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Iran: Trauermarsch in Teheran

Sie tragen grün als Zeichen des Wandels, und sie tragen schwarz als Zeichen der Trauer: In Teheran haben sich trotz Verbots erneut Zehntausende zu Protesten und einem Trauermarsch für getötete Oppositionelle versammelt. Der Druck auf die Mullahs steigt - sogar Geistliche wollen auf die Straße gehen.

Im Iran sind Augenzeugen zufolge Zehntausende Menschen dem Aufruf der Opposition zu einem Trauermarsch für getötete Demonstranten gefolgt. Der riesige Imam-Chomeini-Platz in der Hauptstadt Teheran sei voll mit Menschen in Schwarz, die Kerzen trügen, hieß es am Donnerstag. Auch in den umliegenden Straßen stünden die Menschen dicht gedrängt. "Wo sind unsere Brüder", stand demnach auf Transparenten, und "Warum habt ihr unsere Brüder getötet?" Der unterlegene Reformkandidat Mir-Hussein Mussawi hatte seine Anhänger aufgerufen, öffentlich um die Toten der vergangenen Tage zu trauern. Laut staatlichen Medien kamen bei den Protesten gegen den Ausgang der Präsidentenwahl acht Menschen ums Leben. Auch Mussawi selbst habe an der Kundgebung teilgenommen und über Lautsprecher zur Menge gesprochen, berichteten Augenzeugen.

In Sprechchören forderten die Demonstranten, die als Zeichen für den angestrebten Wandel auch grüne Bänder trugen, Neuwahlen. Grün ist die Farbe der Oppositionsbewegung. Das Ergebnis der Wahl, aus der Präsident Mahmud Ahmadinedschad nach offiziellen Angaben mit knapp 63 Prozent der Stimmen als klarer Sieger hervorgegangen war, sei gefälscht.

Zur Entschärfung der schwersten Unruhen im Iran seit 30 Jahren will sich der Wächterrat am Samstag mit den drei unterlegenen Kandidaten der Präsidentenwahl treffen. Das oberste legislative Organ der Islamischen Republik werde sich mit ihren Beschwerden befassen, erklärte ein Sprecher des zwölfköpfigen Gremiums am Donnerstag. Der Rat prüfe derzeit 646 nach der Wahl vom vergangenen Freitag eingegangene Beanstandungen.

Der konservative Wächterrat hat Neuwahlen bereits ausgeschlossen. Das Gremium prüft unter anderem, ob Gesetze des Parlaments dem islamischen Recht, der Scharia, entsprechen. Zudem muss es den Wahlausgang bestätigen. Der Rat besteht aus sechs islamischen Juristen und sechs hohen Geistlichen, die vom geistlichen Oberhaupt des Landes, Ajatollah Ali Chamenei, persönlich bestimmt werden.

Chamenei will Freitagsgebete leiten

Chamenei, ein Unterstützer Ahmadinedschads, rief seine Landsleute zur Einheit auf. "Die freundschaftliche Atmosphäre vor den Wahlen sollte nicht in eine Stimmung von Konfrontation und Feindseligkeit nach der Abstimmung münden, da beide Wählergruppen an das Islamische System glauben", wurde Chamenei in der Zeitung "Kaihan" zitiert. Es wird erwartet, dass Chamenei persönlich die Freitagsgebete leiten werde.

Zur gleichen Zeit wollen Anhänger Ahmadinedschads mit einer Demonstration ein Zeichen der Stärke setzen. Die islamische Bassidsch-Miliz rief ihre Anhänger laut der Nachrichtenagentur Mehr dazu auf, in großer Zahl daran teilzunehmen. Zugleich forderte die Miliz von den Herausforderern des Präsidenten, sie müssten sich öffentlich von "den Aufständischen" distanzieren. Als "Aufständische" bezeichnet die Bassidsch-Miliz die Anhänger Mussawis.

Das geistliche Oberhaupt Chamenei, der üblicherweise über dem politischen Geschehen steht, gerät durch die Proteste selbst immer stärker unter Druck. Auf Mussawis Internetseite hieß es, mehrere Geistliche hätten bei den staatlichen Stellen um Erlaubnis für eine Großdemonstration am Samstag nachgesucht. An der Kundgebung solle neben Mussawi auch der frühere, reformorientierte Präsident Mohammad Chatami teilnehmen.

Mit dem früheren Außenminister Ebrahim Jasdi wurde unterdessen offenbar ein weiteres Mitglied der Oppositionsbewegung festgenommen. Wie ein Anhänger von Jasdis Organisation Freiheitsbewegung berichtete, nahmen Sicherheitsleute den Oppositionspolitiker am Vortag bei einer Untersuchung im Krankenhaus fest. Er ist einer von Dutzenden Reformkräften und etlichen Demonstranten, die seit der umstrittenen Wahl verhaftet worden sind. Die Behörden nahmen zu dem Bericht nicht Stellung.

Reuters/DPA/AFP / DPA / Reuters