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Last Call: Von Eliten, Klassen für sich und schwangeren Nudeln

An zwei Dingen ist deutlich erkennbar, dass man älter wird: Die Nasenhaare wachsen schneller, und Erinnerungen an die Schulzeit kommen vermehrt zurück. Die Nasenhaare sind unangenehmer.

Ich musste vielleicht deshalb zuletzt so oft an meine alte Schule denken, weil ich in den vergangenen Monaten viel mit Schulen zu tun hatte. Mein Freund Peter, Fotograf, und ich reisten nämlich durch Großbritannien und besuchten für einestern-Reportage einige der berühmtesten Privatschulen. Wir fuhren nach Wellington und Harrow in der Nähe von London, nach Sevenoaks in Kent. Und wir besuchten ein Internat in Edinburgh, das aussieht wie Hogwarts, die Zauberschule von Harry Potter. Alle hatten gemein, dass sie mit meiner alten Penne nicht viel gemein hatten. Sie haben allerdings auch wenig gemein mit den normalen Schulen hierzulande. Gerade mal sieben Prozent der britischen Kinder gehen auf diese so genannten „independent schools“ oder „public schools“. Der Name „public school“ täuscht allerdings gewaltig, denn die Lehranstalten sind ziemlich genau das Gegenteil von öffentlich. Ein Schuljahr kostet rund 30 000 Pfund an Gebühren, das sind mehr als 40 000 Euro. Das erklärt die sieben Prozent.

Selbst für das ungeübte Auge wird schnell deutlich, was mit dem Geld dort passiert. Die Anlagen gepflegt, geharkt und unverschämt grün, wie im Film. Die Lehrer engagiert, die Klassen klein, die Sportflächen groß und mindestens so toll wie das Vereinsgelände von Bayern München. Es gibt Golfplätze und Rugby- und Fußballfelder und Kunstrasenplätze und Sporthallen und Gyms und Schwimmhallen und Theatersäle und Musikräume und Tonstudios und viele alte Steine, aus denen Geschichte riecht und kriecht. Überall hängen Bilder von alten Absolventen. In Harrow on the Hill war das besonders beeindruckend. Lord Byron, Churchill, der indische Ministerpräsident Nehru, Schauspieler Benedict Cumberbatch und und und. Man setzte Peter und mich in einen Vorraum, auf dem Tisch lagen Bücher über Harrow, 800 Jungs, die Strohhüte tragen müssen. Das ist Tradition dort. Alles ist Tradition dort.

Aus 7 Prozent werden später 70 Prozent Einfluss

Auf dem Tisch lag auch das Magazin „Independent School Parents“, ein Hochglanz-Kompendium mit türkisfarbenen Anzeigen über Familien-Urlaub auf Barbados und Gouadeloupe. Prominente erzählen von früher und davon, dass ihnen die Schule die Tür fürs Leben geöffnet habe.

Das ist wohl wahr.

Die sieben Prozent Privatschüler stellen nämlich später im Leben 70 Prozent der Top-Richter in Großbritannien, mehr als die Hälfte der Diplomaten und überdurchschnittlich viele überdurchschnittlich bezahlte Führungskräfte der City von London. Die sieben Prozent stellen außerdem 40 Prozent der 500 einflussreichsten Briten, die in der „Debrett’s List“ aufgeführt werden und 44 Prozent der Reichsten obendrein. Man kann sagen: Privatschulen sind die Fortschreibung des britischen Klassensystems. Weshalb in Großbritannien seit Ewigkeiten über soziales Ungleichgewicht debattiert wird. Das Land hat die niedrigste „soziale Mobilität“ aller entwickelten Nationen weltweit. Soziale Mobilität ist natürlich ein Euphemismus und meint an sich: mangelnde Aufstiegschancen.

Neulich hat das sogar der Premierminister David Cameron in einer Rede eingeräumt. Er sagte: „Das heutige Einkommen ist immer noch verbunden mit dem, was der Vater einst verdiente.“ Und dann eben die teuren Schulen bezahlen konnte. Die Privatschulen, so schließt sich der Kreis, ermöglichen schließlich auch das Entrée in die nicht minder privilegierten Universitäten. Und von dort aus ist dann der Himmel die Grenze.

Die Politik ist an Veränderung nicht interessiert

Das alles ging Peter und mir durch den Kopf, als wir durchs Land reisten und in Vorräumen warteten und Ölbilder mit dollen Ehemaligen anstarrten und immer wieder das Magazin mit den Anzeigen für Überseereisen. Einer der Direktoren, mit dem wir sprachen, war Sir Anthony Seldon, Wellington College. Es war Frühjahr, Sir Anthony stand kurz vor der Pensionierung, und er war für seine Verhältnisse ziemlich offen. Er sagte, es sei eine Schande, dass Bildung nach wie vor eine Frage des Geldes sei. Er fordert seit Jahren, dass die Schulen mindestens 25 Prozent Kinder aus ärmeren Familien aufnehmen sollen. Gehör findet er nicht. Seldon sagt, in Wahrheit sei die Politik an Veränderung gar nicht interessiert. Er schrieb gerade ein Buch über Cameron und muss es wissen. Fast 80 Prozent der Briten sind Sir Anthonys Meinung und fordern, es sei dringende Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen, dass arme und reiche Kinder dieselben Chancen bekommen.

Parkanlage von Fettes College vor der malerischen Kulisse von Edinburgh

Danach schlenderten wir mit einer Aufsichtsperson über das prächtige Schulgelände in Wellington und schwiegen und staunten ein wenig vor uns hin. Wir sahen die Parks und die Sportfelder und hörten klassische Musik aus Klassenzimmern. Wir erlebten Ähnliches später auch in Harrow und in Kent und in Schottland. Wir sprachen mit Lehrern, Schülern und Direktoren. Besichtigten, staunten, schwiegen. Es war ein bisschen wie in der Werbung: „Nur gucken, nicht anfassen.“

Wir hatten immerhin eine Dreifachturnhalle

Mein Freund Peter ging auf eine Schule in Bournemouth, seine Familie kommt von dort. Ich ging auf eine Schule in Lüdenscheid, am Rand des Ruhrgebiets, meine Familie kommt von dort. Unsere Schulen hatten viel gemein. Peter und ich mussten beide keine Strohhüte tragen. Wir hatten aber auch keine Schwimmbäder und Parks. Wir hatten immerhin eine Dreifachturnhalle, die wir für den Sportunterricht allerdings auch durch drei teilen mussten. Auf unserem Schulhof stand ein Kunstwerk, es ist immer noch da. Vier Plastiksäulen mit merkwürdigen Beulen, das muss mal modern gewesen sein in den 70-er Jahren. Ein Kunstlehrer hatte sie gestaltet, das war wahrscheinlich günstiger. Wir nannten sie schwangere Nudeln und kletterten in den Pausen darin rum. Heute sind die Nudeln so etwas wie das Markenzeichen der Schule, und es gibt sogar Sweatshirts mit ihnen drauf. Das hätten wir uns damals nie träumen lassen.

Unsere Schule mit Fußballplatz im Vordergrund und den Nudeln im Hintergrund

Ich mochte die Schule, außer Mathe. Ich hatte damals aber auch keine Ahnung, was es an famosen Schulen und Sportstätten anderswo noch gab. Mir reichten die Dreifachturnhalle und die Nudeln und der gepflasterte Schulhof, auf dem wir in Ermangelung von Rasenplätzen mit Tennisbällen kickten. Bei Peter war es ähnlich. Er spielte allerdings Cricket mit Tennisbällen.

In Schottland, Fettes College, trafen wir Steve Bates. Er ist Sportlehrer und war früher englischer Rugby-Nationalspieler. Natürlich. Er reist mit seinen Schülern manchmal nach Südafrika oder Neuseeland, um dort Rugby zu spielen. Unsere Reisen gingen auf die Nordseeinsel Ameland und später in der Oberstufe für drei Tage nach Berlin. Peter fuhr nach London oder Plymouth. Das war auch ganz schön. Steve Bates erzählte en passant, dass ein Drittel der englischen Rugby-Nationalspieler früher auf Privatschulen gingen. Ich schwieg, Peter sagte „Wow“ und zog die Augenbrauen hoch. Rugby, heißt es, sei ein Sport für Hooligans, gespielt von Gentlemen.

In England läuft im Übrigen gerade die Rugby-Weltmeisterschaft. Die englischen Gentlemen schieden in der Vorrunde aus. Aber das nur am Rande. Und natürlich ohne Häme.