HOME

Havarie vor England: Strandräuber geben sich reuig

Sie nahmen alles, was das Meer wieder hergegeben hat: von Babywindeln bis Motorräder. Doch jetzt, mit Beginn der Bergung der havarierten MSC Napoli, bekommen viele Strandräuber ein schlechtes Gewissen und geben ihr Diebesgut zurück.

Von Cornelia Fuchs

Sie haben Motorräder geklaut, Babywindeln, Lenkrad-Airbags und Weinfässer. Es muss wie ein Rausch gewesen sein, als am Strand von Branscombe im englischen Devon plötzlich ganze Container angespült wurden, voll mit Dingen, die zwar keiner braucht, aber plötzlich alle haben wollten. Und Hunderte haben sich einfach bedient.

Nach dem Plündern kommt jetzt die Reue. Und wahrscheinlich die Angst. Denn auch wenn sich die meisten Teilnehmer des Massenwahns als Strandgut-Sammler sehen - in Wahrheit sind sie Diebe, und die können ermittelt werden.

So sind beispielsweise auf den BMW Motorrädern der Modelle R1200RT und F800, mit denen viele Strand-Sammler stolz posierten, Seriennummern eingraviert. Niemand kann diese Motorräder in Großbritannien anmelden, ohne als Dieb erkannt zu werden. Die Polizei vermeldete bereits, dass sie die Bilder der neuen Besitzer genau untersuchen würde. Offensichtlich ist die Angst, entdeckt zu werden inzwischen ziemlich groß in Branscombe. In der Kneipe "Dolphin" im nahe gelegenen Dorf Beer wurden bereits Fotografien und Champagner-Gläser aus der MSC Napoli anonym deponiert. Und die "Maritime and Coastal Agency", zuständig für das verlorene Gut, vermeldet eine stark gestiegene Zahl von Anrufern, die freundlich nach Formularen fragen, mit denen sie Gegenstände aus der MSC Napoli offiziell als gefunden anmelden können. Zu diesem Zweck hat ein Bauernhof, der in der Nachbarschaft des Strandes eigentlich alten Eseln ein neues zu Hause gibt, ein Feld zur Verfügung gestellt, auf dem jetzt "gefundene" Strandgüter abgestellt werden können. Der Verkehr soll rege sein.

Ein richtig schlechtes Gewissen haben drei junge Männer, die mit Bolzenschneidern eine große Kiste aufbrachen und daraus ein Tee-Service, Bilder und weitere private Gegenstände mitnahmen. Oliver Morgan, 19, Matt Daines, 26 und Michael Wheeler, 27, entschuldigten sich nun öffentlich in der Zeitung "Daily Telegraph" bei den schwedischen Besitzern Jan und Anita Bokdal. Die Bokdals wollten die große Kiste zu ihrem Weingut nach Südafrika verschiffen lassen. Sie mussten dann im Fernsehen mit ansehen, wie Fremde ihr Hochzeits-Geschirr, Champagner-Gläser und Ölbilder von Leoparden aus der Kiste klauten. Anita Bokdal, so vermeldet die Zeitung, ist sehr erfreut über die Rückkehr ihrer Habseligkeiten und sagt, dass sie den Männern vergeben hat: "Ich bin so froh über das Service. Uns hat es körperlich wehgetan, als wir dachten, wir würden dieses Geschenk meiner Schwiegereltern nie wieder sehen. Wenn die Männer verstehen, was sie da getan haben, dann akzeptieren wir ihre Entschuldigung."

Von einer Art Massenhysterie verleitet

Denen wiederum ist die ganze Sache inzwischen extrem peinlich. Sie seien keine Diebe, sagen sie, sondern von einer Art Massenhysterie verleitet worden: "Da unten hat jeder nach allem gegriffen. Und wir haben nicht alles aus dieser Kiste genommen. Eine Frau wollte einen Tisch herausholen - aber der war schon zu beschädigt." Und dann zeigt Wheeler eine sehr eigene Interpretation der rechtlichen Grundlage von Besitz: "Wir wollten nichts klauen, was anderen gehört. Es war halt einfach so, dass die Kiste, die wir geöffnet haben, Privatleuten gehörte und nicht irgendwelchen Firmen."

Das Dorf Branscombe beschwert sich inzwischen über kriminelle Banden, die in Vorgärten und Garagen einbrechen und weit mehr klauen als nur die Dinge am Strand. Wheeler und seine Freunde sind übrigens selber Opfer geworden: Während sie in den Kisten der Bokdals kramten, wurden ihnen ihre Mobiltelefone geklaut. Und die Bolzenschneider sind auch weg. Inzwischen ist ein schwimmender Kran am Wrack der MSC Napoli angekommen, der die verbleibenden über 2000 Container aus dem Wrack heben soll. Er wird mehr als fünf Monate brauchen, bis das Schiff leer geräumt ist. Das auslaufende Öl ist inzwischen unter Kontrolle und der Ölteppich verflüchtigt sich. Die Gefahr einer größeren Verschmutzung des Küstengebietes ist nach Expertenmeinung gebannt.

Themen in diesem Artikel