassin und seine Leute stünden nun auf einer Abschussliste.

Die verbrannte Erde im Gazastreifen paralysiert die ganze Palästinenserführung. Sie erscheint zielos und unfähig, das Palästinensergebiet an der Mittelmeerküste zu kontrollieren. Einen palästinensischen Plan für die Zukunft eines geräumten Gazastreifens vorzulegen bedeute, Scharon in die Hände zu spielen, sagt der Fatah- Politiker Ahmed Ghunaim in Jerusalem. "Und wenn wir die Polizei gegen die militanten Gruppen einsetzten, würde sich nur die Konfrontation innerhalb der Palästinensergruppen verstärken", sagt er. Als am Mittwoch Polizisten ein Auto mit Hamas-Leute und einer Rakete stoppen, gibt es eine tödliche Schießerei.

Sprengfallen und Patrouillien

Mit der Ankündigung eines großen Militärschlages sind in Gaza-Stadt zudem schlimmste Befürchtungen geweckt worden. Die Bewohner erwarten Gewalt und Ausgangsperren, decken sich vorsorglich mit Lebensmitteln ein. Im Flüchtlingslager Dschebalia machen Palästinenser Sprengfallen scharf, die gegen eindringende israelische Truppen gezündet werden sollen, wie Augenzeugen berichten. Maskierte Männer patrouillieren mit Sturmgewehren und Panzerfäusten.

Die Kriegserklärung an die Adresse militanter Palästinenserorganisationen im Gazastreifen wird aber auch in Israel mit Skepsis betrachtet. Die wichtigsten Führer der militanten Organisationen seien längst tief abgetaucht, unklar sei auch, wie die Armee einen Weg aus der Eskalation finden könne, schreibt die Zeitung "Maariv". So sei das eigentliche Ziel der israelischen Offensive, die palästinensischen Spannungen zu vergrößern.

Carsten Hoffmann und Saud Abu Ramadan / DPA