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Märchensammlung: Der Zauber des Orients

Ali Baba und die vierzig Räuber, Aladin und die Wunderlampe oder Die kleine Meerjungfrau - die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht kennt fast jeder, ihre Entstehungsgeschichte ist allerdings recht bizzar.

Sie ist wohl zwölfhundert Jahre alt und übertrifft an Spannung, Grauen und Erotik jede moderne Action-Serie. Die Geschichte von Tausendundeiner Nacht handelt von einem König in Samarkand, der von seiner ersten Frau mit einem schwarzen Diener betrogen wird. Aus Rachsucht heiratet er daraufhin jede Nacht eine schöne Jungfrau, um sie am Morgen danach umzubringen - bis die kluge Scheherezade auftritt. Mit spannenden Geschichten versteht sie ihren mordlüsternen Gemahl vom Abendmahl bis zur Morgendämmerung zu fesseln. So rettet sich die Wesirstochter über 1001 Nächte. Am Ende hat sie ihrem Gebieter nicht nur mehrere Kinder geboren, sondern als "Fortsetzung folgt"-Erzählerin Weltkarriere gemacht.

So einfach und genial die Rahmenhandlung erscheint

, so bizarr ist die Entstehungsgeschichte der Mär-chensammlung. Die wichtigsten Geschichten - Ali Baba und die vierzig Räuber, Aladin und die Wunderlampe, Sindbad der Seefahrer oder Die kleine Meerjungfrau - kennt jedes Kind, wenn auch nur als Disney-Film oder aus zensierten Ausgaben. Dennoch bietet selbst die entschärfte Fassung ein faszinierendes Sittengemälde des mittelalterlichen Orients. "Unvergleichlich ist diese Lebenswelt", schwärmte schon Hugo von Hofmannsthal, "die alles durcheinanderschlingt, alles zueinander bringt, den Kalifen zum armen Fischer, den Dämon zum Hökerweib, die Schönste der Schönen zum buckligen Bettler." Die sinnlichen Fantasien der Reichen wie die Sehnsüchte der einfachen Leute werden so freizügig thematisiert wie niemals mehr im Islam.

Tausendundeine Nacht wurde von Generation zu Generation neu erfunden. Den Grundstock bildet die aus dem Indischen ins Persische übertragene Märchensammlung "Tausend Nächte". Zu Zeiten Harun al-Raschids bekam sie ihr heutiges Gesicht, wurde neu geordnet und arabisiert. Später reicherten Syrer und Ägypter sie nochmals mit deftiger Poesie an und den Chorafa, den Lügengeschichten, die so bizarre Titel tragen wie "Der Liebhaber der Kuh" und "Vogelscheiße". Manche Übersetzer schmuggelten im 19. Jahrhundert eigene Kreationen hinein: "Wie Abu Hasan einen fahren ließ" steht nur bei dem Engländer Richard Burton, nicht im Original.

Die erste französische Übersetzung lieferte

Jean-Antoine Galland in den Jahren 1704 bis 1717. Motive und Metaphern aus Tausendundeiner Nacht aber kursieren schon seit der Renaissance im Abendland, in Boccaccios "Decamerone" wie in Shakespeares "Der Widerspenstigen Zähmung", in der Liebeslyrik der Troubadoure, in der Nibelungensage und im Parsifal. Selbst die Gebrüder Grimm übernahmen Aladin und Ali Baba in ihre deutschen Märchen.

Feministinnen haben Tausendundeine Nacht oft als Prototyp frauenfeindlicher Literatur gerügt. Andere sehen gerade die Scheherezade als äußerst starke Frauenfigur, die ihren Gatten mit Klugheit und Sinnlichkeit therapiert. Und manche Paschas waren damals recht keusch und zart besaitet. Beim heiß ersehnten Anblick der Geliebten fielen sie oft nur galant in Ohnmacht!

Swantje Strieder / print
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