Immigranten-Proteste "Heute marschieren wir, morgen wählen wir"


Seit die US-Regierung illegale Einwanderung im Visier hat und dagegen schärfere Gesetze plant, müssen sich die USA mit den sonst Unsichtbaren beschäftigen. Jetzt waren fast eine Million legaler und illegaler Einwanderer für mehr Rechte auf der Straße.

Sie sind billige und willige Arbeitskräfte, die ihren ganz persönlichen amerikanischen Traum verwirklichen wollen: Tausende illegale Immigranten sind der heimliche Schmierstoff der US-Wirtschaft. Die - meist aus Lateinamerika ins Land gekommenen Einwanderer - nehmen Jobs an, die kein US-Bürger ausüben will - auch, weil die Bezahlung unter dem Mindestsatz von 5,50 Dollar liegt. Die "Latinos" sind fleißige Helfer in der Landwirtschaft, arbeiten in Restautrantküchen, erziehen die Kinder der weißen Mittelschicht oder führen deren Eltern den Haushalt. Eine Situation, von der beide Seiten profitierten - bis US-Präsident George Bush und seine republikanische Partei die Ruhe störten - und so am gestrigen Tag für Massenproteste von legalen und illegalen Einwanderern sorgten.

Stein des Anstoßes ist ein Gesetzesentwurf des US-Repräsentantenhauses vom vergangenen Dezember, der bei einer Umsetzung alle illegal Eingewanderten zu Verbrechern erklärt würden. Außerdem soll ein mehr als tausend Kilometer langer Zaun an der Grenze zu Mexiko gebaut werden, um ein weiteres "Eindringen" zu verhindern. Rund eine halbe Million Menschen kommt jedes Jahr illegal in die USA, vor allem über die mexikanische Grenze.

Bei den gestrigen Protesten wollten die Migranten mit Streiks und Demonstrationen ihrer Forderung nach mehr Rechten Gehör verschaffen. Den größten Protestmarsch gab es in der kalifornischen Metropole Los Angeles, wo Medienschätzungen zufolge rund 500.000 Einwanderer zum Rathaus zogen. Dabei waren zumeist ganze Familien mit Kind und Kegel auf den Beinen. Auch in Chicago gingen mehr als 300.000 Einwanderer auf die Straße. Großdemonstrationen gab es zudem in Denver, Houston und San Francisco. Viele Demonstranten hielten Transparente mit Parolen wie "Wir sind Amerikaner", "Volle Rechte für die Immigranten" und "Heute marschieren wir, morgen wählen wir" hoch.

"Jeder ist ein Immigrant"

Auf dem New Yorker Union Square, einem normalerweise sehr belebten Marktplatz, war weit weniger los als sonst. Am Broadway blieben die meisten kleinen Läden geschlossen, die hier billige Importgüter anbieten. "Jeder hier ist ein Immigrant, die einzigen wirklichen Amerikaner sind die Indianer", sagte der in Puerto Rico geborene Rene Ochart, der als Portier beim Hotel Pierre in Manhattans Upper East Side arbeitet.

Fabriken mussten schließen und viele Arbeiten in der US-Landwirtschaft blieben liegen, die normalerweise von den illegal im Land lebenden Latinos erledigt werden. In vielen Betrieben ruhte am Montag die Arbeit. Mehrere Fleischverarbeitungsbetriebe im ganzen Land blieben geschlossen. In einigen McDonald's-Schnellrestaurants wurde mit verringerter Belegschaft oder verkürzt gearbeitet. Im kalifornischen Salinas-Tal, der "Salatschüssel des Landes", blieben die Landarbeiter weg und die Felder leer.

Jobs, die keiner will

Die Proteste würden den Immigranten hoffentlich helfen, einen legalen Status zu erlangen, sagte der 26-jährige Ray Martinez, der auf einer Farm schwere körperliche Arbeit für weniger als sieben Dollar pro Stunde leistet. "Wir zahlen Steuern und machen die Jobs, die sonst keiner machen will", fügte er hinzu.

Sind doch die im Schatten der US-Gesellschaft weitgehend rechtlos lebenden "Illegalen" aus vielen Wirtschaftszweigen kaum noch wegzudenken. Einer Studie der American Farm Bureau Federation zufolge würden Aktionen gegen die Einwanderer allein in der Landwirtschaft zu Verlusten in Milliardenhöhe führen. Neben den wirtschaftlichen Folgen, die eine kriminalisierung der Illegalen zur Folge hätte, setzt die Einwanderer-Frage besonders die regierenden Republikaner unter Druck.

Das Thema kocht in den USA vor den anstehenden Kongresswahlen im November hoch. Die politische Brisanz liegt in der großen und schnell wachsenden Zahl der US-Bürger aus dem spanisch-sprachigen Kulturkreis, den Hispanics oder Latinos. Diese sympathisieren zum Teil mit den "Illegalen", von denen viele aus Mexiko stammen. Besonders für Bushs Republikaner stellt die Einwanderungsfrage eine Zwickmühle dar. Ein Gastarbeiterprogramm könnte ihnen in Arizona, New Mexico oder Florida wichtige Stimmen sichern. Auf der anderen Seite sehen sich Abgeordnete mit wütenden Wählern konfrontiert, die die illegale Einwanderung als untragbare Belastung für das Gesundheits- und Schulsystem sehen.

Immigranten-Organisationen uneinig

Einer aktuellen Umfrage zufolge unterstützt die Mehrheit der US-Amerikaner ein im Senat diskutiertes Gesetz, das vielen Einwanderern einen legalen Gastarbeiterstatus einräumen würde mit der Möglichkeit, später US-Bürger zu werden. Allerdings war die Mehrheit der Befragten der Ansicht, dass Streikaktionen wie am Montag der Sache der Einwanderer eher schadeten. Deshalb haben nicht alle Organisationen für die Rechte der Immigranten den Streikaufruf unterstützt.

mit Reuters

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker