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Missbrauchsopfer: Internationale Kriminalfälle

Gefangen in Kisten und Kellern, gequält, gedemütigt, missbraucht.

Von Helen Bömelburg

"Helfen Sie uns. Gehen Sie zur Polizei." Dieser gekritzelte Hilferuf, einer Nachbarin hastig zugesteckt, beendete im Juni 2004 die Gefangenschaft zweier junger Russinnen. Dreieinhalb Jahre lang waren die Teenager Katja und Lena von dem Fabrikarbeiter Wiktor Mochow, heute 56, im Keller seines Hauses in Skopin bei Moskau eingesperrt gewesen: zehn Quadratmeter, ein Doppelbett, Pornoposter an den Wänden. Die Mädchen wurden regelmäßig vergewaltigt, Lena bekam zwei Kinder von Mochow, die er vor fremden Haustüren aussetzte. Solche Fälle weggesperrter Kinder gibt es weltweit immer wieder. Manchmal schaffen die Eltern selbst ihr Kind beiseite, weil sie es für Ehe- und andere Probleme verantwortlich machen. So vegetierte die achtjährige Lauren aus dem texanischen Hutchins vier Jahre lang in einem Einbauschrank. Das Mädchen wog bei seiner Befreiung im Jahr 2001 nur noch 12,5 Kilo und war mit Kot, Müll und Läusen übersät. In den meisten Fällen jedoch treibt die Täter die Lust, einen Menschen zu unterwerfen und sexuell zu missbrauchen.

Im südafrikanischen Durban wurde 2007 ein Junge befreit, der 13 Jahre in einem abgedunkelten Zimmer gefangen war. Ein ähnliches Schicksal hat eine 27-Jährige aus Budapest erlitten, deren Vater sie jahrelang einschloss und vergewaltigte. 1977 entführte Cameron Hooker die 20-jährige Anhalterin Colleen Stan. Er und seine Frau Janice machten sie zur Sklavin, die ihnen sieben Jahre lang die bizarrsten sexuellen Wünsche erfüllen und bis zur Erschöpfung für sie arbeiten musste.

Die Österreicherin Natascha Kampusch war zehn Jahre alt, als sie im März 1998 auf dem Schulweg entführt wurde. Ihr Peiniger, der Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil, sperrte sie in ein knapp zwei mal drei Meter großes Verlies, das er unter der Garage seines Hauses eigenhändig gegraben hatte. Priklopil verlangte von Natascha, ihn "Gebieter" zu nennen, und schüchterte sie ein: Das ganze Haus sei mit Sprengsätzen vermint. Wer rein oder raus wolle, werde "bis auf die Knochen gegrillt". Im August 2006 gelang ihr die Flucht. Priklopil warf sich vor einen Zug und starb.

Der belgische Kinderschänder Marc Dutroux hatte 1995 und 1996 insgesamt sechs Mädchen entführt und in einem winzigen Kellerloch gefangen gehalten. Dort gab es lediglich einen Eimer als Toilette und eine von Ungeziefer zerfressene Matratze. Für die Vergewaltigungen holte Dutroux die Mädchen in sein Doppelbett im ersten Stock des Wohnhauses. Er tötete zwei der gefangenen Kinder, zwei weitere verdursteten. Die zwölfjährige Sabine Dardenne überlebte ihr 80 Tage währendes Martyrium. Sie wurde gemeinsam mit einer 14-Jährigen befreit, die Dutroux noch wenige Tage vor seiner Verhaftung entführt hatte. Er verbüßt eine lebenslange Haftstrafe.

So wie Dutroux wählte auch der Ost-Berliner Dieter Henschel seine Opfer zufällig aus. Zu DDR-Zeiten hatte er bereits elf Mädchen und junge Frauen überfallen und galt als "Schrecken von Rahnsdorf". Nach zehnjähriger Haftstrafe kam er 1985 in die geschlossene Psychiatrie, wurde kurze Zeit später als "sozial stabilisiert" entlassen. Im Februar 1999 überfiel er die 34-jährige Sylke R. auf dem Heimweg von der S-Bahn und hielt sie 48 Tage lang in einem selbst ausgebauten Keller gefangen. Sylke R. kam erst frei, als Henschels Schwester das Haus hütete und Schreie und Klopfzeichen hörte. Hinter den Türen der Zellen, die Schilder wie "Todestrakt" und "Spezialbehandlungsraum für Sklavin" trugen, entdeckten Polizisten Sex-Spielzeug, Folterwerkzeuge und einen gynäkologischen Stuhl.

Nach den Berichten über den Fall Amstetten wagte sich jetzt auch die Französin Lydia Gouardo, 45, an die Öffentlichkeit. Sie war 28 Jahre lang von ihrem Adoptivvater vergewaltigt und erst durch dessen Tod 1999 erlöst worden. Der Mann machte ihr sechs Kinder. Auch die Stiefmutter beteiligte sich an den Quälereien. Sie hatte Lydia unter anderem mit kochendem Wasser verbrüht, war bei den Vergewaltigungen - manchmal drei pro Tag - dabei; zudem hatte sie sich selbst an einem Sohn ihrer Stieftochter vergangen. Als Lydia wegzurennen versuchte, wurde sie eingesperrt. Vor drei Wochen nun wurde die Stiefmutter zu vier Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Lydia Gouardo wünschte, dass die Öffentlichkeit bei dem Prozess zugelassen würde, aber das Gericht schloss sie aus. Das Berufungsgericht bestätigte den Schuldspruch vor zwei Wochen. Von der Presse wurde der Fall kaum beachtet.

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