Hillary vs. Obama Zweifel säen um jeden Preis


Kurz vor der entscheidenden Vorwahl im Rennen um die US-Präsidentschaftskandidatur haben sich Hillary Clinton und Barack Obama das 21. TV-Duell geliefert. Um Inhalte geht es schon lange nicht mehr, sie versucht, Zweifel an der Integrität Obamas zu säen. Und der liefert ihr unfreiwillige Vorlagen.
Von Katja Gloger, Washington

Natürlich gab es ein paar gute Ratschläge vor dieser wichtigen Debatte, der nunmehr 21. Fernsehdebatte zwischen Hillary Clinton, 60, und Barack Obama, 47, Ratschläge vor allem für Hillary Clinton. Einer davon kam von Douglas Schoen, einem ehemaligen Berater ihres Gatten Bill: Jetzt gebe es nur noch ein Chance. Sie müsse Obamas Kandidatur unterminieren. Müsse endlich zeigen, dass Obama weit entfernt sei von denen der Wähler und ihrer Sorgen. Wenn Hillary Clinton diesen Wahlkampf noch gewinnen will, dann müsse sie beweisen, dass Barack Obama unwählbar sei. Anders gesagt: Hillary Clinton ist im Moment eine Art Double für John McCain.

Es war die 21. Fernsehdebatte der Demokraten in diesen endlosen, ermüdenden Monaten des Vorwahlkampfes, eine Debatte, bei der es kaum noch um Inhalte ging. Am Interessantesten war vielleicht noch die Körpersprache. Weder eine herzliche Begrüßung, noch freundliche Worte zwischen den beiden, wie noch im Januar. Nichts mehr vom ersehnten "Dreamteam" der Demokraten. Eisig standen sie nebeneinander, mustern einander mit Wolfsblicken. Die Moderatoren mussten sie regelrecht zu einem Geständnis zwingen: "Yes, yes, yes!" antwortete sie schließlich auf die Frage, ob Obama im November wählbar sei. Dabei macht sie keinen Hehl daraus, dass sie Obama für unwählbar hält.

Clinton-Tochter Chelsea mit ernstem, blassen Gesicht

Beinahe im Dunkel das stumme Publikum im "Zentrum der Verfassung" zu Philadelphia, in der ersten Reihe Clinton-Tochter Chelsea mit ernstem, blassen Gesicht, im Hintergrund ein Plakat mit den ersten drei Worten der Verfassung: "Wir, das Volk." Das aber blieb gestern Abend außen vor.

Hillary Clinton kämpft wieder einmal den Kampf ihres Lebens, jetzt in Pennsylvania, dem großen Bundesstaat mit seinen vielfältigen ökonomischen Problemen, ein Bundesstaat, der mal republikanisch wählt und mal demokratisch.

Bislang konnte sich Hillary Clinton sicher sein, die Vorwahlen in Pennsylvania haushoch zu gewinnen. Noch vor wenigen Wochen lag sie in den Umfragen mit 16 Prozent weit vor Barack Obama. Doch nach knapp 40 Vorwahlen liegt sie nun mal mehr als 160 Delegierte hinter Obama zurück, und eigentlich kann sie diese Schlacht nur noch gewinnen, wenn ein mathematisches Wunder geschieht.

Vielleicht hilft ja die Musik, die bei ihren Wahlveranstaltungen hier in Pennsylvania läuft - die aus "Rocky", der Hymne der Underdogs. Des unerschütterlichen Wiederaufstehmanns. Unterdessen ist ihr Vorsprung auf rund sieben Prozent geschrumpft. Hier in Pennsylvania muss sie einen bedeutenden Sieg einfahren. Das heißt zugleich: Obama kann verlieren. Er darf nicht haushoch verlieren.

Clinton musste einiges aushalten

In den vergangenen Wochen hatte Hillary Clinton Einiges aushalten müssen. Den Druck einflussreicher Demokraten, sie solle aufhören, um der Einheit der Partei willen und auch, um Obama nicht dem Dauerfeuer der Angriffe auszusetzen. Dann hatte Gouverneur Bill Richardson, ein langjähriger Freund der Clintons, einst Energieminister und Botschafter bei den Vereinten Nationen, eine Wahlempfehlung für Obama gegeben. Darüber war das Ehepaar so sauer, dass es zu Schimpftiraden am Telefon kam.

Dann musste ihr umstrittener Chefstratege Mark Penn gehen - und das gerade mal zwei Monate, nachdem Hillary schon ihre oberste Wahlkampfmanagerin feuern musste.

Vor allem aber wurde sie bei einer Lüge ertappt - ausgerechnet beim Thema Nationale Sicherheit. Um ihre Befähigung zur Oberkommandierenden zu untermauern, hatte Hillary Clinton mindestens viermal blumig ausgeschmückt erzählt, wie sie einst in Bosnien unter Scharfenschützenbeschuss landete, um dort als First Lady für den Frieden zu kämpfen. Allerdings fiel während des besagten Besuches kein einziger Schuss, zur Begrüßung strahlte ein achtjähriges Mädchen, und der krisenreichste Moment, so erinnert sich ein Mitreisender, war die Entscheidung, in welchem Restaurant man zu Abend essen solle. "Ich bin wohl ab und zu wirklich ein Mensch", lautete ihre sarkastische Erklärung für den "Versprecher".

Sechs von zehn Wählern bezeichnen sie als unehrlich

Seitdem rutscht sie in den Meinungsumfragen. Sie sei nicht ehrlich, man könne ihr nicht mehr vertrauen. Als "unehrlich" bezeichneten sie sechs von zehn Wählern in Pennsylvania in einer Meinungsumfrage vor der Fernsehdebatte. Man könne ihr nicht vertrauen. Gestern gestand sie zum ersten Mal einen "Fehler" ein. "Es tut mir leid. Ich hoffe, dass die Wähler darüber hinwegsehen können."

Gehofft hatte sie aber vor allem, dass Barack Obama über die wütenden antiamerikanischen Ausfälle seines umstrittenen Pastors Jeremiah Wright stolpern würde. Dass die Welle des Wandels und das Hohelied der Hoffnung allmählich verebben, sich Obama als Luftnummer erweisen, dass sie einfach den längeren Atem haben würde. Und dass man in den ländlichen Gebieten Pennsylvanias eigentlich ja ohnehin keinen Schwarzen wählt.

Aber dieser Barack Obama erwies sich als ziemlich zäher Konkurrent. Auf sein Priester-Problem reagierte er mit einer Rede zu Rasse und Religion, die viele schon jetzt in Schulbücher drucken wollen. Er widerstand dem Doppelfeuer von Clinton und McCain. Und sammelte im Monat März doppelt so viele Spenden wie sie - 40 Millionen Dollar, von denen er den größeren Teil für den Wahlkampf im Herbst ausgeben kann.

Doch dann, vor einer Woche, lieferte Obama während einer Spenden-Veranstaltung in San Francisco die Vorlage, die ihr den Angriff ermöglichte. Als "verbittert" hatte er die Menschen in Amerikas Herzland bezeichnet, all' die, die unter der Wirtschaftskrise leiden, unter den steigenden Preisen, der Häuserkrise. Verbittert, so meinte er, würden sich die Menschen an Religion klammern und an ihr Recht auf Waffenbesitz. "Verbittert?" "Klammern"? Oh je.

"Bittergate" lässt Hillaryland hoffen

Seitdem spricht man von "Bittergate": Obama schaue auf die Menschen in Amerika hinab, triumphiert man in Hillaryland ebenso wie in den konservativen Talkshows, er sei letztlich doch nur ein elitärer Kandidat der Wohlhabenden, ein Held der Städter, der Café Latte-Generation. Er habe falsche Worte benutzt, rechtfertigte sich Obama halbherzig - in der Sache aber habe er recht. Doch er muss wissen, wie gefährlich seine Äußerungen sind - sie bieten perfekte Vorlagen für die Wahlkampfspots des republikanischen Kandidaten John McCain. Denn kein Amerikaner will sich sagen lassen, er gehe in die Kirche, weil er "verbittert" ist. "Was die Wähler abschreckt, ist ein Elitentum, ein abgehobenes Intellektuellentum, dass sie mit Jammerigkeit, Geschwätzigkeit und mangelnder Tatkraft gleichsetzen", kritisiert Maureen Dowd, scharfzüngige Kommentatorin der "New York Times".

Dann wollte Hillary Clinton weitere Zweifel an seiner Person säen: Kenne Obama nicht einen gewissen William Ayers, einen Englischprofessor aus Chicago, der Bombenattentate rechtfertigte, die vor 40 Jahren gegen den Vietnam-Krieg stattfanden? Die Frustration war ihm anzusehen, als sich Obama müde verteidigte - damals sei er acht Jahre alt gewesen. Nein, er teile solche Ansichten nicht. Er versuchte, höflich zu bleiben. Doch er kam defensiv daher.

Hillary Clinton als Double für John McCain

Auch in den kommenden Tagen, Wochen, vielleicht gar Monaten bis zum Parteitag wird Hillary Clinton als Double für John McCain fungieren. Vielleicht überzeugt sie die Super-Delegierten. Vielleicht aber erweist sie Barack Obama einen letzten großen Gefallen: Denn dann weiß er wenigstens, was ihn im Wahlkampf gegen die republikanische Maschine erwartet. Falls er Kandidat wird.

P.S.: Die eigentliche außenpolitische Nachricht des gestrigen Abends ging beinahe unter. Als Präsidentin würde Hillary Clinton einen "massiven Vergeltungsschlag" der USA befehlen, falls der Iran Israel angreifen würde.


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