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Junge erklärt Lage in Ägypten: Welterklärer, Prophet und zwölf Jahre alt

Für die Seite "Free Arabs" ist er der "nächste Präsident Ägyptens". Im Oktober 2012 hat ein Zwölfjähriger präzise die politische Lage seziert. "Das wird böse enden", prophezeite er damals.

Von Niels Kruse

Er heißt Ali Ahmed, ist zwölf Jahre alt und ein ziemlicher Naseweis. Seine geschliffene Analyse über den Zustand Ägyptens machen ihn gerade zu einem kleinen Youtube-Star. Reporter der Tageszeitung "El Wady" haben den Jungen am 19. Oktober 2012 in Kairo interviewt - das Video davon wurde nun von der Website "Free Arabs" wiederentdeckt und erfreut sich großer Beliebtheit. Vermutlich auch deswegen, weil Ali schon vor einem dreiviertel Jahr auf die Muslimbrüder geschimpft und ziemlich genau deren Ende sowie die neuerlichen Unruhen in seinem Land vorhergesagt hat.

Hier einige Kostproben des Interviews:

Ali: "Wir sind nicht das Militärregime losgeworden, um eine faschistische Theokratie zu werden."

Frage des Reporters: "Faschistische Theokratie? Was ist das? Ich weiß nicht, was das ist."
Ali: "Eine faschistische Theokratie ist, wenn man die Religion manipuliert. Wenn man extreme Gesetze im Namen der Religion erlässt, obwohl die Religion das nicht verlangt."

Frage: "Du glaubst also, Ägypten geht es nicht gut und dass sich etwas ändern müsse?"
Ali: "Meinen Sie politisch oder sozial? Die sozialen Ziele der Revolution sind lange nicht erreicht: wirtschaftlicher Aufschwung, Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Es gibt weiterhin keine Jobs, die Polizei steckt die Menschen immer noch willkürlich ins Gefängnis. Und was die soziale Gerechtigkeit betrifft: Wie kann ein Nachrichtenmoderator 30 Millionen ägyptische Pfund (umgerechnet 3,3 Millionen Euro) verdienen, während andere im Müll nach Essen wühlen?
Politisch: Wo ist die Verfassung, die uns repräsentiert? Zum Beispiel stellen Frauen die Hälfte der Bevölkerung, wieso aber sitzen nur sieben Frauen in der verfassungsgebenden Versammlung? Von denen sechs Islamistinnen sind?"

Frage: "Du glaubst, dass sie die Verfassung manipulieren werden?"
Ali: "Was auf Lügen aufgebaut ist, ist selbst eine Lüge. Selbst wenn die Verfassung in Ordnung ist, die Versammlung, die sie gemacht hat, ist es nicht. Das wird noch böse enden. Gib mir nicht 80 gute Dinge und 20 schlechte - das wird alles Land ruinieren.
Der ganze politische Prozess ist fehlerhaft. Allein schon, weil die parlamentarische Beteiligung fehlt. Einige Parteien haben ihren Wahlkampf darauf gegründet, Politik und Religion zu mischen, Moscheen haben Wähler mobilisiert, indem sie Zucker und Speiseöl verteilt haben."

Frage: "Hast du den Verfassungsentwurf gelesen?"
Ali: "Ja."

Frage: "Wo? Im Internet?"
Ali: "Ja.
Da steht zum Beispiel, Frauen und Männer sind in allen Bereichen gleichberechtigt, außer in denen, die im Widerspruch zum Islamischen Recht stehen. Das aber erlaubt zum Beispiel, dass Männer Frauen bestrafen dürfen. So etwas kann nicht funktionieren."

Frage: "Warum nicht? Was ist das Problem?"
Ali: "Das Problem ist: Es ist abscheulich. Ich kann doch nicht meine Frau schlagen, sie fast töten und behaupten, das sei eine Bestrafung. Das ist keine Strafe, das ist Missbrauch und krank."

Frage: "Wer hat dir das alles beigebracht?"
Ali: "Ich weiß es halt."

Frage: "Woher weißt du das?"
Ali: "Ich höre den Menschen viel zu und benutze mein Gehirn. Und ich lese die Zeitungen, gucke Fernsehen und schaue im Internet nach."

Ob der kleine Ali wirklich so ein helles Köpfchen ist oder nur nachplappert, was die Erwachsenen erzählen - das bleibt offen. Und doch hat sich seine Analyse bewahrheitet: Nach einem Jahr im Amt wurde Präsident Mohammed Mursi von der Straße und mithilfe des Militärs aus dem Amt gejagt. Seine Regierung hatte am Volk vorbei regiert, konnte die wirtschaftlichen Probleme nicht lösen und verprellte mit ihrem islamistischen Kurs selbst Teile ihrer Sympathisanten. Deren enttäuschte Anhänger überziehen das Land nun mit Protesten, die am Montagmorgen in einem Blutbad endeten, bei dem 42 Mursi-Leute starben.