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Militäroperation "Muschtarak": Offensive in Afghanistan fordert zivile Opfer

Seit Samstagmorgen rücken in Südafghanistan tausende Soldaten der internationalen und afghanischen Truppen gegen Taliban-Hochburgen vor.

Die Militäroffensive gegen die Taliban sollte anders werden als die anderen vor ihr. Mardscha war die größte Stadt in der Hand der Taliban und damit das erste Ziel der am Samstag gestarteten Offensive in der Provinz Helmand. Die "Muschtarak" (Gemeinsam) genannte Operation kommt weitaus mehr Bedeutung zu als einer reinen Militäraktion. Geht es nach dem Willen der Staatengemeinschaft, soll die Offensive den Auftakt für eine Wende zum Guten in Afghanistan bilden. "Wir werden Mardscha den Taliban wegnehmen." Das könne "zu einer grundlegenden Veränderung in Helmand führen" und möglicherweise in ganz Afghanistan", sagte US-Brigadegeneral Lawrence Nicholson. Die Nato will unmittelbar nach den Kämpfen eine Stadtregierung einsetzen und so schnell wie möglich den zivilen Aufbau unterstützen.

Voraussetzung für das Gelingen: keine Opfer in der Zivilbevölkerung. Dazu hatte afghanische Präsident Hamid Karsai ausdrücklich aufgerufen. Kommandeur Stanley McChrystal hatte seine Soldaten schon vor Monaten auf einen neuen Kurs eingeschworen: Priorität hat demnach der Schutz der Bevölkerung, nicht das Töten von Taliban.

Dieser Teil von "Muschtarak" wurde nun nicht erreicht. Isaf-Soldaten haben mindestens zwölf Zivilisten getötet, teilte die Internationale Schutztruppe am Sonntag mit. Zwei Raketen hätten ihr Ziel verfehlt und zwölf Unbeteiligte getötet. McChrystal habe sich dafür beim afghanischen Präsidenten Hamid Karsai entschuldigt.

Zivile Opfer haben dem Image der ausländischen Truppen in der Bevölkerung in den vergangenen Jahren immer wieder schwer geschadet. Um sie zu vermeiden wurde die Offensive erstmals Tage vorher angekündigt. Isaf und afghanische Regierung nahmen in Kauf, das Überraschungsmoment zu vergeben. Ihr Ziel: Mitläufer der Taliban sollten dazu bewogen werden, nicht zu kämpfen, und Zivilisten sollten vorgewarnt werden. Vor der Operation warf die Isaf Flugblätter über der Region ab, in denen die Bevölkerung aufgefordert wurde, Taliban kein Obdach zu gewähren und sich von Stellungen der Aufständischen fernzuhalten.

Militärisch gesehen herrscht Zufriedenheit

Militärisch zeigten sich die Koalitionstruppen unter Führung der USA mit den ersten Ergebnissen der Großoffensive zufrieden. Der britische Militärsprecher Generalmajor Gordon Messenger sagte in London, die Hauptziele wie die Sicherung von Brücken und Straßen seien erreicht. Es habe nur "minimale Störungen" durch die Taliban gegeben. Die Taliban seien unfähig zu einer koordinierten Gegenwehr. Es sei nur zu "sporadischen Gefechten" gekommen, sagte Messenger. Bis die Truppen die Stadt aber völlig unter Kontrolle haben, kann es noch einige Wochen dauern, wie Brigadegeneral Larry Nicholson von der US-Marine-Infanterie am Sonntag sagte. Größere Gefechte in der ehemaligen Taliban-Hochburg erwarte er aber nicht.

US-Marine-Infanteristen und afghanische Soldaten gingen am Sonntag in Mardscha von Haus zu Haus und räumten Sprengfallen. Vereinzelt kam es auch noch wie erwartet zu Schusswechseln mit militanten Islamisten, die sich weiter in der 80.000 Einwohner zählenden Stadt verschanzt haben. Ein Heckenschütze zwang auch Nicholson in Deckung zu gehen. So werde das wohl noch einige Zeit weitergehen, sagte der General, der im Norden von Mardscha unterwegs war. Es werde immer mal wieder zu sporadischen Gefechten mit kleinen Gruppen sehr mobiler Kämpfer kommen. Die Soldaten stellten mehrere Sprengstofflager sicher und stießen auf Stellungen von Heckenschützen, die offenbar erst vor kurzer Zeit geräumt wurden. Bei dem Angriff wurden nach Angaben der afghanischen Behörden mindestens 27 Aufständische getötet. Drei Soldaten der Nato-Truppen fielen in den Gefechten.

Die Truppen trafen mit mehr als 30 Transporthubschraubern vor dem Morgengrauen in Mardscha ein. Gleichzeitig stießen amerikanische, britische und afghanische Einheiten in den nördlich von Mardscha gelegenen Bezirk Nad Ali vor. An der Offensive nehmen insgesamt 15.000 Soldaten teil. In Washington ließ sich US-Präsident Barack Obama kontinuierlich über den Stand der Offensive im Süden Afghanistans unterrichten lassen. Der Präsident werde laufend über Einzelheiten des Einsatzes informiert, sagte Regierungssprecher Tommy Vietor.

Am Sonntag waren Gespräche mit dem Nationalen Sicherheitsberater Jim Jones, Verteidigungsminister Robert Gates und Nato-Kommandeur Stanley McChrystal geplant. US-Präsident Barack Obama hatte für dieses Jahr eine massive Eskalation des seit Ende 2001 andauernden Krieges angekündigt und rund 30.000 zusätzliche Soldaten in Marsch gesetzt, um die wieder erstarkten Taliban zu besiegen.

DPA/APN / DPA