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Jahresrückblick 2010: Kambodscha, Minenfeld der Geschichte

Zwei Millionen Menschen fielen den Roten Khmer zum Opfer. 30 Jahre später, im Juli 2010, wird "Duch", der übelste Folterknecht, verurteilt. Doch die Kambodschaner leiden noch immer - vor allem daran, dass viele Verantwortliche weiterhin frei herumlaufen. David Bedürftig war in einem Land, das noch weit von Gerechtigkeit entfernt ist.

Von David Bedürftig

Sie zerschmetterten Babys vor den Augen ihrer Mütter an einem Baum. Und verabreichten Männern Stromschlägen an den Genitalien. S 21 hieß der Folterknast der Roten Khmer, eine ehemalige Schule in Phnom Pen, Kambodscha. 14.000 Menschen starben dort zwischen 1976 bis 1979, es gibt kaum Überlebende. Denn es war gleichgültig, ob die Opfer unter der Folter redeten oder nicht. Sie wurden irgendwann auf die "Killing Fields" gebracht, mit der Schaufel erschlagen oder abgestochen. Die Roten Khmer wollten Munition sparen, deswegen erschossen sie die Gefangen nicht.

Leiter von S 21 war der ehemalige Mathelehrer Kaing Guek Eav, genannt "Duch". Mehr als 30 Jahre danach, im Juli 2010 wurde er in Phnom Pen für seine bestialischen Taten verurteilt. Er nahm den Richterspruch regungslos auf.

Landminen? Höchstens im Dschungel

Für mich begann alles im Jahr 2009 mit einem menschlichen Bedürfnis: Nördlich der faszinierenden kambodschanischen Tempelanlage Siem Reap legte ich während einer Fahrradtour eine Pinkelpause ein. In dieser entlegenen Gegend war an eine öffentliche Toilette nicht zu denken, hier und da standen ärmliche Hütten, sonst nur Bäume, Büsche und Felder. Doch kaum entfernte ich mich einige Meter vom staubigen Hauptweg, rannte ein hagerer Mann auf mich zu. Wild fuchtelte er mit seinen Armen, schrie Worte in Khmer, redete auf mich. Ich verstand nichts. Schließlich zeichnete er mit Mimik und Gestik eine höllische Explosion nach - und endlich kapierte ich: Er warnte mich vor Landminen.

Ich wusste um die Minengefahr in Kambodscha, doch rechnete damit höchstens im tiefsten Dschungel. Der Mann freute sich, als ich seine Gestik entschlüsselt hatte und winkte mir, ihm zu folgen. In seinem bescheidenen Heim teilte er etwas Reis mit mir und ließ einen Teenager kommen, der ein paar Brocken Englisch sprach. Ich verstand, dass sie vor ungefähr einem Monat eine Landmine unter der Erde hervorgeholt hätten. Glücklicherweise ein Blindgänger, niemand hatte sich verletzt sich.

Die Begegnung mit dem hageren Bauern und seinem jungen Dolmetscher öffnete mir die Augen: Auf einmal sah ich, dass viele Kambodschaner weniger Glück hatten. Immer wieder Männer, Frauen, Kinder - ohne Arme oder Beine. Die Soldaten der Roten Khmer hatten Millionen Minen vergraben, um die vorrückenden vietnamesischen Truppen zu stoppen. Und je häufiger ich mit den Menschen sprach, desto intensiver spürte ich die tief sitzende Wut, dass noch keiner der Roten Khmer zur Rechenschaft gezogen worden war. Funktionäre, Folterknechte, Soldaten, Gefängnisaufseher, Vertreter eines Regimes, das rund zwei Millionen Kambodschaner auf dem Gewissen hat: Fast alle können sich frei im Land bewegen.

Wenige Kambodschaner möchten oder können darüber offen diskutieren, Aufklärung, zum Beispiel im Schulunterricht, ist Tabu. Erst langsam wächst in Kambodscha wieder ein Bildungsbürgertum heran - die Roten Khmer hatten in 100 Vernichtungslagern und Gefängnissen vor allem Intellektuelle, Lehrer oder Mönche gefoltert und hingerichtet. Die restliche Bevölkerung hatte unter erbärmlichen Bedingungen auf dem Land arbeiten müssen, pausenlos waren erschöpfte Arbeiter auf den Reisfeldern gestorben. Der berüchtigte Pol Pot, Führer der Roten Khmer, traumatisierte ein ganzes Volk. Noch heute klaffen die seelischen Wunden.

Ein Urteil zerbröckelt

Duch, der Foltermeister von S 21, wird im Juli 2010 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen, Mordes und Folter schuldig gesprochen. Der 68-Jährige hatte seine unmenschlichen Taten gestanden, das Gericht ließ Milde walten. Aus den ursprünglich vorgesehenen 35 Jahren Haft werden 30. Elf davon verfallen, da er sie seit seiner Verhaftung bereits abgesessen hat. Was ein Zeichen im Kampf für Aufklärung und gegen Menschenrechtsverbrechen werden sollte, zerbröckelt zu lediglich 19 Jahren Gefängnis für unvorstellbare Gräueltaten. Was ein Schritt hätte werden können, die traumatisierte Gesellschaft zu therapieren, sorgt für Unverständnis in der Bevölkerung. Sie hatten auf ein Exempel gehofft, das den Opfern wieder ein Stück Würde zurückgibt, und wurde enttäuscht.

Ich bin frustriert, geschockt: Gerechtigkeit sieht anders aus. Zu zögerlich das Gericht, zu inkonsequent das Urteil. Das darf heutzutage nicht mehr passieren - und geschieht doch immer wieder. In Südamerika, in Afrika, so viele Gesellschaften stellen sich gar nicht ihrer Vergangenheit. In Kambodscha sollen 2011 vier weitere Führungsmitglieder der Roten Khmer verurteilt werden. Doch die Regierung wehrt sich gegen zusätzliche Ermittlungen und Verhaftungen. Es ist noch ein langer Weg.