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Menschen in Libyen: Aus dem Leben eines Rebellen

Fouad Ali war ein Anhänger von Gaddafi. Bis der auf sein eigenes Volk schießen ließ. Jetzt gehört Fouad Ali zu den Rebellen. Seine Sorge gilt seiner Familie in Tripolis.

Von Manuela Pfohl

Die Lage in Tripolis macht Fouad Ali Tekbali Sorgen. Noch am Montag schien es, als ob sie einen schnellen Sieg in der Hauptstadt feiern könnten. Die Rebellen hatten den Regierungskomplex Bab Asasija gestürmt, auf den Straßen mischten sich die Freudenschüsse der Aufständischen mit den lauten Jubelrufen der Frauen. Gaddafi ist erledigt, meldeten die Männer ihren Familien stolz übers Telefon. Und Fouad Ali hatte in seinem winzigen Büro der "Freiheitsbewegung Tripolis" gesessen und gedacht, nun wird alles gut.

Doch nun, am Ende dieser historischen Woche, in der sie Gaddafis Regime beendet haben, wird noch immer gekämpft, einige Männer seiner Gruppe sind verletzt worden, es gibt Dutzende Tote. Leichen liegen auf den Straßen, und Fouad Ali fürchtet die Heckenschützen, die sich einen Dreck um Zivilisten scheren. Gaddafis Residenz liegt seit dem Angriff vom Dienstag in Schutt und Asche. Doch noch haben Gaddafis Leute nicht aufgegeben, im Viertel rund um Bab Asasija tobt der Krieg. Und Gaddafi hat noch am Donnerstag in einer Botschaft die Frauen und Kinder der Stadt aufgefordert, Tripolis in der Schlacht gegen die Rebellen zu verteidigen.

Fouad Ali macht sich Sorgen

Fouad Ali, 37 Jahre alt, engagiert sich bei den Rebellen. Sein Kopf brummt. Seit Tagen ist er nicht mehr zum Schlafen gekommen. Ein Anruf jagt den nächsten, ein Treffen das andere. Vormarsch, Rückzug, Warten. Angst vor Gaddafis Spitzeln. Für den Libyer und seine Freunde ging es um alles. Um Tripolis und die Freiheit Libyens, die sie nun endlich erreichen wollten. Immer wieder haben die Rebellen ihre Chancen ausgelotet, Verbündete gesucht, heimlich mit den Clanchefs in den anderen Landesteilen verhandelt, die sie unterstützen sollten, dann haben sie es gewagt - und gewonnen.

Weite Teile der libyschen Hauptstadt sind in den Händen der Aufständischen. Doch Fouad Ali hat eine innere Unruhe gepackt. Er fürchtet, dass seiner Schwester und ihrer Familie, dem Vater und auch den Nachbarn am Ende doch noch etwas zustößt. Die Tekbalis wohnen nur knapp fünf Minuten von Gaddafis schwer umkämpfter Residenz entfernt.

Fußballspielen mit Gaddafis Sohn Saadi

Nie hätte Fouad Ali gedacht, dass er sich einmal aktiv an einer Revolution beteiligen würde. Er, ein Handwerker, der sich um Politik früher so wenig scherte. "Libyen und das System boten in meinen Augen viele Vorteile für die Familie und das Leben meiner Kinder", sagt er. "Es war der sicherste Ort, ein Leben, etwas ursprünglicher, natürlicher und familiärer, war hier möglich. Ohne starre Regeln. Berühr das Regime nicht und du kannst machen was du willst - so war das."

Die Tekbalis, die schon seit Generationen in Tripolis leben, gehören dort zu den angesehenen Familien. Ihre Bäckereien sind weithin bekannt. Immer wieder wurde Fouad Alis Vater, Sheikh Ali Tekbali, in schwierigen Lebenslagen von den Menschen um Rat gebeten. Auch Gaddafi selbst begegnete dem 87-jährigen Sheikh mit einigem Respekt.

Eine goldene Rolex für den Sheikh

Stolz hatte der Alte seinen Kindern und Enkeln immer wieder erzählt, wie es damals war, als er zu den wenigen gehörte, die wussten, dass der junge Gaddafi und ein paar Offiziere einen Putsch planten. Noch im vergangenen Jahr hatte ihm Gaddafi als Zeichen der Ehre eine goldene Rolex geschenkt. Mit eingraviertem Konterfei. Heute sitzt der alte Mann da und fragt seinen Sohn, warum die Welt so aus den Fugen ist. Fouad Ali weiß nicht, was er antworten soll.

Früher hatte es nie Ärger mit dem Präsidenten und seinen Söhnen gegeben, die ganz in der Nähe wohnen, ebenso wie die Schwester von Gaddafis Frau und zwei seiner Minister. Bei Feierlichkeiten lud man sich ein, und auch bei Beerdigungen trafen sich die Familien. Gaddafis Sohn Saadi kickte oft mit Fouad Ali und den anderen Männern im Viertel. Es war ein Alltag - und Fouad Ali hatte sich mit dem Regime arrangiert.

Schluss mit Loyalität

Dass er zu Beginn der Proteste im Februar noch hinter Gaddafi stand, kommt Fouad Ali heute fast schon unwirklich vor. Ihre Wege trennten sich abrupt, als der "große Revolutionsführer" bereits in der ersten Woche der Proteste Kampfflugzeuge gegen die Revolutionäre einsetzte. In Tripolis gingen die Menschen auf die Straße und wurden regelrecht "abgeschlachtet", so Fouad Ali. Für ihn sei damit eine moralische Grenze überschritten worden, die keine Loyalität mehr zuließ. Ende Februar war das. Er ging auf die Straße, organisierte sich und mit ihm Anwälte, Studenten, Ärzte, einfache Arbeiter. Die Gruppe "Freiheitsbewegung Tripolis" wurde gegründet.

Wenig später kamen die ersten Gegenschläge der Nato. Im April brachte Fouad Ali seine Frau und die drei kleinen Kinder ins sichere Nachbarland Tunesien. Er selbst ist seitdem ständig mit seiner Rebellengruppe unterwegs, auch, um Hilfe für die Familien der Aufständischen zu organisieren, die auf der Flucht sind. Oft bleiben seiner Frau Meike nur ein paar Stunden, dann muss er wieder los. Über die 33-Jährige, die die materielle Unterstützung für die Bedürftigen managt, läuft auch der Kontakt von stern.de zu Fouad Ali.

Sein Vater, der Sheikh, allerdings und die anderen Frauen und Kinder der Familie blieben damals in Tripolis. "Weil der Großvater zu stolz war zu fliehen, weil sie die Heimat nicht einfach so verlassen wollten, weil die Tiere ja schließlich versorgt werden müssen und weil sie dachten, Gaddafi würde nicht bis zum bitteren Ende kämpfen und alles aufs Spiel setzen."

Tripolis rückt im Ramadan zusammen

Nun machen die Bilder der Zerstörung des Landes, die immer neuen wirren Durchhalteparolen und die Uneinsichtigkeit Gaddafis Fouad Ali ratlos und wütend zugleich. Merkt der Mann nicht, dass er gegen sein eigenes Volk kämpft, fragt er. Die Schulen sind geschlossen, die Krankenhäuser in Tripolis haben kaum noch Material, um die Verwundeten zu behandeln. Zwar haben die Rebellen über ihr Büro immer wieder kleinere Ladungen mit Hilfsgütern in die Hauptstadt gebracht. Auch am Wochenende, als Fouad Ali unterwegs war. Doch es reicht nicht.

"Schlimm, dass es kaum noch Strom gibt, so dass Klimaanlagen und Kühlschränke ausgefallen sind." Seine Schwester hat geschimpft. Denn sie hat nun keine Vorräte mehr, alles ist verdorben. Wovon soll sie die Kinder ernähren. Es gibt ja kaum noch etwas. Viele der kleinen Läden im Viertel sind inzwischen ruiniert. Und im großen Supermarkt nebenan, in dem man sonst alles bekam, stehen die Kunden vor leeren Regalen. Oder aber es ist mittlerweile so teuer, dass es kaum noch jemand bezahlen kann. "Ein kleines Paket schwarzer Tee kostet an die 20 Dinar, also mehr als elf Euro. Die Dosenmilch für die Babys fünf Dinar oder mehr", hat Fouad Alis Schwester kopfschüttelnd erzählt. Ein Problem, denn es gibt kaum noch eine Chance, an Geld zu kommen, seit die Banken geschlossen sind. Und doch: "Die Menschen, die nicht aus der Stadt raus können, helfen einander aus."

"Die Libyer werden sehr unterschätzt"

Wenn nur der zähe Kampf der Regierungstreuen nicht wäre, der alles so sinnlos hinauszögert. Gaddafi muss so oder so gehen. "Wir anderen werden uns arrangieren, auch wenn manch einem in diesen Tagen noch der klare Kopf dafür fehlt." Auch Fouad Ali ist oft unschlüssig: "So sehr ich mich freue, so sehr bedrückt mich das alles. Es wäre einfach nicht nötig gewesen. Gaddafi hätte damals hoch erhobenen Hauptes abtreten können. Er wäre in die Geschichte eingegangen, wegen vieler guter Sachen. Jetzt nicht mehr", meint er.

Der Rebell wider Willen fragt sich inzwischen eher, wie lange sein Land die Ungewissheiten noch aushalten kann und wie die Zukunft aussehen soll. "Die Traditionen halte ich durchaus für wichtig, man muss nur die Mitte finden und das Neue mit dem Alten vereinen können. Das erfordert etwas Fingerspitzengefühl, ist aber möglich", ist er überzeugt. Gerade für diejenigen, die in den abgeschiedenen Landesteilen leben und sehr traditionell sind, sei das wichtig. Alles brauche seinen festen Platz. "Ich glaube, dass die Libyer sehr unterschätzt werden." Ein Fehler. "Man sieht ja, dass die Leute gut organisiert sind und auch ohne die Hilfe des Westens viel erreicht haben." Über 75 Prozent der Menschen, sagt er, sind unter 35 Jahre alt, viele sprechen Englisch, sind gebildet, die wissen, was sie wollen. "Und darum werden wir das schaffen."

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