Irak Kinder zwischen Tod und Trauma


Lebensrettende Medikamente fehlen, Ärzte fliehen vor der täglichen Gewalt: Die medizinische Versorgung im Irak ist katastrophal, sagt der Irak-erfahrene Arzt Ulrich Gottstein zu stern.de. Die Hauptleidtragenden seien die traumatisierten Kinder.

Herr Gottstein, welche psychologischen Auswirkungen hat die ständige Gewalt im Irak auf die Kinder?

Ein Großteil der Kinder im Irak leidet unter der seit Jahren bestehenden täglichen Unsicherheit. Die Kinder können sich nicht mehr konzentrieren, sie schrecken bei starken Geräuschen zusammen, haben Angst vor fremden Stimmen, vor Entführungen, vor Bomben und Explosionen. Sie sind Spielbälle der Politik und des Chaos. Niemand kann ihnen sagen, ob sie in ein paar Stunden oder Tagen noch leben werden. Diese Generation wächst in Hoffnungslosigkeit auf. Sie sehen, dass überall Gewalt herrscht. Dies setzt sich in den Kindern fest, so dass sie auch selber bereit sind, Gewalt auszuüben. Der Hass gegen die Feinde trifft somit auf fruchtbaren Boden und die Feinde sind in diesem Fall die Besatzungsmächte genauso wie die Terroristen.

Gibt es eine psychologische Versorgung der Kinder?

Die Kinderärzte schätzen, dass es alleine in Bagdad mehr als 1000 Kinder gibt, die schlimm traumatisiert sind und dringend eine psychotherapeutische Betreuung benötigen. Eine solche Versorgung von Kindern existiert im Irak aber nicht, es hat sie noch nie gegeben. Wir wollten deshalb ein Zentrum für Kinderpsychotherapie in Bagdad aufbauen. Doch die Gewalt und die ständige Unsicherheit haben uns einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Wie ist denn um die generelle medizinische Versorgung im Irak bestellt?

Die Gesundheitssituation im Irak ist nach wie vor katastrophal. Für alle ernsthaften Krankheiten fehlen die Medikamente oder sie werden nur unzuverlässig geliefert werden. Nur zehn Prozent der Medikamente für ernsthafte Krankheiten werden vom irakischen Gesundheitsministerium geliefert. Selbst primitivster Hospitalbedarf - auch für Operationen - fehlt immer wieder. Durch die große Unsicherheit im Land ist der Transport von Hilfsgütern behindert und die humanitären Organisationen haben das Land verlassen.

Welche Folgen hat diese schlechte Versorgung?

Die Ärzte müssen täglich massive Muskel- und Skelettverletzungen nach Bombenexplosionen und Sprengstoffattentaten behandeln. Die Patienten haben große Fleischwunden, Frakturen, Blutungen und Verletzungen der Lungen. Die Ärzte versuchen zwar, die Verletzten so gut wie möglich zu versorgen und notwendige Operationen durchzuführen. Aber sie müssen dies oft ohne genügend Antibiotika oder Verbandsmaterial tun. Es herrschen katastrophale Verhältnisse sobald mehr als zehn Patienten zur gleichen Zeit in ein Krankenhaus kommen.

Gibt es denn genügend Fachärzte?

Nein. Die personelle Lage ist sehr schlecht. Zum einen hat eine Fortbildung in schwieriger Chirurgie seit dem totalen Embargo des Landes im Jahre 1991 nicht mehr stattgefunden. Zum anderen fehlen die erfahrenen Chirurgen. Sie haben wegen der großen Gefahr und der ständigen Bedrohung in Scharen den Irak verlassen. Es gibt jeden Tag dutzende Entführungen und davon sind Ärzte im hohen Maße betroffen. Die meisten Iraker, die es sich leisten können, verlassen deshalb nicht das Haus.

Trifft die schlechte Versorgung vor allem die Kinder?

Ja. So hat etwa die Zahl der Kinderleukämien stark zugenommen. Aber die Kinderkrebsabteilungen können ihre kleinen Patienten wegen des Mangels an wichtigen Medikamenten nur schlecht behandeln. Viele Kinder werden unzureichend versorgt und sterben. Zudem hat ein Großteil der irakischen Bevölkerung kein sauberes Trinkwasser. Es sterben deshalb sehr viele Kinder, weil sie wegen des verunreinigten Wassers massive Magen-Darm-Infektionen bekommen. Viele Kleinkinder mit Durchfall sterben innerhalb von wenigen Tagen, weil sie nicht die nötigen Infusionen und Antibiotika erhalten. Etwa 70 Prozent der kindlichen Todesfälle gehen auf Durchfallerkrankungen zurück. Auch Infektionskrankheiten raffen Kinder dahin, wenn die Medikamente nicht zur Verfügung stehen.

Was muss jetzt geschehen?

Das irakische Gesundheitsministerium muss dringend Geld bekommen, um notwendige Medikamente sofort kaufen zu können. Zudem muss die Sicherheit für die Medikamenten-Transporte und für die Ärzte sichergestellt werden. Nur so kehren die erfahrenen Mediziner zurück und ausländische Ärzte kommen in den Irak, um zu helfen und auszubilden.

Helfen denn die Besatzungsmächte bei der Verbesserung der medizinischen Situation?

Sie helfen nicht. Aber das ist ein großer humanitärer und psycholologisch-taktischer Fehler. Denn wenn ein Land wie die USA - von dem die Iraker wissen, das es ein Reiches ist - die Krankenhäuser nicht unterstützt, dann ist das für die Bevölkerung sowie die Ärzte nicht verständlich. Die irakischen Ärzte sind sowieso der Meinung, dass die Besatzung durch die Amerikaner und Briten die Ursache für das Chaos im Lande sind und sie den Irak sofort verlassen sollten.

Haben Sie eine solche schlechte medizinische Versorgung schon mal erlebt?

Nein, noch nie. Ich war während des Krieges in Serbien, Bosnien oder Kroatien. Aber eine solche Anarchie, ein solches Chaos und eine solche Unsicherheit für Mediziner habe ich noch nicht erlebt. Und die Situation wird immer schlechter. Viele meiner Kollegen im Irak haben kaum noch Hoffnung.

Interview: Malte Arnsperger

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