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Libyen: Iman al-Obaidi - eine Frau im Krieg

Eine junge Libyerin berichtet unter Tränen von ihrer Vergewaltigung durch libysche Truppen. Die Welt feiert sie als "Heldin der Revolution". Und Gaddafi beginnt ein Verwirrspiel.

Von Manuela Pfohl

Meistens gibt es ja keine Verbindung. Doch wenn es dann mal klappt, schauen die Menschen in den Rebellenhochburgen im Osten Libyens sich im Internet ein Video an, das politischen Sprengstoff enthält. Es ist der Clip, der Iman al-Obaidi innerhalb von nur drei Tagen zum "Gesicht des libyschen Widerstandes" machte. Eine junge Frau, die sich im Restaurant des Hotels "Rixos" in Tripolis vor ausländischen Journalisten ihren Schmerz von der Seele schreit: Polizisten an einem Checkpoint in der Nähe der libyschen Hauptstadt hätten sie zwei Tage lang festgehalten, verschleppt und vergewaltigt. 15 Männer, die eine junge Frau fesseln, schlagen, entehren. Gaddafis Männer. Die Kameras surren. Die Mikrofone rücken näher, auf dass die Welt die Geschichte von Iman al-Obaidi erfährt. Es ist Samstag, der 26. März.

Seit einer Woche fliegen internationale Einheiten Angriffe auf die Luftwaffe des libyschen Diktators. Es gibt Tote und Verletzte und kaum verlässliche Informationen darüber, wie die Lage rund um Tripolis wirklich ist. Das, was Iman al-Obaidi zu sagen hat, wäre deshalb umso interessanter. Doch der Frau bleiben nur wenige Minuten. Mit einiger Radikalität wird sie von Hotelangestellten und Sicherheitspersonal überwältigt und fortgebracht, ehe sie Details ihrer Vorwürfe schildern kann.

Widersprüchliche Regierungserklärung

Noch am selben Tag wiegelt Gaddafis Regierungssprecher die internationale Empörung über den Vorfall ab. Untersuchungen hätten ergeben, dass die Frau entweder betrunken war oder geisteskrank ist. Mehr könne man nicht sagen, denn Iman al-Obaidi sei bereits wieder entlassen, und man wisse nicht, wo sie sich derzeit aufhalte. Einen Tag später klingt es plötzlich ganz anders. Auf der Pressekonferenz am Sonntag erklärt derselbe Sprecher in einem CNN-Gespräch, dass fünf Männer, zu denen auch der Sohn eines hochrangigen libyschen Polizisten gehöre, wegen der Vergewaltigung verhaftet worden seien. Iman al-Obaidi sei ein Opfer von Kriminellen geworden. Mit Politik habe die Angelegenheit nichts zu tun. Eine Behauptung, die nur wenige glauben.

Für die Rebellen ist sie schon zu diesem Zeitpunkt eine "Heldin der Revolution". Exil-Libyer berichten, dass die Menschen in Bengasi einen Tag nach dem Rixos-Vorfall Poster mit ihrem Foto durch die Straßen tragen. Und bei Facebook findet eine Unterstützungskampagne für sie an einem Tag 2000 Anhänger. Der oppositionelle Nationalrat veröffentlicht eine Erklärung, in der es heißt: "Die Behandlung von Frau Obaidi ist kriminell, barbarisch und ein unverzeihlicher Akt gegen ihre Würde, die Würde des libyschen Volkes und der ganzen Menschheit." Wer aber ist diese Frau, die als herausragendes Beispiel für die Menschenverachtung und Brutalität des Gaddafi-Regimes gilt?

"Eine Persönlichkeit, die sich nicht einschüchtern lässt"

Verschiedene britische, US- amerikanische und arabische Medien haben versucht, Genaueres zu Iman al-Obaidi herauszufinden. Doch selbst die Informationen, die von Familienangehörigen stammen, bieten wenig Verlässliches. Die junge Frau wurde demnach zwischen 1982 und 1985 geboren. Sie lebe in Tobruk, im Osten des Landes, und habe an der Universität in Az Zawiya Rechtswissenschaften studiert. Sie sei unverheiratet und habe keine Kinder. Eine Cousine berichtet am 27. März dem Sender AlAan TV Network, Iman al-Obaidi habe sieben Schwestern. Eine von ihnen, Aamaal, lebe in Tripolis und arbeite bei einer Behörde. Am Tag, als Iman überfallen worden sei, sei sie zu Besuch bei ihrer Schwester in Tripolis gewesen. "Iman", so sagt die Cousine, "ist eine sehr starke Persönlichkeit, die sich so schnell nicht einschüchtern lässt."

Gerade weil sie so stark sei, habe sie die Schwester in Tripolis besucht. Denn deren Mann und einer der Söhne seien kürzlich von Gaddafi-Truppen entführt und vielleicht sogar getötet worden. Iman al-Obaidi habe Trost gespendet und die Umstände des Verschwindens der Familienangehörigen notiert. Möglicherweise, so vermuten nicht nur in Deutschland lebende Exil-Libyer, haben die Polizisten Iman al-Obaidi genau deswegen am Checkpoint überfallen. Dann allerdings wäre es sehr wohl eine politische Angelegenheit.

"Eine beschämende Angelegenheit"

Dazu würde ein Anruf passen, der laut Washington Post" am Sonntag um drei Uhr morgens bei den Eltern der jungen Frau eingeht. Ein Regierungsvertreter hätte der Familie "ein neues Haus, eine Menge Geld und alles, was sie wolle" versprochen, wenn Iman al-Obaidi ihre Geschichte "korrigiere". Die Mutter habe daraufhin ihre Tochter kontaktiert, die das Angebot aber abgelehnt habe. Die "Washington Post" zitiert die Mutter mit den Worten: "Iman hat gesagt, lieber würde sie sterben, als ihre Aussage zu widerrufen."

Zu Wochenbeginn dann wird die Verwirrung im Fall Iman al-Obaidi perfekt. Eben jene Schwester, die Iman in Tripolis angeblich besuchte, tritt im libyschen Staatsfernsehen auf und erklärt, dass ihre Schwester geistesgestört sei. Der Regierungssprecher flankiert in einem Gespräch mit "Sky-News": Iman al-Obaidi sei inzwischen wieder bei ihrer Schwester. Allerdings werde sie "aus Respekt vor der Familie" keine Interviews geben. Das Ganze sei schließlich "eine beschämende Angelegenheit".