HOME

Mail aus Mumbai: Der Mann als Stockfisch

Dezember ist in Indien der Monat der Hochzeiten. Und diese sind eine pompöse Angelegenheit, zumindest für die Gäste. Die Pärchen haben meist Stress und wenn sie dann endlich alleine sind, müssen sie sich erstmal kennenlernen, denn auch Ehen moderner Inder sind meist arrangiert.

Von Swantje Strieder, Mumbai

Nun heiraten sie wieder, im indischen Wonnemonat Dezember ist Hochsaison für Hochzeiten bis Ende März, wenn die heiße Zeit beginnt. Und ich bin zu einer eingeladen und weiß nicht genau, wo. "Madam, wenn Sie mitten im dicksten Verkehr von Mumbai ein weißes Pferd mit silbernen Zaumzeug und festlicher Satteldecke sehen, dann sind Sie richtig," rät Isra, mein ständiger Taxifahrer, "genau da findet die Hochzeit statt!"

Mit Pauken und Trompeten

Und wirklich, an der Kreuzung zwischen stinkenden Lastern, hupenden SUVs, knatterden Rikschas, fliegenden Händlern und Bettlern steht so ein armer Schimmel und legt die Ohren an. Zehn bis zwanzig mal am Tag muss das Ross die manchmal bereits in jungen Jahren übergewichtigen Bräutigame beschwingten Schritts zum Hochzeitszelt, Hotel oder Heiratspavillon gleich nebenan tragen, begleitet von einer traditionellen Band, die vor allem eins kann: mit Trommeln, Trompeten und Fanfarenstößen den Verkehrslärm der 19-Millionenstadt zu übertönen. Die Junggesellen-Freunde geleiten den Bräutigam johlend bis an die Festtür, wo der Arme absitzen darf. Da warten dann bereits hunderte, manchmal tausende liebe Verwandte, Freunde und Geschäftsfreunde.

Nicht zu vergessen, die Braut im schimmernden roten Prachtsari mit Schleier und geschätzt zwei Pfund Gold und Juwelen auf dem Haupt, die Hände bis zu den Fingerspitzen dekorativ mit Henna bemalt und an den Handgelenken Dutzende von Goldreifen, die bei jeder Bewegung nervös klingeln. Denn dies ist nicht allein ihr Tag, sondern die bis ins finanzielle Detail ausgehandelte Allianz zwischen zwei Familien. Möglichst aus der gleichen Kaste.

Migräne zur Hochzeitsnacht

Eine indische Hochzeit ist ein Spektakel wie Tausend und eine Nacht - besonders für die Gäste. Abend für Abend verwandeln sich die Terrassen und Ballsäle von Mumbais Luxushotels in ein Meer von bunten, seidenraschelnden Saris und weißgoldenen Kurtas, den Tunikas der Männer. Blumen-, Sari- und Juwelenhändler haben Hochkonjunktur, Hindupriester und Hochzeitsmanager sind ausgebucht. Die Regie ist bis zur Farbe der Blumengirlanden des Hochzeitsbaldachins, unter dem das Jubelpaar sich ewige Treue schwört, genau festgelegt.

Braut und Bräutigam müssen während der ganzen langatmigen Zeremonie fasten, während die Gäste sich an leckeren indischen Buffets vollstopfen. Der schönste Tag im Leben ist auch oft der längste, manche Society-Hochzeit dauert eine ganze Woche. Und wenn es dann endlich im Haus der Schwiegereltern "zur Sache, Schätzchen," kommt, ist sie oft müde und überreizt und er dem Nervenzusammenbruch nahe. So steht es jedenfalls in den Leserbriefen der indischen "Cosmopolitan".

"Mein Mann liebt nur seine Mama"

Braut sein ist ein schwerer Job, denn voreheliche Beziehungen, nicht einmal Knutschen, pfui Teufel, sind im klassischen indischen Drehbuch vorgesehen. Deshalb hat die Frauenzeitung "Cosmopolitan" ihr ganzes Septemberheft dem schönsten Tag im Leben gewidmet, mit guten Tipps wie: "Hilfe, Pickel am Hochzeitstag", "Was tun, wenn er keine Lust hat", "Ich habe Angst, im Bett zu versagen", "Klassischer roter Sari? Wie ziehe ich mich als Braut sexier an?", "Luxus-Heirat, aber Low Budget", "Mein Mann liebt nur seine Mama", "Wenn er ein Stockfisch ist", "Diamantenring oder Honeymoon in Goa?" Und schließlich die Gretchenfrage: "Was tun, wenn Sie merken, dass er nicht der Richtige ist?" Die Notbremse ziehen, wie das flotte Hochglanzmagazin rät?

Dienerin der Schwiegereltern

Den Luxus der Run-away-bride leistet sich wohl höchstens die kleine Minderheit der Frauen, die reich, stark und gebildet ist, um notfalls als single in der Männerwelt zu bestehen. Wie meine Freundin Neha, die kleine Ladenbesitzerin im Punklook. Ihr Vater hat es, glaube ich, aufgegeben, sie an den Mann zu bringen, während die übergroße Mehrheit der Eltern, auch Akademiker, heute noch völlig selbstverständlich die Ehen ihrer Kinder arrangieren. Gesucht wird eine sie mit hellem Teint, Uni-Abschluss und Vermögen an der Hacke, ein er mit gutem Einkommen und Karrierechancen. Kaste kein Hinderungsgrund, heißt es in den Anoncen, ergo: die Kaste zählt doppelt. Auch die Progressiven, die sich im Internet zusammengechattet haben, würden sich niemals das Ja-Wort gegen den Willen der Eltern geben.

Der Katzenjammer danach ist für die junge Frau vorprogrammiert! Auch in einer kosmopolitischen Stadt wie Mumbai zieht die junge Frau in die Zwei-Zimmerwohnung seiner Eltern ein und hat fortan die Schwiegerfamilie von morgens um sieben bis abends um elf zu bedienen- und nebenbei natürlich noch ihren Job zu schmeißen. "Ich habe so geweint, als meine eigene Tochter heiratete", sagt Dhiraj Shah, 55, ein guter Bekannter, "denn nun ist sie die Dienerin der Schwiegermutter. Aber ich bin stolz auf sie, denn sie macht das toll."

Der selbstgemachte Frauenschwund

Und doch ist das Stadtleben für Frauen ein Zuckerschlecken verglichen mit den Szenen, die sich auf dem Land abspielen. Dort ist "girl" immer noch ein "Four-Letter-Word": Mädchen unerwünscht! Mit dem Erfolg, dass in Nordindien junge heiratsfähige Frauen inzwischen Mangelware sind dank einer hässlichen Nebenwirkung des medizinischen Fortschritts. Seit es nämlich Ultraschall und Amniozentese, Fruchtwasseruntersuchungen gibt, haben die Schwangeren auf Druck ihrer Männer so viele weibliche Embryonen abgetrieben, dass es heute, 20 bis 30 Jahre später, in vielen Gegenden keine Bräute mehr gibt. Frauenalarm! "438 Mädchen auf 1000 Jungen," schrieb die Tageszeitung "Hindustan Times" besorgt, "wo sind all die girls hin?"

Das Schlimmste ist, dass sich die Bauern im Pundschab oder Haryana Busladungen von Frauen aus den viel ärmeren Bundesstaaten Bihar und Orissa kaufen -und sie wie Sklavinnen behandeln. "Ich wurde von einem Mittelsmann für 3000 Rupien, etwa 50 Euro, gekauft," sagt Anwari, 35, die an einen 20 Jahre älteren, ziemlich hässlichen Bauern verhökert wurde, "arme Frauen wie ich haben da nichts mitzureden." Heute sorgt sie sich, dass sie bald für ihre Söhne Bräute kaufen muss. Das indische Familienministerium hat jetzt Prämien vorgeschlagen, um kleine Mädchen wieder zu etwas Kostbarem zu machen, das sie doch sind. Für die Einhaltung von Impfterminen als Säuglinge und für den Schulbesuch, der auf dem Lande erbärmlich niedrig ist, soll es weibliche Kopfprämien geben. Und wenn das Mädchen erst mit 18 verheiratet wird, soll es sogar eine kleine Mitgift vom ansonsten wenig väterlichen Staat geben.

Erfolgreiches Arrangement

Ich bin gerade noch rechtzeitig auf der Hochzeit von Hema und Cheetah Shah in Mumbai gelandet, ihr Onkel Dhiraj hatte mich eingeladen. Das Paar ist 26 und 28 Jahre alt, sie hübsche Computerfachfrau und er Bankangestellter, Typ Riesenbaby und die Ehe ist arrangiert. Die beiden kennen sich also kaum. Gerade ist die schöne alte Hindu-Zeremonie Supta Padi, wo die Brautleute sieben Mal ein echtes Feuer umrunden, vorbei. Jetzt umarmen sich die Schwiegermütter und tauschen Geschenke, teure Saris oder so etwas, aus. Da sehe ich, wie sich das Pärchen so innig anblickt, dass ihm die Brille leicht beschlägt. Auch Onkel Dhiraj neben mir ist gerührt: "Sie werden sich wunderbar miteinander arrangieren!"

Themen in diesem Artikel
  • Swantje Strieder