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Krawall-Jubiläum: Frankreich im Alarmzustand

Am ersten Jahrestag der Vorstadtunruhen in Frankreich ist die Polizei in höchster Alarmbereitschaft. Besonders das Pariser Nahverkehrsnetz steht unter Beobachtung. Trotzdem: 60 Prozent der Bürgermeister erwarten eine Wiederholung der Krawalle.

Nach Brandangriffen von Jugendbanden auf Stadtbusse schickt die französische Regierung mehr Polizisten zum Schutz des Nahverkehrs in die sozialen Brennpunkte. "Ich habe beschlossen, die Gesamtheit der verfügbaren mobilen Einsatzkräfte für die Sicherheit der Fahrgäste des öffentlichen Nahverkehrs zu mobilisieren", sagte Innenminister Nicolas Sarkozy nach einem Krisentreffen mit den Verkehrsbetrieben in Paris.

"Wir arbeiten auf allen heiklen Linien zu allen heiklen Stunden", sagte Sarkozy. Der öffentliche Dienst solle "nirgendwo in der Republik" unterbrochen werden. In der Nacht zum Donnerstag waren bei Paris und Lyon mehrere Busse von teilweise bewaffneten Jugendbanden gestürmt und angezündet worden. Busfahrer weigerten sich daraufhin, bestimmte Viertel im Dunkeln anzufahren.

Jugend fordert Arbeitsplätze

Bei der Übergabe eines Berichts an das Parlament forderten junge Leute aus den Vorstädten mehr Arbeitsplätze, höhere Löhne und ein Ende der Diskriminierung zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. Eine Serie von Angriffen auf die Polizei in den vergangenen Wochen sei nur der Vorbote für weitere Unruhen, erklärten sie. Angaben der Polizei zufolge wurden in den ersten sechs Monaten dieses Jahres etwa 21.000 Autos angezündet und gut 2900 Angriffe auf Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungssanitäter registriert.

Der Jahrestag der wochenlangen Jugendunruhen in den französischen Einwanderervierteln vom Herbst 2005 hat die Scheinwerfer der Medien erneut auf die Problemviertel gelenkt. Nach einer Umfrage des Instituts IPSOS halten 59 Prozent der französischen Bürgermeister eine Wiederholung der Krawalle für sehr oder ziemlich wahrscheinlich. Nur vier Prozent halten neue Ausschreitungen für gänzlich unwahrscheinlich. Behördenvertreter des Pariser Vorort-Départements Seine-Saint-Denis warnten die Medien davor, das soziale Pulver mit sich überbietender Sensationsberichterstattung zu entzünden.

"Nichts hat sich geändert"

Als wichtigste Maßnahmen gegen die Unsicherheit schätzen zwei von drei Franzosen die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und der sozialen Ausgrenzung ein. Das ergab eine Umfrage des Instituts LH2 für die Zeitung "20 Minutes". 46 Prozent nennen die "Verbesserung des Dialogs zwischen Jugendlichen und der Polizei", 38 Prozent plädieren für Sanktionen für Eltern krimineller Kinder. Als Hauptinstrument zur Verbesserung der Lage in den sozialen Brennpunkten sehen 62 Prozent der Franzosen die Förderung des Schulsystems an; 44 Prozent nennen soziale Maßnahmen. Für mehr Polizei, Ausgehverbote und schnelle Strafen plädieren nur 27 Prozent.

Eine mögliche Neuauflage der Krawalle dürfte auch den anstehenden Präsidentenwahlkampf bestimmen. Innenminister Sarkozy hatte trotz Kritik an verbalen Entgleisungen über die Krawallmacher Lob für das von ihm politisch verantwortete Vorgehen der Polizei gefunden. Sarkozy ist wahrscheinlicher Kandidat des konservativen Lagers für die Nachfolge von Präsident Jacques Chirac.

Der sozialistische Politiker Laurent Fabius kritisierte den Umgang der Regierung mit den Problemen in den Vorstädten. "Vor einem Jahr wurden Bouna und Zyed zu Asche verkohlt", sagte Fabius in Erinnerung an die beiden Jugendlichen in Clichy-sous-Bois, die am 27. Oktober 2005 auf der Flucht vor der Polizei in einer Trafo-Station einen Stromschlag erlitten. "Nicht hat sich seitdem geändert", sagte Fabius.

DPA/AP/Reuters / AP / DPA / Reuters