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Mail aus Mumbai: Gefährlicher Wohnen

Ein Haus zu bauen ist in Indien etwas ganz anderes als in Europa: Die Baugerüste aus Bambus bieten den Bauarbeitern kaum Standfläche, tödliche Abstürze sind keine Seltenheit. Aber auch die Hausbewohner leben gefährlich in einer Stadt, in der der Pfusch Methode hat.

Von Swantje Strieder

"Ich hatte einen normalen Nachtdienst in der Klinik", sagt Dr. Fauzan Syed bitter. "Als ich früh morgens nach Hause kam, waren zwei meiner Brüder, meine Schwägerin und die zwei Kinder tot." Wohl nur durch die Nachtschicht überlebte der Arzt den Kollaps des sechsstöckigen Syed-Hauses, das vergangene Woche völlig unerwartet um fünf Uhr morgens zusammenbrach und dabei sechs seiner Familienmitglieder begrub. Der Bau in der Mumbaier City, genannt das Ärzte-Haus war schwer renovierungsbedürftig, aber wohl nicht einsturzgefährdet. Farhan, ein weiterer Syed-Bruder war untröstlich, als er mithalf, seinen achtjährigen Neffen Umar tot aus den Trümmern zu bergen.

"Alles Schuld der Stadtverwaltung! Wie konnten die erlauben, dass ein 22-stöckiges Hochhaus direkt neben unserem Altbau errichtet wird!", sagt Farhan Syed. "Die schweren Baumaschinen lassen auch die anderen Nachbarhäuser erzittern", stimmt Agshar, der Süßigkeitenhändler von nebenan zu. "Seit vier Jahren geht hier das ständige Gehämmere und Gedröhn der Preßluftbohrer! Das hat die Statik des Syed-Hauses wohl auf Dauer nicht ausgehalten."

Gefährliches Wohnen. Das Syed-Haus sei nur eines von 2750 Gebäuden, die wegen Erschütterungen von außen oder Verwahrlosung von innen in den letzten vier Jahrzehnten zusammengebrochen sind und insgesamt über 700 Menschen unter sich begruben, so Tanaji Satre, Experte der Stadtverwaltung. Das Problem: Mumbais Bausubstanz ist schön, aber alt und verkommen. Etwa dreiviertel der Gebäude stammen noch aus der englischen Kolonialzeit, als Mumbai noch Bombay hieß.

"Die Verwitterung durch das tropisch feuchte Meeresklima, die Wasserschäden durch die extreme Regenzeit sowie die Weigerung vieler Hausbesitzer, rechtzeitig zu sanieren, sind der Hauptgrund für den tragischen Verfall", heißt es im "Mumbai Mirror". Doch auch bei Neubauten hat der Pfusch oft Methode, in der Monsunzeit regnet es durch, laufen kleine Wasserfälle auch durch die frisch renovierten Wohnstuben, in der Trockenzeit staubt und bröckelt es, brechen Risse in den Mauern auf. Martin H., ein deutscher Banker, saß Tee trinkend auf dem Sofa in seinem Luxusapartment in Malabar Hills, als direkt neben ihm riesige Gipsplatten von der Decke brachen, durch die er nun die Dachinstallation und ein Stück Himmel bewundern kann. "Die Feuchtigkeit vom Meer", entschuldigte sich der Hausbesitzer, repariert hat er den Schaden auch nach Monaten nicht.

Bauen ist lebensgefährlich - für die Arbeiter. Dabei fängt alles so harmlos an. Vergangenen Oktober lagerten plötzlich bündelweise Bambusstangen im Hof unseres Nachbarhauses. Ein halbes Dutzend spindeldürrer junger Männer in Schurz und Shorts errichtete im Handumdrehen aus den Bambusstangen und Kokosfaserseilen ein filigranes Baugerüst bis hoch zum 7. Stock. Soweit, so kunstvoll. Dann begannen die halbnackten Männer, das Gerüst zu entern und mit nichts als kleinen Hämmern die Fassade abzuschlagen. Tack, tack, tack, von früh morgens bis mindestens acht Uhr abends fast ohne Pause. Schutzhelme, Sicherheitsgurte oder gar Mundschutz habe ich nie gesehen. Eine Plane gegen den Staub auch nicht.

Dafür balancierten unten im Hof die Bauarbeiterinnen die Körbe voller Mörtel auf dem Kopf zum Schutthaufen, die tiefschwarzen langen Haare und die knallbunten Saris weiß vor Staub. Daneben saßen dann ihre kleinen, ebenfalls grauweiß gepuderten Kinder im Dreck und spielten mit Kieseln. Eine Schule können sich ihre Eltern, meist nordindische Wanderarbeiter ohne legale Papiere, nicht leisten. Ein Bauarbeiter verdient nicht mehr als drei bis vier Euro - nicht etwa pro Stunde, sondern pro Arbeitstag, der oft zwölf Stunden hat. Die Frau am Bau verdient für den gleichen Knochenjob nur 100 Rupien, nur rund 1,70 Euro pro Tag. Wenn sie ein Esel, also ein Lastentragtier wäre, so die Tageszeitung "Hindustan Times", bekäme sie immerhin den anderthalbfachen Lohn: 2,50 Euro am Tag. Zu wenig zum Leben, vor allem, um die teuren Mieten der Megastadt Mumbai zu bezahlen. Deshalb arbeiten, campieren und kochen die Tagelöhnerfamilien oft über Monate, sogar Jahre auf der Baustelle und verzögern die Fertigstellung, solange es geht: Zeit ist Geld, heißt es in Europa, Zeit ist freie Logis in Indien.

Schlimm wird es, wenn der große Regen kommt. Sobald die ersten Güsse vom Himmel rauschen, sollte der Bau vollendet sein, sonst rächt sich die billige Naturmethode. Wir konnten im Juni zusehen, wie Wind und Regen gegen Nachbars Hausmauer peitschten und das schlecht befestigte Bambusgerüst jeden Tag etwas schiefer hing, wie die Kokosfaserseile rissen und sich auflösten oder vom Wind auf unsere Terrasse geweht wurden. Schließlich sackte das ganze Gerüst ein, aber zum Glück wurde dabei niemand verletzt.

Nicht immer geht es so glimpflich ab. Mir wurde schlecht, als ich im Penthouse von Freunden im 29. Stock plötzlich auf Augenhöhe mit einem Maler stand, der barfuß auf dem Außengerüst balancierte, sich mit der linken Hand an die dünnen Bambusstangen klammerte, einen Farbeimer untergehakt hatte und mit der rechten den Pinsel eintauchte und die Farbe so gut es ging, an die Wand schleuderte. Solche gefährlichen Nummern wären in jedem Zirkuszelt der Welt verboten, in Indien sind sie alltäglich.

Eine andere Freundin mußte aus ihrem Apartment im 19. Stock mehrfach herzzerreißende Szenen mit ansehen, wie etwa, als beim Bau des Nachbarhochhauses in der Innenstadt Arbeiter das Gleichgewicht auf den schmalen Bambusstangen verloren und abstürzten. 15 Menschenleben kostete der Neubau. 15 Mal hielt der Hindupriester eine kleine Puja, eine Totenzeremonie, ab. 15 Mal ging der Bau ohne größere Unterbrechung weiter. Offenbar hatte die städtische Bauaufsicht keine Sicherheitsbedenken. Und die Witwen? Was passiert mit der Familie des Verunglückten? Israr, mein ständiger Taxifahrer, hat das traurige Ende oft genug in seiner Verwandtschaft erlebt. Die Witwe bekommt eine lächerliche Entschädigung von etwa 500 bis 1000 Euro in die Hand gedrückt und wird mit ihren weinenden Kindern davongejagt. So sieht das indische Wirtschaftswunder auch aus.