HOME

Mail aus Mumbai: Bettlerkinder zu Elitestudenten

Schwester Isabell hat im Slum Achanak Colony viel bewegt: Mit einer Schneider-Kooperative hilft sie den Slum-Bewohnerinnen, dass ihre Familien wieder auf die Beine kommen. Aber auch für die Kinder des Slums hat die 82-jährige Nonne noch Pläne, die sie mit Energie und Kreativität verfolgt.

Von Swantje Strieder, Mumbai

Jedes Kind in der Achanak Colony, einem der vielen hundert Slums von Mumbai, kennt Schwester Isabel. Man braucht nur einen der kleinen Jungen, die gerade auf dem Schulweg sind, zu fragen und schon wird man durch die engen lichtlosen Gassen geführt. Die Wellblechhütten stehen hier so dicht an dicht, dass ihre Dächer beinahe aneinanderstoßen und selbst zwei spindeldürre Menschen kaum aneinander vorbeigehen können. Treppauf, treppab, an vielen offenen Türen mit vielen offenen Gesichtern und schattenhaften, winzigen Räumen vorbei, steigt man über schlecht verlegte Wasserleitungen und Bruchsteine, bis man zu einer schlichten Baracke ohne Namensschild kommt. Das Büro von Creative Handicraft, einer kleinen, aber feinen Schneider-Kooperative. Ein indisches Gütezeichen, das das Leben von über tausend Slumfamilien verändert hat.

Schwester Isabel mit ihren hennarot gefärbten Haaren sieht nicht aus wie eine Ordensschwester, sondern eher wie eine freundliche, aber resolute Geschäftsfrau - auf dem internationalen Fashion-Sektor. Klein und leicht vornüber gebeugt hockt sie am Computer, einem älteren Modell, und murmelt etwas von Auftragseingängen aus Paris und Madrid, sogar aus Deutschland, trotz Krise. "Ja, wie haben denn den kleinen japanischen Designerinnen, die gestern hier waren, unsere Modelle gefallen?", fragt die 82-jährige Nonne kokett ihre jungen indischen Mitarbeiterinnen im Sari.

Das Potenzial des Slums ausschöpfen

Ohne Zweifel, die Missionsschwester aus Salamanca in Spanien, der man trotz 53 Jahren in Indien noch immer ihren harten kastillischen Akzent im Englisch anhört, fühlt sich als Global Player des Herrn, um das Potenzial der indischen Slums zu entdecken und voll auszuschöpfen - zum Besten der Ärmsten der Armen. Als Managerin arbeitet sie auch stets gewinnorientiert, damit die Mitarbeiterinnen der Handwerkskooperative nach Fair Trade Preisen, also für indische Verhältnisse richtig anständig bezahlt werden.

Doch sie selbst arbeitet für Gotteslohn, streicht keinen einzigen Cent Gehalt und keinen Bonus am Jahresende für sich ein. Ihre Erfolgsprämie: Einen bitterarmen Slum in Mumbais Vorort Andheri East umgekrempelt und vielen Frauen, die mit ihren Familien am Verhungern waren, auf die Beine geholfen zu haben. "Die Frauen sind nämlich die Alleinverdienerinnen, die Männer sind fast alle arbeitlos und trinken nur", erklärt die Schwester resolut und deutet mit einer schnellen Geste das Gluckern der Schnapsflasche an. Sie kennt ihre Leute. Seit 23 Jahren lebt sie in diesem Blech- und Steinhüttenhaufen, die ersten zehn Jahre davon ohne fließend Wasser und Klo. Heute, sagt sie, sei die Achanak Colony ja schon fast ein Luxus-Slum, mit Wasser, Müllbeseitigung und bescheidener Infrastruktur.

Animateurin des großen Clubs der Armen

Trotzdem müsse jede Rupie Gewinn in die Infrastruktur gesteckt werden, sagt sie, in Krippen, Kinderbetreuung, Schulen, Gesundheit, Mikrokredite, Werkstätten und - ihr neustes Steckenpferd - ein Catering Service der Slum-Frauen für Mumbaier Büroangestellte. 25 Rupien, umgerechnet 40 Cent, kostet das viergängige indische Menü, per Rikscha frei Haus geliefert. Woman Empowerment heißt das indische Zauberwort. Die Frauen, die nie eine Chance hatten, lesen und schreiben, schneidern und gesund kochen zu lernen, sollen das Wichtigste beherrschen: sich selbst zu organisieren. Schwester Isabel versteht sich als Animateurin des großen Clubs der Armen.

Wenn es der guten Sache dient, modelt sie auch: "Schauen Sie sich meine wunderbare türkise Bluse an", sagt sie und befühlt den Stoff, deutet auf die feinen Nähte, "das haben alles die Frauen hier genäht. Ich zeige ihnen unsere Werkstätten." Als sie aufspringt, etwas zu heftig für ihre acht Jahrzehnte, versagen ihre Beine, sie gerät ins Wanken. Sofort springen zwei junge Inderinnen von ihren blechernen Bürostühlen auf und stützen sie. Schwester Isabel wehrt ab: "Alles okay, Mädels". Dann tippelt sie in ihrem dunkelblauen plissierten Faltenrock und Sandalen mir voraus durch den Slum, treppauf, treppab, dass ich kaum folgen kann. An der Krippe, am Kindergarten, an den Nähstuben und an der blitzblanken Catering-Küche vorbei.

"Platz ist unser größtes Problem"

Wir kommen in die Designabteilung, ein etwa 30 Quadratmeter großer Raum mit ein paar alten Hand-Nähmaschinen der Firma Singer Modell 1920, die in Indien immer noch gute Dienste tun. Auf dem Fußboden ein buntes Meer. Da sitzen etwa dreißig Handnäherinnen in ihren farbigen Saris eng auf eng. "Platz ist unser größtes Problem", sagt Schwester Isabel. Auch die Wände sind voll: Regale voller mit Strass und Perlen bestickten Handtaschen und Garderobenständer mit bunten Sommerkleidern, Blusen, Hemden, Jacken und Kinderkleidung. Schwester Isabel zeigt auf ein lila Kleid im Vintage-Stil: "Diehat ein bekannter spanischer Designer, der jedes Jahr für ein paar Tage zu uns kommt, kreiert."

Als wir aus dem vollen Raum wieder ins Sonnenlicht treten, kommt eine Gruppe zehn- bis zwölfjähriger Jungen und Mädchen angelaufen und umringt die Schwester. Sie haben ihr Glückwunschkärtchen zu Diwali, dem Hindu-Fest der Lichter gemalt und erzählen ihr stolz von ihren Schulnoten. "Das sind meine Bettlerkinder", sagt die Missionsschwester stolz. Bettlerkinder? Wer kennt nicht die vielen armseligen, verlausten kleinen Gestalten, die die Hand aufhaltend an Mumbais Ampeln hocken! Diese munteren, intelligent dreinblickenden Schüler hier in sauberer Kleidung, haben die auch mal so auf dem dreckigen Pflaster der Megastadt gelebt? Bettlerkinder?

Vom Bettlerkind zum Elitestudenten

Das war gestern. Zwar hocken Mama und Papa immer noch am Bordstein und verkaufen Kämme und Haarreifen oder betteln, aber ihre Kinder können lesen und schreiben. "Sie erziehen inzwischen ihre Eltern", verrät die Nonne. Und man glaubt es ihr gerne, wenn Schwester Isabel, die selber einem großen franziskanischen Bettelorden in Asien angehört, sagt: "Meine Bettlerkinder werden Elitestudenten!" Die erste Generation geht bereits aufs College.