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Last Call: Früher war alles schlechter…das Essen zumindest

Es regnet ständig und das Essen ist scheußlich - auf so viel ist in Großbritannien Verlass. Oder? In Wirklichkeit hat sich in den vergangenen zehn Jahren viel getan. Wenn auch nicht am Wetter.

Vor einiger Zeit stand an dieser Stelle etwas über dicke Menschen in Großbritannien. Einige sehr lustige Leser schrieben daraufhin, sie könnten gar nicht verstehen, dass es auf der Insel so viele Dicke gäbe. Weil doch die britische Küche legendär gefürchtet sei und jeder froh sein könne, wenn er in England nichts zu sich nehmen müsse, also ideal zum Abnehmen. Andere machten sich über hiesige kulinarische Eigenarten lustig, wie Bohnen und Würstchen zum Frühstück, Plum Pudding und Porridge. Ein paar Weitergereiste lästerten auch noch über die schottischen Spezialitäten Haggis, Schafs-Innereien im Naturdarm, und frittierte Marsriegel.

Es waren wenig freundliche Rezensionen und Anmerkungen, die in toto auf den uralten Witz vom dünnsten Druckerzeugnis der Welt hinausliefen: englisches Kochbuch.

Anders herum ist es auch nicht viel besser. Die deutsche Küche wird hierzulande immer noch mit Bratwurst, Schnitzel und Sauerkraut gleich gesetzt. Und bei den auch in Großbritannien zunehmend populären Weihnachtsmärkten und Oktoberfesten geschieht kulinarisch nicht viel zum besseren Völkerverständnis: Tatsächlich Bratwurst, Schnitzel, Sauerkraut. Im Zusammenhang mit Altkanzler Helmut Kohl wird eben nicht nur an Mauerfall und Vereinigung erinnert, sondern auch an seine Vorliebe für das pfälzische Kartoffelgericht Saumagen, das er einst bei einem Staatsbesuch auch Margaret Thatcher auftischen ließ und hier fälschlicherweise immer noch als Schweine-Innereien-Schweinerei beschrieben wird. Als eine Art pfälzisches Haggis.

Es ist dann doch an der Zeit, mit ein paar Klischees aufzuräumen. Der famose Humorist George Mikes, geboren in Ungarn und verstorben in England, notierte vor mehr als 50 Jahren: „Auf dem Kontinent haben die Menschen gutes Essen. In England haben sie gute Tischmanieren.“ In diesem halben Jahrhundert hat sich viel verändert. Die Tischmanieren sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Dafür ist das Essen inzwischen besser, viel besser, ausgezeichnet sogar. Und das im Wortsinn. Eine kleine Fischbude auf den Shetland-Inseln wurde gerade erst zum besten Fish and Chips-Restaurant Großbritanniens gewählt. Zu Recht. Ich hatte mal das Vergnügen dort. Außerdem:

Britannien hat mit Jamie Oliver den bekanntesten und erfolgreichsten Fernsehkoch der Welt. Und eine der erfolgreichsten BBC-Serien der vergangenen Jahre heißt „The Great British Bake-Off“, eine amüsante Show rund ums Backen, die jede Woche Millionen Briten vor den Bildschirm zieht und damit mehr Zuschauer als die englische Fußball-Nationalmannschaft, die weder gut backen noch richtig gut Fußball spielen kann. Die Wochenendbeilagen der Zeitungen: eine Sammlung von Rezepten aus der ganzen Welt. Was auch daran liegt, dass London neben New York die ethnisch bunteste Stadt der Welt ist, mit mehr als 300 verschiedenen Sprachen und Dialekten.

Lediglich in Paris gibt es mehr Sterne-Restaurants als hier, 81 zu 61, aber die englische Hauptstadt behauptet im Gegensatz zur französischen gleich zwei unter den Top-Ten der Welt. „Dinner by Heston Blumenthal“ und „The Ledbury“.

In Frankreich arbeiten Spitzenköche schon am Gegenplan

Die für Essensfragen zuständige Ministerin Liz Truss brüstete sich sogar damit, dass ausgerechnet der französische Außenminister Laurent Fabius öffentlich davor warnte, von den Angelsachsen abgehängt zu werden und deshalb eine diplomatische Gastro-Offensive ausrief. Die berühmten Köche Alain Ducasse und Guy Savoy sollen einen 20-Punkte-Plan erarbeiten mit dem Ziel, die Welt zurück zu verzaubern und London als europäische Gourmet-Metropole zu verdrängen. Der Plan wurde in einer englischen Zeitung enthüllt. Von Briten also, über die Jacques Chirac vor wenigen Jahren noch spottete, man könne einem Volk mit solcher Küche nicht trauen. Schlimmer nur noch Finnland. Und der einzige Beitrag Britanniens zur europäischen Agrarkultur sei Rinderwahnsinn gewesen.

Nunmehr, es ist zum Verrücktwerden, essen auch die Franzosen zunehmend englisch. Die beiden Ketten „Pret A Manger“ und „Marks & Spencer“ sind Exporthits, weil deren Sandwiches sogar höchsten gallischen Ansprüchen genügen. Briten produzieren mittlerweile mehr Käsesorten als die für ihren Käse berühmten Franzosen. Und die britischen Botschaften sind inzwischen angewiesen, britischen Wein zu kredenzen und eben nicht mehr die Tropfen der Normannen. Soweit ist es schon. Auf nichts ist mehr Verlass, nicht mal mehr auf zerkochtes Gemüse.

Früher war alles schlechter.

Als Jugendlicher reiste ich in den Osterferien einmal zum Schüleraustausch ins putzige Eastbourne und lebte bei einer wunderbaren englischen Familie. Nach zwei Wochen, obschon recht dünn damals, hatte ich vier Kilo abgenommen. Die dortige Frau des Hauses pflegte die seinerzeit noch verbreitete Unsitte, Gemüse so lange zu garen, bis es weder als Gemüse erkennbar war geschweige denn nach Gemüse schmeckte. Dazu wurde gern etwas Undefinierbares serviert, gammon, ein mäßig appetitlich wirkender Schinken, den man aber glücklicherweise kaum sehen konnte, weil größere Mengen gravy, Sauce, darüber gekippt wurden.

Zuwanderung hat ihr Gutes: besseres Essen

Das ist fast 40 Jahre her. Seitdem gastronomischer Aufschwung fast überall. Mit kleineren Rückfällen ins Klischee muss man leben. Neulich reisten wir durch Schottland und begegneten dem frittierten Marsriegel immer wieder. Er wurde der Legende nach 1992 in Stonehaven erfunden, einer Ortschaft in Aberdeenshire, die sich rühmt, der Welt neben dem frittierten Marsriegel auch den luftgefüllten Gummireifen geschenkt zu haben. Über die Ursprünge und Entdeckung kursieren verschiedene Versionen; nicht auszuschließen, dass ein Schokoriegel damals schlicht in Frittierfett fiel. In Schottland wird nämlich gern und viel und eigentlich alles frittiert, zum Beispiel auch Pizza und – Gipfel des Glücks – sogar Haggis. Seitdem existiert er, schottlandweit. Gastro-Kritiker beschäftigen sich mit Geschmack, Konsistenz und bescheinigen ihm, eine Terz besser zu schmecken als er aussieht, und er sieht wirklich nicht gut aus. Ein Selbstversuch in Glasgow endete nach circa zwei Dritteln. Als Dessert gab es eine Arznei gegen Sodbrennen.

Zwei Tage später übernachteten wir in einem sehr abgelegenen Bed&Breakfast in den Highlands, und die freundliche Wirtin wollte uns unbedingt zum Abendessen einladen, wir konnten uns nicht wehren. Es gab Haggis, nicht frittiert, und Black Pudding, britische Blutwurst, die so aussieht wie ein Eishockey-Puck. Wieder Sodbrennen. Das Frühstück war dann aber gut und überhaupt: alles gut. In unserer kleinen Straße allein gibt es drei gute und günstige Restaurants, türkisch, chinesisch, polyglott weil irgendwie alles, und tatsächlich: englisch-französisch-texanisch. Schmeckt im Übrigen auch. Niemals Sodbrennen.

Multikulturelle Küche in London. Heute mal: türkisch.© Horst A. Friedrichs

Selbst Nigel Farage, der anti-europäische UKIP-Chef, muss inzwischen eingestehen, dass Zuwanderung auch ihr Gutes und die britische Küche bereichert hat. Farage hält sich meistens in Pubs auf, trinkt dort größere Mengen Bier und verzehrt gelegentlich auch Pub-Food, der von seinem Schrecken schon lange verloren hat. Zu Hause kocht dann seine Gattin. Sie heißt Helga und ist Deutsche. Für Frage heißt das vermutlich: Fast jeden Tag Weihnachtsmarkt.