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Gedenkstätte: Dem Grauen ein Gesicht geben

Zum zehnten Jahrestag des Volkermords in Ruanda wird in der Hauptstadt Kigali eine Gedenkstätte eröffnet. Das Konzept sieht vor, den Toten mit Fotos und persönlichen Habseligkeiten ihre Individualität wiederzugeben.

Fröhliche Kindergesichter werden den Besucher anlächeln. Er wird den Namen des Kindes erfahren, sein Lieblingsspielzeug und seine ersten Worte. Und er wird darüber informiert, wie das Kind getötet wurde - mit der Machete, mit einem nagelbesetzten Knüppel oder in der Fäkaliengrube ertränkt. Das ist der Entwurf für einen der Räume der Gedenkstätte des Völkermordes von Ruanda, die am 6. April in der Hauptstadt Kigali eröffnet werden soll. Eine britische Stiftung hat sich der Aufgabe angenommen, die Erinnerung an den Völkermord in Ruanda wachzuhalten.

Vor zehn Jahren kam in einer dreimonatigen Gewaltorgie, die am 7. April begann, knapp eine Million Zivilisten ums Leben. Extremistische Hutus wollten die Minderheit der Tutsis ausrotten, die sie als "Kakerlaken" bezeichneten.

Letzte Ruhestätte für 250 000 Menschen

In den letzten Tagen vor den großen Gedenkfeiern wird in der Gedenkstätte im Stadtteil Gisozi hektisch gehämmert und gesägt. Zwei fast fertige hellgelbe Gebäude heben sich von den ärmlichen Wellblechhütten der Umgebung ab. Frauen tragen große Schalen mit Zement auf dem Kopf zu den Maurern, die an der Verschalung der Massengräber arbeiten. In der tiefen Gruft stapeln sich lila umhüllte Holzsärge, randvoll mit Gebeinen von namenlosen Toten. Fliegen surren, eine Eidechse huscht über einen Sargdeckel. Etwa 250 000 Menschen sollen hier begraben sein.

Das Konzept der Gedenkstätte erinnert an Einrichtungen wie Jad Vaschem in Jerusalem. Eingescannte Fotos und persönliche Habseligkeiten sollen den Toten ihre Individualität wiedergeben. Eine Stimme aus dem Off liest scheinbar endlose Namenslisten. Beim Spaziergang durch einen idyllischen Rosengarten mit einem symbolischen Wasserspiel kann der Besucher dem Grauen ungestört nachsinnen.

Finanziert durch Spenden aus dem Ausland

Ein Teil der Ausstellung widmet sich den "Helden", beispielsweise UN-General Roméo Dallaire, der sich vergeblich um die Verstärkung seiner Truppen bemüht hat. Das mindestens zwei Millionen Euro teure Projekt wird vor allem durch Spenden aus dem Ausland finanziert - wohl auch ein Ausdruck des schlechten Gewissens, vor zehn Jahren nicht genug getan zu haben, um das Töten zu stoppen.

"Uns war klar, dass wir die westliche Form des Gedenkens nicht einfach hierher übertragen konnten", sagt James Smith, Direktor der Genozid-Stiftung "aegis trust". Der Mittdreißiger hatte zuvor gemeinsam mit seinem Bruder Steven in Großbritannien eine Holocaust-Gedenkstätte aufgebaut. "Wir haben viele Überlebende gefragt, wie das Vergessen verhindert werden kann."

Viele Gebeine bis heute unbeerdigt

In den vergangenen Jahren hat Ruanda die Erinnerung an den Völkermord weniger ästhetisch inszeniert. An vielen Orten des Massakers sind die Gebeine bis heute unbeerdigt. "Es gibt keinen Konsens bei den Überlebenden über den Umgang mit den Toten", sagt Smith. "Manche sagen, es müsse alles bleiben wie es ist, damit niemand es vergisst."

In Ntarama, etwa eine Autostunde östlich von Kigali, haben im Frühsommer 1994 Tausende auf dem Gelände einer katholischen Kirche Schutz gesucht. Hutu-Extremisten warfen Granaten in das Gebäude und töteten etwa 5000 Menschen. Wer die Kirche heute besucht, blickt als erstes auf ein Regal, in dem Schädel und Oberschenkelknochen ordentlich gestapelt sind. Es riecht modrig.

Das letzte Hab und Gut der Toten

Bedeckt von einer dicken rötlich-grauen Staubschicht liegt auf dem Boden der Kirche das letzte Hab und Gut der Toten, Kleidungsstücke, Schuhe, ein Emailletopf, ein Schulbuch, ein Handspiegel. Neben einer Kirchenbank ist ein langes Messer der Angreifer zu Boden gefallen, der Griff ist mit einem Tuch umwickelt. Eindrucksvoller lässt sich der Schrecken des Massenmordes auch in einer teuren und um die Würde der Toten bemühten Ausstellung kaum darstellen.

Ulrike Koltermann / DPA
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