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Last Call: Hitler ist der Mann im Mond

Jedes Jahr wieder beglückt die Kaufhauskette John Lewis die Briten mit schmalzigen Weihnachtsspots. Aktuell darf ein alter Mann auf dem Mond winke-winke machen. Und wer ist der Greis? Natürlich Adolf Hitler - wer sonst?

Jedes Jahr um diese Zeit, wenn’s draußen kalt wird, beginnen im Fernsehen Schnee und Schmalz zu rieseln. Vor allem in der Werbung. Das ist in Großbritannien im Übrigen nicht anders als in Deutschland, im Schnitt vielleicht etwas niveauvoller. In etwa so traditionell wie die notorischen vorweihnachtlichen Büro-Besäufnisse ist hierzulande der Werbespot der Kaufhauskette John Lewis. Alle Jahre wieder wartet die Nation gespannt darauf.

Mal wanderte ein trauriger Schneemann durch die Pampa und kaufte schließlich seiner hübschen Schneefrau eine rote Mütze und einen roten Schal (von John Lewis), mal saß eine Oma in einem Geschenkehaufen (von John Lewis), mal konnte ein kleiner Junge einfach nicht erwarten, seinen Eltern die Geschenke (von John Lewis) zu geben. Und 2014 spielte ein anderer Junge mit einem Pinguin (vermutlich aus dem Zoo), der zusehends traurig wurde und deshalb zu Weihnachten eine Pinguin-Gespielin geschenkt bekam (vermutlich von John Lewis). Die Filme sind sehr aufwendig gemacht und kosten ein Heidengeld.

In diesem Jahr nun und schon aus Gründen der Quote spielt ein kleines Mädchen die Hauptrolle. Das Mädchen beobachtet mit einem Teleskop den Mond und sieht dort einen alten, einsamen Mann, der aus einem Häuschen tapert, einen Krater bekraxelt, sich auf eine Bank setzt und auf die Erde starrt. Das kleine Mädchen macht ständig winke-winke, aber der alte Mann, rund 400 000 Kilometer entfernt, kann sie trotz seiner Altersweitsicht nicht sehen. Also schwebt Weihnachten von der Erde mit Luftballons ein Geschenk auf den Mond zum Greis, darin ein hübsches Teleskop (von John Lewis), und nun kann der Mann auch endlich das Mädchen sehen und gleichfalls winke-winke machen.

So weit. So schlecht.

Ähnlich rituell wie die Reklame sind Jahr für Jahr auch die Reaktionen darauf. Es verhält sich mit John Lewis nämlich grundsätzlich so wie mit dem FC Bayern München. Lieben oder hassen. In diesem November überwog erst mal die Zustimmung, und selbst der deutsche Werbebranchendienst „Horizont“ schleimte online über den Kanal: „Nach dem Mega-Erfolg mit ‚Monty the Penguin’ im letzten Jahr lag die Latte für den Nachfolger diesmal besonders hoch. Aber keine Sorge: Auch ‚Man On The Moon’ erzählt wieder eine tolle, herzzerreißende Geschichte.“ Immerhin wollen jetzt viele junge Leute zu Weihnachten alten Leuten helfen, und eine Familie aus Cardiff möchte sogar für die Festtage einen Opa aufnehmen. Aber nur für die Festtage.

Aber deshalb gleich Latte hoch? Und herzzerreißend? Hm.

Darüber kann man streiten. Vor allem aber kann man darüber streiten, ob es sich beim Greis auf dem Mond tatsächlich um einen gestrandeten Opa handelt oder nicht doch um ein Monster, vermutlich sogar: Hitler. Wie nicht nur der „Guardian“ vermutete. Denn bei Mondschein betrachtet, was macht ein alter Graukopf auf dem Erdtrabanten? Auf der Erde ist er offenkundig nicht erwünscht. Es muss sich ergo um einen Verbrecher kolossalen Ausmaßes handeln. Das wäre, schreiben die Kollegen, die einzige logische Erklärung für das Exil im All. „Napoleon wurde auf eine einsame Insel verbannt, aber er war eben auch nur Napoleon. Dieser Typ wurde gleich auf den Mond geschossen.“

Eben.

Das alles ergibt sehr viel Sinn. Und also läuft seit einigen Tagen im Netz bereits das Kontrastprogramm, John Lewis reloaded.

Das Ende ist allerdings nicht immer so herzig wie im Original. In einem wird der Mond-Hitler seinem gerechten Ende zugeführt.

Oder aus dem Alten wird ein „dirty old man“, ein Spanner, der mit seinem neuen Teleskop auf der Erde jungen Damen beim Striptease zuguckt, aber beim Blick nach unten feststellt, dass auf dem Mond und auch sonst tote Hose ist.

Oder. Oder. Oder. Das Netz ist voll mit Parodien. Das hatte John Lewis ganz gewiss nicht im Sinn. Aber nun haben sie den Salat und den großen Diktator geschaffen und damit unfreiwillig die Verlängerung des anerkannt schlechtesten Filmes aller Zeiten, „Iron Sky“, der davon handelt, dass sich Nazis auf der dunklen Seite des Mondes verstecken, Hitler in der Tat putzmunter ist und er zum zweiten Mal in tausend Jahren die Weltherrschaft anstrebt. Im nächsten Jahr folgt nun „Iron Sky II“. Er ist wieder da und reitet diesmal sogar auf einem Tyrannosaurus namens Blondie. Das allerdings ist dann schon wieder toll und macht „Iron Sky II“ damit zum nur zweitschlechtesten Film aller Zeiten.

Unterdessen debattieren britische Naturwissenschaftler über die wissenschaftliche Akkuratesse der diesjährigen John Lewis-Spots. Etwa darüber, wie der alte Adolf dort oben ohne Sauerstoff klar kommt. Und Geisteswissenschaftler loten die tiefere Botschaft der Werbebotschaft aus. Der Konsumforscher Patrick Lonergan von der Nottingham Trent University konsumierte erst den Spot und geriet dann ins Fabulieren. Es ist nämlich so: „Um unsere Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit zu lindern, schauen wir durch eine Linse, welche die Realität verschiebt und uns erlaubt, den kalten und einsamen Aspekten unseres Lebens für einen Moment zu entfliehen.“

Das mag ja sein. Aber wer wird denn dafür gleich in die Luft gehen? Und dann auch noch ab auf den Mond? Da sitzt er nun, der böse Alte, und wartet aufs Christkind. Das lässt einen ganzen Weltraum für Spekulation – und für eine Fortsetzung im nächsten Jahr. Zum Beispiel mit Eva Herman als Eva Braun.