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Kommentar

Wahlkampf bizarr: Clinton braucht Antibiotika - bei Trump helfen keine Pillen

Hillary Clinton hat eine Lungenentzündung. Grund genug für den überhitzten amerikanischen Politbetrieb, ihre gesamte Präsidentschaftskandidatur in Frage zu stellen. Eine Frage drängt sich auf: Müsste nicht eigentlich die geistige Gesundheit eine viel größere Rolle spielen?

Hillary Clinton Donald Trump

Hillary Clinton bekam im Wahlkampf eine Lungenentzündung

Die USA sind schon ein seltsames Land. Wahrscheinlich sogar das einzige Land der Welt, in dem eine Lungenentzündung eine Präsidentschaftskandidatur in Gefahr bringen kann. Sicher aber das einzige Land der Welt, in dem die körperliche Gesundheit zur Ausübung des wichtigsten Amtes der Nation eine größere Bedeutung einnimmt als die geistige. Ist das polemisch? Nein, ein Blick auf das Gebaren des anderen Kandidaten beweist, dass es wahr ist. Kurz gesagt: Hillary Clinton braucht Antibiotika – aber bei Trump, dem gefährlichen Narzissten und Hetzer, helfen keine Pillen.

Es gibt Erklärungen für das, was gerade in Amerika passiert. Nichts ist hier wichtiger, als der Stärkste und Beste zu sein – eine Obsession, mit der Trump spielt, die zudem tief in der Kultur des Landes verwurzelt ist und umso ironischer anmutet, wenn man den Gegenwind betrachtet, der Präsident Obama für die von ihm angeschobene Gesundheitsreform entgegenblies. 


Hillary Clinton ist zäh, aber nicht unverwundbar

Außerdem gehört der Wahlkampf zwischen Clinton und Trump schon jetzt zu den härtesten und bizarrsten in der Geschichte – es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis er sich auch auf die Gesundheit der Kandidaten auswirkt. Clinton ist zäh, aber nicht unverwundbar. Und sofort wird wild über die Fitness der 68-Jährigen – und ihre daraus resultierende Fähigkeit zu regieren – spekuliert. Spötter behaupten bereits, dass Clinton sogar ohne Bewusstsein eine bessere Wahl als Donald Trump darstelle.

Hätte Clinton ihre Krankheit also anders kommunizieren müssen? Ein geradezu perfider Vorwurf, der im Raum steht – auch befeuert durch Trumps Verhalten der letzten Wochen. Immer wieder machte er Anspielungen auf Clintons Gesundheitszustand, erst vor Wochenfrist mokierte er sich über das mangelnde mediale Echo zu Clintons Hustenattacken während ihrer Rede in Cleveland. Als die Lungenentzündung öffentlich wurde, wünschte der lautsprechende Gegner plötzlich kleinlaut gute Besserung.

Abgesehen davon, dass so viel von dem, was Trump von sich gibt, in einer weniger wahnsinnigen Welt ungehört verhallen sollte, ist in diesem Fall Grundsätzliches festzustellen: Was hätte Clinton denn sagen sollen? Oder besser: Geht es den Wähler etwas an? Nein. Niemand kann für sich beanspruchen, über den Gesundheitszustand eines anderen Menschen Auskunft zu erhalten, und sei dieser andere Mensch auch ein Präsidentschaftskandidat. Die ärztliche Schweigepflicht ist ein hohes Gut. Außerdem ist die Geschichte der Weltpolitik geprägt von Gestalten, die an kleinen und schweren Zipperlein litten. Hat es ihr politisches Erbe beeinträchtigt? Noch so eine rhetorische Frage.

Es gibt Erklärungen für das, was gerade in Amerika passiert – und automatisch drängt sich dem neutralen Beobachter aus einigen Tausend Kilometern Entfernung die Frage auf: Wäre so eine Debatte hierzulande auch denkbar? Lange nach ihrer Amtszeit wurden die gesundheitlichen Probleme von Ikonen wie Willy Brandt oder Helmut Schmidt publik, ihr Schaffen wurde deshalb trotzdem nie in Frage gestellt.

Erinnerungen an Angela Merkels "Kollaps"-Drama

Aktuell kommt einem Angela Merkels "Zusammenbruch" aus dem letzten Jahr in den Sinn – das "Kollaps"-Drama von Bayreuth, das letzten Endes nicht mehr war als eine mediale Posse. Nicht die Kanzlerin, sondern ihr Stuhl war zusammengebrochen. So oder so hätte das Ansehen ihrer Arbeit in der Bevölkerung aber wohl keinen Schaden genommen, nicht mal in hysterischen Zeiten wie diesen.

Kein Mensch ist immun gegen sein gesundheitliches Schicksal, so sehr er auch nach Macht strebt. In den USA herrscht trotzdem ein politisches Klima, in dem diese Tatsache zum Vorwurf gereicht, in dem diese Tatsache sogar eine Präsidentschaftskandidatur in Frage stellen kann. Es macht einen ganz krank, je länger man darüber nachdenkt. 

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