Iran Das Land hinter dem Schleier


Eifernde Mullahs, hasserfüllte Demonstranten und ein Präsident mit atomaren Plänen prägen unser Bild vom Iran. Doch wie lebt es sich dort wirklich, in einer der ältesten Kulturnationen der Welt? Ein Streifzug durch ein gespaltenes Land, zu Internetcafés und Kosmetiksalons, zu Veteranen, Junkies und patriotischen Persern.
Von Steffen Gassel

Als der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad vor zwei Wochen verkündete, Wissenschaftler hätten Uran angereichert und sein Land gehöre nun zum exklusiven Klub der Atommächte, da empfand Hamid Salehi so etwas wie Glück. Es war, als ginge ein alter Traum in Erfüllung, ein Traum, für den er seine Gesundheit geopfert hatte: der Traum von einem starken, modernen Iran.

Hamid Salehi sitzt im Büro der "Gesellschaft für die Unterstützung der Opfer von chemischen Waffen" im zweiten Stock einer Klinik im Norden Teherans. Vom Fenster aus sieht er einen leeren Swimmingpool, dessen blaue Kacheln von der Sonne ausgebleicht sind. Seit der islamischen Revolution darf er nicht mehr benutzt werden: Badeanzüge in der Öffentlichkeit sind tabu. Einmal im Monat holt sich der 39-Jährige in der Klinik Salbe für die juckenden Stellen an seinem Körper. Er war 14, als er 1981 wie Hunderttausende junge Freiwillige in den Krieg zog, um die Republik des Ayatollah Khomeini gegen die Truppen Saddam Husseins zu verteidigen. War trotz mehrfacher Verwundungen immer an die Front zurückgekehrt. Bis irakische Flugzeuge über seiner Stellung Granaten mit Giftgas abwarfen, das seine Haut verätzte und einen Teil seiner Lunge wegfraß.

22 Tage lang konnte Hamid Salehi nichts sehen. Als die Schwellungen um seine Augen zurückgingen und er sie wieder öffnen konnte, war der Traum geplatzt. Khomeini erklärte den Krieg 1988, nach acht Jahren, für beendet, ohne dass jemand gewonnen hatte. Aus dem Mitglied der Basij-Miliz war ein Krüppel geworden, mit tränenden Augen und einer Stimme, die zwischen heiserem Pfeifen und röhrendem Husten schlingert. Und niemand interessierte sich für das Opfer, das er gebracht hatte. Die Jungen wollten vom Krieg nichts hören. Und die alte Revolutionselite an der Spitze des Staates bereicherte sich ungeniert, während er nur eine mickrige Veteranenrente bekam. Immerhin erhielt Hamid Salehi einen Platz an der Universität, begann ein Studium der Politischen Wissenschaften und lernte Politiker zu verachten.

Erst als Mahmud Ahmadinedschad sich vor ein paar Monaten immer rücksichtsloser mit dem Ausland und sogar mit den Mächtigen zu Hause anlegte, wurde der Doktorand aufmerksam. Ihm imponierte die Kaltschnäuzigkeit, mit der dieser Underdog die Mullahs ausstach. Sein schärfster Widersacher, Akbar Haschemi Rafsandschani, hatte sich im Wahlkampf kaum aus seinem Palast getraut - Ahmadinedschad dagegen fegte mit den Straßenkehrern die Rinnsteine Teherans. Und dann erklärte dieser Präsident seinen "lieben Iran" auch noch zur Atommacht.

"Ich bin glücklich und sehr stolz",

sagt Hamid Salehi vor einer Karte mit den Orten, an denen Saddam Hussein Giftgas abwerfen ließ. "Dass wir jetzt auch Uran anreichern können, das ist, als würde unsere Fußballnationalmannschaft ein Tor gegen die USA schießen."

Salehi hatte bei der Präsidentschaftswahl im Juni 2005 zwar nicht für Ahmadinedschad gestimmt, aber im Konflikt mit dem Westen wäre er im Ernstfall auf seiner Seite. "Wenn der Iran angegriffen wird, bin ich wieder bereit zu kämpfen", sagt der Lungenkranke, der schon beim Treppensteigen in Atemnot gerät.

Zahllose Menschen haben wie Hamid Salehi ihre besten Jahre in das Experiment Islamische Republik investiert - und warten bis heute auf den Lohn für ihre Mühe. Ahmadinedschad repräsentiert diese Generation. Zehn Millionen Iraner, darunter viele Frauen, tragen den Ausweis der Basij-Miliz bei sich, des größten Sammelbeckens der Regimetreuen. Das Trauma ihres Lebens ist der Krieg gegen den Irak, der 300 000 Landsleute das Leben kostete. Nicht alle aus dieser Generation liegen auf der Linie des Präsidenten. Doch das erduldete Leid eint sie bis heute. Man findet diese Leute in den ärmlichen Vierteln im Süden Teherans, wo sich Rohbau an Rohbau reiht, die Familien kinderreich sind, viele Männer aber ohne festen Job. Die Menschen hier sind in der Hoffnung auf ein besseres Leben aus den Lehmdörfern am Rande der Salzwüste, den Sümpfen am Persischen Golf oder den Tälern des Elburs-Gebirges im Norden in die Hauptstadt gekommen. Obwohl die Islamische Republik ihre Hoffnungen nicht erfüllt hat, ist dieses Land für sie die beste aller Welten. Ein Land, das den Islam wieder so ernst nehmen soll wie zu Khomeinis Zeiten.

Erst vergangene Woche haben Mitglieder der Organisation "Angehörige der Kriegsopfer" vor dem Parlament gefordert, der Staat solle härter gegen Frauen vorgehen, die ihre Haare nicht ordentlich bedecken oder mit nackten Füßen in den Sandalen durch die Straßen laufen. Die Polizei hat ihnen prompt versprochen, 50 Spezialeinheiten abzustellen, die den islamischen Dresscode durchsetzen.

Masomeh Golestans (Name von der Redaktion geändert) Geschäft blüht trotzdem. In ihrem Hochhaus-Appartement in Nord-Teheran betreibt sie einen Schönheitssalon. Hierher kommen Frauen, die genug Geld haben, um sich eine Maniküre oder Gesichtsmaske zu gönnen und für eine Stunde zu vergessen, in welchem Land sie eigentlich leben. Vom Fenster aus kann man die schneebedeckten Berge im Norden sehen, in deren Ausläufern die Reichen bis in den Mai Ski fahren.

Vor ein paar Jahren glaubte Golestan noch, die Dinge würden sich zum Besseren verändern. Bei den Wahlen unterstützte sie den Reformkandidaten Khatami, weil er eine lebensfrohere islamische Republik versprach. Doch die Aufbruchsstimmung der späten 90er Jahre ist großer Enttäuschung gewichen. Sie hätte gern Psychologie studiert. Weil das Mullah-Regime in den 80er Jahren den Universitätszugang für Frauen einschränkte, bekam sie keinen Studienplatz. "Wir sind die verbrannte Generation", sagt die 40-jährige Kosmetikerin: "Die Revolution hat mich meine Jugend gekostet. Dann kam der Krieg. Dann all die wirtschaftlichen Probleme. Und jetzt schon wieder Krieg wegen eines Nuklearprogramms? Es kommt mir vor, als sei das Leben eine Art Vorhölle."

Die Wirtschaftsleistung des Iran ist heute geringer als im Revolutionsjahr 1979, obwohl nun 70 Millionen und damit doppelt so viele Menschen hier leben. 70 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 30 Jahre. Die Arbeitslosigkeit liegt bei über 20 Prozent. Investoren aus dem Ausland bleiben weg. Jedes Jahr verlassen 200 000 gut ausgebildete junge Leute das Land. 3,5 Millionen sind heroinabhängig, 90 Prozent von ihnen HIV-infiziert.

Und die soziale Lage wäre noch viel schlimmer, stiegen die Öleinnahmen nicht stetig. Doch immer mehr davon geht für Importe drauf. Weil die Raffinerien seit der Revolution nicht ausgebaut wurden, aber immer mehr Iraner Auto fahren, muss das Land mit den zweitgrößten Erdölreserven 60 Prozent des Treibstoffs im Ausland kaufen. Trotzdem leistet es sich einen der niedrigsten Spritpreise weltweit: Der Liter Benzin kostet acht Cent.

Je größer die wirtschaftliche Misere, desto höher hält das Regime den Stolz auf die Nation. Zum 27. Jahrestag der Revolution im Februar 2006 inszenierte es eine riesige Jubelfeier. Mit Hunderten Bussen wurden die Menschen aus den Vorstädten auf den Azadi-Platz gekarrt. Hier steht kein Denkmal der islamischen Erneuerung, sondern ein 45 Meter hohes Monument, das der Schah 1971 bauen ließ, um 2500 Jahre Persisches Reich zu feiern.

Die Erinnerung an den letzten Schah ist bei den meisten Iranern verblasst. Doch die Monumente aus den Zeiten der großen persischen Dynastien gelten ihnen bis heute als die wichtigsten Symbole nationaler Größe. In den Ferien pilgern Tausende zur Ruinenstätte von Persepolis. Sie wandeln durch das prachtvolle Nationentor des Xerxes und bleiben vor den Reliefs der Apadana-Treppe stehen, auf denen man sieht, wie Heerscharen fremder Völker im fünften Jahrhundert vor Christus dem persischen König huldigen. Oder sie treffen sich zum Picknick auf dem großen Platz von Isfahan, zwischen den Palästen und Moscheen von Schah Abbas I. aus dem 17. Jahrhundert, und holen sich an den Imbissständen Biriani, ein traditionelles Lammgericht der Region.

Die Iraner begreifen sich als eines der bedeutendsten Kulturvölker der Welt. Vor allem sind sie keine Araber. Mit denen haben sich die Perser jahrhundertelang bekriegt, bis heute gelten Araber den meisten als rückständige, ungewaschene Kameltreiber. Schon deshalb hat es das Mullah-Regime nie geschafft, die Solidarität mit den Palästinensern zu einer Herzensangelegenheit des Volkes zu machen.

Am Jahrestag der Revolution wäre Abbas Mehrpur, 44, lieber zu Hause geblieben. Seine Nachmittage verbringt der füllige Justizbeamte sonst vor dem Fernseher. Am liebsten schaut er Fußball und die US-Serien der Satellitenkanäle. Trotzdem machte er sich auf zum Azadi-Platz. "Das gehört sich so. Da muss man sich sehen lassen, sonst wird man am nächsten Tag im Büro schräg angesehen", sagt Mehrpur. "Meine Kollegen waren auch alle da."

170 Euro verdient er im Monat. das reicht in Teheran gerade mal für eine kleine Wohnung. Dennoch ist er froh um seinen Job, denn auf seinen Posten spekulieren Tausende. Auf eine Errungenschaft der Islamischen Republik ist auch Mehrpur stolz: Seine Regierung lässt sich nicht mehr wie zu Zeiten des Schahs vom Ausland in alles reinreden. Auch wenn ihm die Politik der Regierung nicht immer gefällt - wenigstens bestimmt der Iran seinen Kurs selbst.

Diese Freiheit muss um jeden Preis verteidigt werden, das ist seit der Revolution nationaler Konsens. Die Folge: Außenpolitik ist im Iran oft nichts anderes als Innenpolitik. Wem es gelingt, sich gegenüber einer Bedrohung von außen zum Verteidiger nationaler Souveränität aufzuschwingen, dem kann die Konkurrenz nicht so leicht in den Rücken fallen, ohne als unpatriotisch zu gelten.

Genau deswegen funktioniert Ahmadinedschads kalkulierte Eskalation. Im Wahlkampf hatte er noch nicht durch Drohgebärden gegen Israel oder aggressive Atomrhetorik von sich reden gemacht, sondern mit Slogans wie "Ölreichtum für alle" und "Billige Kredite für die Armen". Den Ton gegen Israel verschärfte er erst, als er Wochen nach Amtsantritt Probleme bekam.

Seine Regierung hat angekündigt, die staatlichen Subventionen für Nahrungsmittel zu erhöhen, Geld in verarmte Provinzen zu stecken, Häuser für die Armen zu bauen und dafür im Ausland für zehn Milliarden Dollar Zement zu kaufen. Doch im Parlament muss sich der Präsident wie ein Schuljunge vorrechnen lassen, dass alle Einnahmen aus dem Ölexport längst verplant sind. Die Abgeordneten blamieren ihn, indem sie dreimal nacheinander seinen Kandidaten für das Ölministerium durchfallen lassen. Als er nach diesen Niederlagen versucht, sich in der Außenpolitik zu profilieren, rügt ihn auch noch der Oberste Revolutionsführer Ali Khamenei. Für die Atomverhandlungen ist allein der Chef des Nationalen Sicherheitsrates zuständig. Ahmadinedschad soll an den Rand gedrängt werden - so wie sein glückloser Amtsvorgänger. Er wehrt sich, indem er den starken Mann markiert. "Israel muss verschwinden", tönt er. Und: "Der Holocaust ist eine Legende."

Was im Ausland als haarsträubende Provokation ankommt, ist in Wahrheit ein Schachzug im internen Machtkampf. Die alte Garde der Mullahs sieht ihre Stellung und ihre Pfründe in Gefahr. Über Jahre haben sie vom gerechten islamischen Staat gepredigt und sich gleichzeitig an den millionenschweren religiösen Stiftungen bereichert. Sie verteilen die lukrativsten Auslandsgeschäfte unter sich und zahlen kaum Steuern. Ein Präsident, der die Öleinnahmen für die Armen nutzen will, passt schlecht in die real existierende Islamische Republik. Seine Popularität entblößt die große Schwäche der Mullahs: Sie haben beim Volk längst verspielt und sich in ihre Moscheen und Paläste zurückgezogen. Bevor sie auf die Straße gehen, ziehen sich viele von ihnen um, damit sie nicht als Geistliche erkannt werden. In Teheran hält für einen Mann mit Turban nicht mal mehr ein klappriges Sammeltaxi.

Das Mausoleum des großen Führers Khomeini mit seinen goldenen Kuppeln ist an den meisten Tagen ein seelenloser, verwaister Betonklotz. An den blauen Kacheln der Gebetshalle klebt Taubenschiss. Wo ein Dach sein soll, sind nur Strohmatten gespannt, im Winter regnet es rein.

Der Lack ist ab von Khomeinis Republik. Deshalb vermissen die Hardliner die Reformer um Ex-Präsident Khatami, die ihnen in den vergangenen zehn Jahren als bequeme Sündenböcke für alles dienten. Seit die keine Rolle mehr spielen, tobt im Lager der Konservativen eine Art Bruderkampf. Dem Albtraum eines aggressiven Iran mit Atomwaffen steht dabei nicht viel mehr als die schwindende Macht zweier Männer gegenüber, die über 70 und nicht bei bester Gesundheit sind: Ali Khamenei, der Nachfolger Khomeinis, und Akbar Haschemi Rafsandschani, der vorletzte Präsident. Selbst wenn man ihren Beteuerungen glauben wollte, das Atomprogramm diene allein friedlichen Zwecken - niemand weiß, ob ihre Nachfolger nicht doch die Bombe bauen werden.

Als Geste der Dankbarkeit an seine frommen Anhänger ließ Ahmadinedschad zu Beginn seiner Amtszeit 17 Millionen Dollar zur Renovierung der Jamkaran-Moschee bei der heiligen Stadt Kum bereitstellen. Hier beten Tausende zum Mahdi, einer Art schiitischem Messias, der am Jüngsten Tag erscheinen und eine gerechte Gesellschaft errichten soll.

Jeden Dienstag schreiten Tausende Männer auf den Schrein mit den fünf grünen Kuppeln zu. Rhythmisch schlagen viele mit der flachen Hand auf ihre Brust - ein Zeichen tiefen Glaubens unter Schiiten. Seit Ahmadinedschad an die Macht gekommen ist, wächst die Zahl der Pilger zur Jamkaran-Moschee. Während sich die Männer symbolisch selbst geißeln, stecken die Frauen Zettelchen mit Fürbitten in einen grünen Holzkasten neben dem Schrein. Darin flehen sie um göttliche Hilfe für ihre vom Opium abhängigen Kinder oder um Arbeit für ihre Männer.

Der Mahdi-Glaube ist eine Tradition aus dem Volk, die hohe Geistliche als Aberglauben abtun. "Ahmadineschad ist der erste Präsident, der so über den Mahdi redet, wie wir es tun", sagt ein junger Mann nach dem Gebet am Schrein. "Seine Vorgänger haben die iranische Gesellschaft nicht verstanden", bestätigt Emad Baghi, einer der führenden Menschenrechtler des Landes. "Es gibt eine riesige Kluft zwischen den Reformern und dem Volk. Jedes Jahr kommen eine Million Menschen zur Jamkaran-Moschee. Im Wahlkampf war kein Reformer hier."

Seit deren Niederlage bei den Präsidentschaftswahlen im vergangenen Sommer sind SMS-Nachrichten, Chat-Foren und Blog-Seiten im Internet für viele Iraner zur zweiten Heimat geworden. Nach Chinesisch, Englisch und Portugiesisch ist Persisch die häufigste Blog-Sprache. Das virtuelle Land "Weblogistan" ist ein Ort für kleine Fluchten aus der Realität der Islamischen Republik geworden. Denn die ist für junge Menschen, die unter dem rutschenden Kopftuch von Starbucks, Boybands und den Surfern an den Stränden Kaliforniens träumen, vor allem eines: sterbenslangweilig.

Ganz ungefährlich ist das Leben in "Weblogistan" nicht. Die Inhalte werden vom Regime gefiltert - dank westlicher Technologie. Kürzlich wurden ein paar Handy-Nutzer verhaftet, die sich per SMS darüber lustig gemacht hatten, dass die Socken des Präsidenten stinken würden, weil er nicht oft genug unter die Dusche gehe. Die meisten virtuellen Respektlosigkeiten bleiben jedoch ungestraft. Das Mullah-Regime lässt die Jugend machen, auch, um sie nicht noch mehr gegen sich aufzubringen.

Die Websurfer

rufen Seiten von Bloggern wie "Mr Behi" auf und amüsieren sich über seine ironischen Kommentare zum Atomstreit. In einem setzt er die Nuklearenergie auf eine Stufe mit der nach dem Islam erlaubten, im Iran jedoch verpönten Praxis der Vielehe:

Warum ist Nuklearenergie wie eine zweite Ehefrau? Antwort:

1) Beide sind unser unveräußerliches Recht. 2) Beide kann man in ein paar Jahren gut gebrauchen. 3) Beide hält man besser geheim. 4) Beide bringen dich in Schwierigkeiten, auch wenn du eigentlich nichts Verbotenes tust.

Hamideh Farhangi (Name von der Redaktion geändert), eine 50-jährige Putzfrau aus Teheran, kann über das Thema Atom nicht lachen. "Ich habe wirklich andere Sorgen als Kernenergie. Mein Sohn ist arbeitslos, und ich muss die Familie allein durchbringen. Warum baut die Regierung Zentrifugen und keine Fabriken, damit unsere jungen Leute Jobs finden? Mein Ehemann schlägt mich seit Jahren, aber ich bekomme die Scheidung nicht durch. Frauenrechte sind mir wichtiger als Kernkraftwerke."

Schon jetzt reicht das Geld nicht mehr, das Hamideh Farhangi mit ihrer Arbeit verdient. Die Inflation im Land hat gerade die Marke von 13,5 Prozent überschritten und droht, noch dieses Jahr auf 30 Prozent zu steigen. Die Teheraner Börse liegt wegen des Atomstreits ohnehin schon darnieder. Seit Ahmadinedschads Amtsantritt haben die Aktien mehr als 25 Prozent an Wert verloren. In einer solchen Situation würden Sanktionen der westlichen Welt Iran empfindlich treffen. 63 Prozent des Haushalts werden mit den Öleinnahmen bestritten. Ausfälle würden zuerst die Armen treffen und damit Ahmadinedschads Anhänger.

Das wiederum würde dem Präsidenten den perfekten Vorwand liefern, alle Probleme des Landes auf die Feinde im Ausland zu schieben. Was im Iran Tradition hat. Jedes Schulkind lernt die Geschichte der ausländischen Verschwörung vom Oktober 1951. Damals sah sich der UN-Sicherheitsrat mit einer Situation konfrontiert, die der heutigen stark ähnelt. Vor dem Rat in New York saß ein iranischer Politiker, der dem Westen vorwarf, er wollte seinem Land das legitime Recht auf Nutzung einer lebenswichtigen Energiequelle verwehren. Das sei nicht akzeptabel, und keine Macht der Welt könne die Position seiner Regierung in dieser Frage ändern.

Der so sprach, war der charismatische Premierminister Mohammad Mossadegh. Kurz zuvor hatte er die Ölindustrie seines Landes verstaatlicht und so die Kontrolle der Briten über die Förderung im Iran beendet. Überraschend lehnte die Mehrheit der Ratsmitglieder nach seiner Rede den britischen Antrag auf eine Strafaktion ab. Gemeinsam mit der CIA arrangierte Londons Geheimdienst daraufhin einen Umsturz in Teheran. Mossadegh wurde gestürzt und der willfährige Schah Mohammed Reza Pahlawi wieder eingesetzt. Darin liegt die Wurzel für das große Misstrauen, mit dem viele Iraner bis heute der Politik des Westens begegnen.

So wie Hamid Salehi,

der nie zum Giftgasopfer geworden wäre, hätten nicht Feinde im Ausland, einschließlich der Deutschen, Saddam Hussein das nötige Know-how, Fabriken und Rohstoffe geliefert. "Würde die Welt unser Land besser kennen und hätten wir bessere diplomatische Beziehungen", sagt er, "dann wüsste die Welt, dass der Iran ein friedfertiges Land mit einer freundschaftlichen Haltung ist. Aber wenn der Westen uns gegenüber aggressiv auftritt, dann werden wir uns verteidigen."

Masomeh Golestan, die Kosmetikerin, hält nichts von solchem Getöse. Die Nachrichten, der Westen plane einen Angriff auf den Iran, machen ihr Angst. "Es ist gut, wenn das Ausland nicht lockerlässt und Druck ausübt. Aber verändern können das Leben hier nur wir Iraner. Ein Krieg würde alles nur noch schlimmer machen. Ich will nicht, dass es bei uns wird wie im Irak."

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