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Jahrestag Sichuan-Beben: Massenhochzeit für das Vergessen

Die Baumaschinen lärmen, und es werden Massenhochzeiten gefeiert. Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben in der chinesischen Sichuan-Provinz tut die Regierung alles für den emotionalen Wiederaufbau. Doch längst sind nicht alle Fragen geklärt - und dürfen es auch nicht.

Von Janis Vougioukas, Beichuan

Es ist Wochenende in dem kleinen Dorf Jina Qiang in den Bergen von Sichuan, Aufregung liegt in der Luft. Es soll ein Tag der Freude werden. Helfer dekorieren den Dorfplatz mit Luftballons und rosa Transparenten. Die Trachtengruppe probt noch einmal ihre Aufführung. "Gebt euch so natürlich wie möglich", ruft der Choreograph. Auf einem Transparent steht: "Grenzenlose Liebe zeigt die Zuneigung der Kommunistischen Partei." Und langsam kommen die ersten Gäste.

Jina Qiang liegt in der Gemeinde Beichuan, am Fuße der Jingjia-Berge in der westchinesischen Provinz Sichuan. Bei dem Erdbeben vor einem Jahr wurde Jina fast völlig zerstört. 26 Einwohner starben. 69 der 72 Häuser stürzten ein. Das Erdbeben der Stärke 7,9 war eine der schlimmsten Naturkatastrophen in der Geschichte Chinas. Fast 70.000 Menschen verloren ihr Leben. 18.000 gelten offiziell noch immer als vermisst. Doch weil an dem Tag ganze Bergdörfer unter Lawinen aus Schlamm und Geröll begraben wurden, sind alle Zahlen nur Schätzungen. Selbst manche chinesische Experten gehen inzwischen davon aus, dass in Wirklichkeit vielleicht weit über 100.000 Menschen ums Leben kamen.

Die Menschen in Jingjia bemühen sich, dass Erdbeben zu vergessen. Im Eiltempo haben die Bautrupps der Pekinger Regierung den kleinen Ort wieder aufgebaut. Jetzt hat sich das ganze Dorf schick gemacht. Die Regierung hat für den Vormittag eine Massenhochzeit organisiert - 20 Paare sollen getraut werden, alle waren schon einmal verheiratet und haben ihren Partner bei dem Beben vor einem Jahr verloren. Heute sollen sie wieder heiraten - es ist der emotionale Wideraufbau nach einem schweren Schock.

Hunderte chinesische Reporter sind gekommen, das zentralchinesische Fernsehen überträgt live. Die Brautpaare kämpfen sich durch ein Gestrüpp aus Mikrofonen und sagen Sätze wie: "Ich bin der Regierung und der Kommunistischen Partei sehr dankbar." Irgendwann betritt der Zeremonienmeister im rosa Anzug die Bühne und greift zum Mikrofon: "Liebe Brautpaare, bitte stellt euch jetzt in Dreiergruppen auf und geht über den roten Teppich."

Es ist einer dieser Momente, die die Regierung ein Jahr nach dem Erdbeben so gerne feiert: Den blühenden Wiederaufbau, die festlichen Spatenstiche, die Fürsorge der Regierung.

Tatsächlich läuft der Aufbau der alten Heimat ein Jahr nach dem Erdbeben auf vollen Touren. In ganz Sichuan dröhnen die Motoren der Lastwagen und Baufahrzeuge. In den größeren Städten wie Mianyang und Chengdu sind die Schäden kaum noch sichtbar.

Nur die Wahrheit wird von den Parteiführern noch immer mit aller Kraft unterdrückt. Eltern dürfen nicht fragen, warum ihre Kinder in den einstürzenden Schulen ums Leben kamen. Oft waren die Schulgebäude von so schlechter Bauqualität, das sie in wenigen Sekunden in sich zusammenfielen, auch wenn alle anderen Gebäude der Stadt stehen blieben. Seit langem war bekannt, dass Sichuan in einem Erdbebengebiet liegt, deshalb galten für die Region auch besonders strenge Bauvorschriften. Doch korrupte Kader und gierige Bauunternehmer hatten die Vorschriften ignoriert.

Wer es wagt, darüber zu sprechen, riskiert seine Verhaftung. Nur drei Wochen nach dem Erdbeben wurde der Lehrer Liu Shaokun festgenommen, weil er Fotos eingestürzter Schulen im Internet veröffentlicht hatte. Der Menschenrechtsaktivist Huang Qi hatte Eltern seine Hilfe angeboten. Wenige Tage später wurde er auf offener Straße gekidnappt. Später stellte sich heraus, dass die Polizei Huang eingesperrt hatte. Offizielle Begründung: Besitz von geheimen Dokumenten. Auch ausländische Journalisten werden regelmäßig bei ihrer Arbeit behindert; 18 Fälle von teilweise gewalttätigen Polizeiübergriffen hat der Club der Auslandskorrespondenten in China inzwischen dokumentiert.

Weil Gerechtigkeit von der chinesischen Regierung nicht zu erwarten ist, haben die Chinesen die Suche nach der Wahrheit selbst in die Hand genommen. Der Pekinger Künstler Ai Weiwei arbeitet mit dutzenden Helfern an eine Liste aller getöteten Schüler. Regelmäßig werden seine Mitarbeiter dabei von der Polizei belästigt. Trotzdem hat Ai inzwischen weit über 5000 Namen zusammengetragen. Er will weitermachen, bis alle wissen, wie viele Schulkinder tatsächlich gestorben sind.