HOME

Last Call: Sehr geehrte Einbrecher…

…oder soll ich schreiben: Liebe Diebe, die Sie uns neulich Nacht besuchten, das Fenster in der Küche aushebelten und sodann alles klauten, was Ihnen in die Hände fiel. Wir möchten uns an dieser Stelle dafür bedanken, dass Sie so leise waren und uns nicht weckten mitten in der Nacht. Wir schliefen, Sie arbeiteten. Sie klauten Laptops und Telefone und Kreditkarten. Außerdem Pfund, Dollar, Euros.

Sie sollten, das nur am Rande, die Euros schnell ausgeben oder besser noch tauschen in englische Pfund, denn man kann dabei zuschauen, wie der Euro sinkt, wir könnten ein Lied davon singen. Wenn Sie warten, kriegen Sie bald gar nichts mehr dafür. Nothing. Das würden wir Ihnen normalerweise gönnen, aber dummerweise werden wir in Euro bezahlt.

Sie klauten zwar, waren aber so nett, sich durch die Küchentür wieder raus und den Schlüssel stecken zu lassen. Vielleicht sind Sie gar nicht so übel. Vielleicht war es die pure Not. Dagegen spricht allerdings die große Sorgfalt, mit der Sie vorgingen. Die Polizei sagte, Sie seien wohl ein Profi oder Profis. Beruf: Einbrecher. Das spricht gegen die These von der Not. Es ist auch egal. Am Morgen nach Ihrem Einbruch stand in der Zeitung, dass Sir Bernard Hogan-Howe, Londons höchster Polizist, den Leuten rät, ihre Häuser und Wohnungen mit Kameras auszustatten. Als hätte er's geahnt.

Unsere Polizisten waren wirklich sehr in Ordnung

Immerhin kennen wir jetzt mittelbar durch Sie die Polizisten aus der Gegend. Die Polizei durchläuft in Großbritannien gerade eine Krise. Jeden Tag stehen furchtbare Dinge über Scotland Yard und die Metropolitan Police in der Zeitung. Es heißt, sie würden Dinge verschleiern, zuletzt einen großen Pädophilen-Skandal. Mehr als ein Drittel der Briten hält ihre Polizei für korrupt. Unsere Polizisten waren sehr in Ordnung. Die drei waren offenbar eine Art Wiedergutmachungskommando für all die schlechten Dinge. Bei uns gab’s aber auch nichts zu verschleiern.

Unsere Officers hießen John und Sam und noch mal Sam. Freundliche Menschen, die alles notierten, zwei Stunden blieben, immer wieder fragten, ob wir Opferhilfe brauchten. Brauchten wir aber nicht. Der jüngere Sam sagte: „Das Problem ist: Ihnen bleibt keine Wahl. Es gibt bei uns auf dem Bogen nur ein Feld für Ja. Und keins für Nein.“

Also mussten wir „Ja“ sagen.

Bei Rasse kreuzten wir "Other" an. Eine schöne Rasse

Am Ende der Ermittlung durften die Frau, die Tochter und ich ankreuzen, welcher Rasse wir angehören. Officer John war das erkennbar peinlich. Er sagte: „Das ist leider Vorschrift.“ Wir hatten ungefähr die ganze Welt zur Auswahl: Asien, Nordafrika, der Rest von Afrika, Mittlerer und Naher Osten, Ozeanien, Südsee, Nordsee, Ostsee, Tiefsee. Bei Europa wurde noch einmal unterschieden zwischen Südeuropa, Osteuropa, Briten, Iren und Other. Mir war bis dahin nicht bewusst, dass Briten so anders aussehen als Iren oder Others. Die Tochter wollte „Irish“ nehmen, die Frau „British“ und ich „Other“. Der Einfachheit halber und um den Computer der Polizei nicht zu überfordern, kreuzten wir alle „Other“ an. Das ist, wie ich finde, eine sehr schöne Rasse und für alle Menschen auf der Welt zur Nachahmung empfohlen.

Einer der beiden Sams erzählte uns dann noch von einer Webseite namens „Crime Map“, und dank der wissen wir nun, wann und wo in unserer Nachbarschaft was Kriminelles passierte. Man kann das bis zur Hausnummer lokalisieren. Wir wissen beispielsweise nun (und wollten das gar nicht), dass in der Nachbarstraße ein Kerl seine Frau verprügelte und zwei Straßen weiter auch schon eingebrochen wurde und ziemliche viele Autoknacker unterwegs sind. Im nächsten Monat sind wir auch auf „Crime Map“. Man könnte sagen: Sie, die Diebe, haben uns auf die Landkarte gebracht.

Kommt der Täter noch immer an den Tatort zurück?

Jennifer, die Dame von der Spurensicherung kam danach eigens aus Paddington. Die Frau des Hauses fragte sie, ob es denn stimme, dass ein Täter immer wieder an den Tatort zurück kehrt. Das liest man ja immer wieder, gerade in London. Jennifer sagte, das sei ihr noch nicht untergekommen. Sie wollte uns wohl Mut machen. Dann nahm sie unsere Fingerabdrücke. Zum Abgleich mit Ihren. Obschon, wie Jennifer sagte, wahrscheinlich keine von Ihnen zu finden seien. Wegen der Handschuhe. Sie sind ja Profi oder Profis. Jennifer machte uns keine großen Hoffnungen.

Fingerabdrücke geben, ist in Wahrheit eine ziemliche Sauerei. Die Abdrücke sieht man später überall

Tags drauf klingelte schließlich Matthew, der Community Officer. Es war ein bisschen wie ein Kondolenzbesuch. Matthew sah aus wie Mister Bean und hatte Schnupfen. Er machte sich Notizen, putzte sich ständig die Nase, entschuldigte sich fürs Naseputzen, fragte ein paar mal, ob wir Opferhilfe brauchten. Das hatten wir ja schon. Er fragte auch, was er noch für uns tun könnte, und ich sagte: Sie könnten mir ein neues Handy besorgen. Soweit ging die Hilfe leider nicht.

Das einzig Vorteilhafte an Ihrem Einbruch war, dass wir ein paar Tage lang nicht richtig erreichbar waren. Es konnte ja kein Handy klingeln. Als es wieder klingelte, waren die Leute von der Opferhilfe dran. Sie riefen dreimal an. Einmal für die Frau, einmal für die Tochter und einmal für mich. Das ist offenbar Vorschrift. Am Telefon war eine Frau, die ihren Namen nicht nennen durfte. Auch das war Vorschrift. Am Ende des Telefonats sagte sie: „Passen Sie gut auf sich auf.“

Es ist nun nicht so, dass wir nicht gewarnt waren.

Bei unserer alten und inzwischen leider verstorbenen Nachbarin Brenda ist im Laufe der Jahre sechs mal eingebrochen worden. Sie war allerdings nie zu Hause wie wir, sondern auf Reisen. Brendas Reiselust schien sich herumgesprochen zu haben. Beim letzten Mal – Brenda verjuxte ihre Rente wieder in Spanien – knackte ein Trupp Ihrer Kollegen die Tür. Aus Gründen der politischen Korrektheit und um auf gar keinen Fall Vorurteile zu bedienen, verschweige ich die Herkunft der Männer. Nur so viel: Die Herren fanden in Brendas Wohnung neben viel Gerümpel auch ein paar Flaschen Wodka, die sie an Ort und Stelle leerten, darüber sehr fröhlich wurden und begannen, relativ laute Volkslieder aus der Heimat der Flasche zu schmettern. Das wiederum kam einem Nachbarn zu Ohren, der sich über den eigenartigen Gesang aus Brendas Wohnung wunderte. Er rief vorsichtshalber die Polizei, die keine große Mühe hatte, die betrunkenen Herren unter Absingen ihrer Volkslieder abzuführen.

Die Euros werden schwinden in Ihren Händen

Sie haben nicht gesungen. Wahrscheinlich besser so. Sie haben auch keinen Wodka getrunken. Es war früh am Morgen. Sie hatten es vermutlich eilig. Vielleicht mussten Sie danach noch zur Arbeit. Vielleicht war das aber auch schon Ihre Schicht für den Tag. Wir werden es vermutlich nie erfahren. Gestern kam ein Brief. Die Ermittlungen sind eingestellt. Die Polizei schrieb, es täte ihnen leid. Mir auch. Sie haben also gewonnen.

Keine Ahnung, ob Sie mit dem Zeug glücklich werden. Ob Sie was anfangen können mit Ballett-Tickets für Schwanensee und gesperrten Kreditkarten und gesperrten Mobiltelefonen und Laptops mit einem unknackbaren Firmencode. Die Euros werden Ihnen durch die Finger rinnen. Da nutzen auch Ihre Handschuhe nichts.

Immerhin, Sie ließen mir meine Zigaretten, spezielle Sorte, und eingeführt aus Deutschland, weil dort so viel günstiger. Nicht Ihre Marke offenkundig. Die anderen nahmen Sie mit, viele Zigaretten. Auf den Packungen steht auf deutsch: „Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit“. Oder: „Rauchen macht hässlich und dumm.“ Oder: „Rauchen macht impotent.“ Lauter solche unappetitlichen Dinge stehen da drauf.

Falls Sie rauchen, wünsche ich mir ausnahmsweise, dass das stimmt.