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Angriff in Syrien: Warum die Türkei dem IS den Krieg erklärt

Bisher unternahm die türkische Regierung nicht viel gegen den Islamischen Staat. Aber plötzlich greifen Kampfjets Stellungen in Syrien an, werden in Istanbul 250 Terrorverdächtige festgenommen. Warum ausgerechnet jetzt?

Von Raphael Geiger, Istanbul

Türkische Kampfjets fliegen Angriffe auf den IS

US-Kampfjets in der Türkei: Die Amerikaner dürfen von dort aus Angriffe auf den IS in Syrien fliegen.

Was in der Nacht zum Freitag passierte, ist eine Kriegserklärung. Zum ersten Mal greift die Türkei den "islamischen Staat" an. Einerseits tat sie es militärisch: Türkische Kampfjets beschossen IS-Stellungen in Syrien, und das Land erlaubte den USA, künftig die türkischen Luftwaffenbasen zu nutzen. Daneben durchsuchten in derselben Nacht auch Tausende Polizisten Wohnungen und Büros in Istanbul und nahmen 250 mutmaßliche IS-Angehörige fest.

Präsident Tayyip Erdogan und seine islamische Partei unterstützten seit Beginn des Kriegs in Syrien die Opposition, und dazu gehörten eben auch immer mehr radikale Islamisten. Erdogan akzeptierte das, viele unterstellen ihm auch eine Sympathie für die Glaubenskämpfer.

Erdogan spricht allgemein vom Krieg gegen den Terror

Es ging soweit, dass die Türken in Syrien kurdische Einheiten angriffen, weil ihnen ein kurdisches Territorium offenbar gefährlicher erschien als der IS. Gerade zur türkischen Parlamentswahl im Juni verschärfte Erdogan seine Rhetorik gegen die Kurden. Deren Partei war dabei, ihm die absolute Mehrheit zu kosten, was ihr ja tatsächlich gelang. Selbst jetzt spricht Erdogan allgemein vom Kampf gegen den Terror, und zwar gegen den islamistischen ebenso wie den der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK.

Daneben hatten die Türken aber auch einfach Angst. Nichts fürchten sie mehr, als dass der IS mit Selbstmordattentaten die Türkei destabilisieren und damit Touristen und Investoren abschrecken könnte. Auch deshalb verhielten sie sich dem IS gegenüber so passiv.

Jetzt, nach dem Attentat von Suruc, kann die Regierung nicht mehr anders. Derzeit sieht es so aus, als ob es im Herbst Neuwahlen geben könnte, weil keine Koalition zustande kommt. Vor dieser möglichen Wahl will und muss Erdogan handeln. Er kann damit zeigen, dass nur er Stabilität garantiert; er muss es aber auch, weil die türkische Gesellschaft mit seiner Syrien-Politik mehrheitlich unzufrieden ist - also vor allem mit seiner sanften Haltung gegenüber dem IS.

Dass die Polizei gestern Nacht sofort so viele IS-Leute festnehmen konnte, zeigt schließlich, wie viel die türkischen Behörden über den IS wissen - und wie sehr sie sich bisher zurückgehalten haben.  

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