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Mongolei: Dschingis Khans Erben

Die Weite der Steppe, die Geborgenheit der Großfamilie, das freie Nomadenleben. Oder doch lieber das laute, stinkende Ulan Bator mit seinen Bonzen und Bürokraten? Die Menschen in der Mongolei pendeln zwischen den Welten.

Von Christoph Reuter

Der Lama ist schuld. Nein, sagt der, es seien die Götter! Der Mond! Er habe den Kalender studiert und die Orakelknöchelchen geworfen, an deren Ratschluss nicht zu rütteln ist: Die Hochzeit wird um drei Uhr beginnen.
Morgens.
Also sitzen wir mit der versammelten Verwandtschaft des Bräutigams nachts um halb zwei Uhr bei klirrender Kälte im russischen Kleinbus, von dem Aadag schwört, dass er gestern noch angesprungen sei. "Bestimmt!" In Intervallen röchelt der Motor, verstummt im Murmeln der halb übereinander sitzenden Gäste. "Wir hätten doch reiten sollen!" "Das gibt bestimmt eine Schlägerei!", wo der Vater der Braut doch schon gestern schwer betrübt war, weil die anderen die Braut nicht verstecken wollten. Schließlich sei sie 25, und ein Kind habe die auch schon, nur nicht vom Bräutigam. "Aber die muss doch versteckt werden", rief ein trauriger, stolzer Vater: "Sie ist doch kostbar, meine Tochter!" Und jetzt kommen wir auch noch zu spät. Was sollen die Götter denken?

Schweren Herzens krabbeln 17 Menschen wieder hinaus in die sternenklare Nacht. Nörgelnd schieben die Männer den Bus durch die nachtschwarze Steppe, während die Frauen erst mal "Stuten melken gehen", wie sie es nennen, Platz schaffen für die kommenden Getränke. Schließlich erwacht das Röcheln des Motors zum Rattern, aber bevor wir endgültig losfahren, mahnt der große Bruder des Bräutigams noch, nicht so viel zu trinken. Genau genommen ermahnt er den Fahrer, wenigstens nicht ganz so viel zu trinken wie die übrigen Gäste. Im Slalom geht es durch die Nacht.

Hochzeit als Generalprobe

In der Festjurte, zwischen Bergen aus bemaltem Schmalzgebäck, sitzt der Brautvater und schmollt. Es wird geschwiegen, dann gezetert, und dass es nicht zur Prügelei kommt, finden manche durchaus schade. Wie sie anderntags, wieder nüchtern, erklären: Eine mongolische Hochzeit sei eine Generalprobe fürs richtige Leben. Es dürfe mithin ruhig etwas schieflaufen, auf dass die Ehe glücklich werde. Auch wenn man nicht so weit gehen müsse wie das nördliche Nachbarvolk der Burjaten, die ein Fest ohne Messerstecherei irgendwie für misslungen hielten.

Nach ein paar Minuten der nächtlichen Zeremonie beschließt Aadag, nun sei es genug. Er will feiern. Als ältestem Onkel des vaterlosen Bräutigams, der furchtbar nervös neben der zwei Jurten weiter gefundenen Braut sitzt, steht ihm das Ausbringen von Trinksprüchen zu. Also, worauf warten? "Tochtoi!", hebt Aadag, ein Ringer von respekteinflößender Gestalt, das erste Schälchen Airag: vergorene Stutenmilch, die moussiert und schmeckt, als sei einem Joghurt etwas zugestoßen. Der Vorteil von 35 Menschen in einer Jurte ist, dass es warm wird. Der Nachteil zeigt sich, sobald die Familien von Braut und Bräutigam versuchen, einander in Gastfreundschaft zu überbieten und der jeweils anderen Seite beim Nachschenken zuvorzukommen. Erst Airag, dann Archi, ein klarer Milchschnaps, dann Wodka, dann wieder von vorn, es wird weitergereicht und übereinander hergeklettert, bis das Ganze in einem verknäulten Gelage mündet.

Um sieben geht die Sonne auf, und einige können noch stehen. Um elf schleppt, wer noch gehen kann, die übrigen auf die sonnenwarme Wiese vor der Jurte. Um zwölf, berichten jene, die dabei gewesen sind, sollte das traditionelle Zerreißen eines Filztuchs den Bund zwischen beiden Familien besiegeln. Es habe sich, erzählen sie heiter, nur niemand mehr gefunden, der dazu noch in der Lage gewesen wäre. Aber das sei nicht weiter schlimm.

"Meine inneren Möbel sind verschoben"

Am Spätnachmittag sitzt Aadag, der sich irgendwann auf ein Pferd geschwungen hat, blinzelnd in der Sonne. Neben ihm seine Frau Tumee, die mit zusammengekniffenen Brauen ihren Zustand beschreibt: "Meine inneren Möbel sind verschoben." Vor ihnen das weite Land, in der Ferne Hügel, weich geschwungen wie Filz, die in unendliche grasbewachsene Weiten auslaufen. Deije und Ghanzizik, die beiden 18-jährigen Mädchen, spielen mit einem Lamm, melken die Yaks für den Milchtee, während Aadag überlegt, was sich als Nächstes tun ließe: zu den Nachbarn reiten? Zum Kloster? Zum Baden an die heißen Schwefelquellen?

Alles scheint vorhanden, was am Leben der Nomaden in der Mongolei so hartnäckig zum Träumen reizt: frei zu sein von Zwängen und Uhrzeiten, jederzeit seine Jurte packen und fortziehen zu können. Für ein paar Wochen, im kurzen Herbst der Anarchie, gilt das tatsächlich: Wenn das Vieh fett und rund auf den Wiesen steht, das Heu gemacht ist und die Sonne noch verlässlich die Fröste der Nacht vertreibt. Wenn geschlachtet, gevöllert, gefeiert wird, sich die Ringer und Reiter bei Wettkämpfen messen. Wobei Aadag noch daran knabbert, dass Tumee diesmal im Wettmelken so gut abgeschnitten hat: "Seit ich sie geheiratet habe, darf sie ja überhaupt erst bei den Erwachsenen sitzen!" Ein kampflustiges Blinzeln kommt zurück: "Ach, und was hat der Erwachsene letztes Mal gekauft, als er Geschirrspülmittel mitbringen sollte? Teppichreiniger!" Tage gehen dahin mit Foppen, Würfelspielen, Verwandtschaftsbesuchen.

Bis eines Nachmittags die Tür aufgerissen wird: "Wölfe!", keucht die alte Hirtin vor Aufregung und ruft alle zusammen: "Wölfe!" Sie sei mit ihren Tieren jenseits des Flusses gewesen, wo kleine Waldinseln der Steppe Konturen geben. Zwei große graue Wölfe habe sie gesehen, die über ihre Ziegen herfielen. Die Männer stürzen erst unter ihre Betten, Gewehre zwischen Joghurteimern hervorangelnd, dann ins Freie, auf Pferde, in Lastwagen, zur Jagd.

Ängste und Sehnsüchte

Zwei Ziegen sind tot, eine dritte blutet am Hals, darüber kreisen lautlos die Geier. Keiner weiß, was die Wölfe so früh so nah ans Lager getrieben hat. Im Winter, ja, da schlichen sie oft um die Herden, erzählt einer der Jäger, ernst und mit pinkrot geschminkten Lippen, seine Frau habe da diesen Stift gegen rissige Lippen, im Winter also würden die Männer nachts selbst heulen wie Wölfe, um selbige fernzuhalten. Schlagartig verändert sich die Stimmung, reden sie von den kommenden Ängsten: vor den Wölfen, vor den tödlichen Launen des Winters, davon, bei minus 40 Grad und Sturm stundenlang nach verirrten Tieren suchen zu müssen. Die beiden Wölfe bleiben verschwunden. Aber der Zwischenfall macht klar, warum viele gern und ausgiebig die melancholischen Lieder eines gewissen Adarsuren hören, der von den Pferden, Ängsten und Sehnsüchten der Nomaden singt. Die ziehen zwar von Ort zu Ort, aber drehen sich dabei im immer gleichen Kreislauf der Sommer- und Winterweiden, bleiben nicht, aber kommen auch nicht fort.

"Ja, und dann ist er gestorben", sagt Tumee über Adarsuren. Woran? "An Schwermut." Was, im Lichte des Liedguts, als natürliche Todesursache durchgehen dürfte. In der Jurte kümmern sich die beiden Mädchen um den Milch- tee und sind sich uneins über das Nomadenleben. Ghanzizik, die selbst im Winter noch grünen Tee für ihre Kälber kocht und schon ihre eigene kleine Herde von fünf Yaks, drei Pferden und 20 Schafen besitzt, will "lieber mehr Kühe als einen Mann! Es ist hart im Winter, aber ich kann mir nichts vorstellen, was ich lieber täte. Die Tiere brauchen mich doch!" Deije, verliebt in den Nachbarjungen, einen halbstündigen Ritt entfernt, schüttelt den Kopf. Morgens hat sie Yaks gemolken, Feuer gemacht, getrocknete Kuhfladen eingesammelt, jetzt ist sie mit Inbrunst vor dem Schminkspiegelchen dabei, Lippenstift und Rouge aufzulegen: "Ich mag Kühe. Aber ich will auch Model werden!" Wie Tumees jüngste Schwester, die es aus der Steppe auf den Laufsteg geschafft hat, deren Bilder in der Jurte hängen.

Das weite Land, die Adler am Himmel, das Spielen am Bachufer, nun ja, sagt Deije. Mitten im Sehnsuchtsland leuchten ihre Augen, wenn sie von ihrem einzigen Besuch in Ulan Bator spricht, der anderthalb Tagesreisen östlich gelegenen Hauptstadt: "So viele Menschen, richtige Häuser. Und dass so viele Autofahrer sich da treffen und alle hintereinander herfahren, toll!" Andere würden es Stau nennen. Auch Tumees Sehnsucht gilt der großen Stadt: so zu leben wie Aadags Cousin Bum-Yalagch, der eine geheizte Wohnung, ein Auto und ein kleines Reisebüro besitzt.

Viele Nomaden träumen von der Stadt

Aadag hält trotzig dagegen: Nie werde er nach Ulan Bator gehen. Aber viele Nomaden teilen den Traum von der überfüllten, verrußten Metropole, die weniger einer Stadt gleicht als der Ansammlung ihrer Zutaten: Plattenbauten, sowjetische Bürokratenpaläste, dazwischen Steppenbrachen und am Rand wuchernde Jurtensiedlungen. 1,2 Millionen Menschen, fast die Hälfte aller Mongolen, leben jetzt schon hier. Als gäbe es einen konspirativen Plan, das am dünnsten besiedelte Land der Welt endgültig zu entvölkern, kommen jeden Tag Hunderte dazu, folgen ihrer Idee einer Verheißung.

In Ulan Bator könne man reich werden. Das ist nicht falsch. Aber noch viel weniger wahr. Vor dem Parlament stehen aufgereiht die neuesten Geländewagen der Marken Hummer und Mercedes, in der Kanalisation hausen Straßenkinder. Die letzte Stalin-Statue ist in einer Bar gelandet. In den Clubs spielen mongolische HipHop- Bands vor ganz in Schwarz gehüllten Nachtgeschöpfen, die nicht nur wegen ihrer Stilettos unsicher auf den Beinen sind - sondern auch, weil sie die Sonnenbrille nicht absetzen. Im buddhistischen Gandan- Tempel werden - gegen Bons von der Tempel-Registrierkasse - Gebete für Glück und Reichtum gelesen. Jeder scheint auf der Suche, und Bum-Yalagch habe mit seinem florierenden Reisebüro "großes Glück" gefunden, sagt Cousin Aadag mit Respekt in der Stimme.

Bum wiederum ist der eigene Erfolg fast unangenehm. Der Mittvierziger mit graumeliertem Haar alimentiert die halbe Verwandtschaft und ist Ortsvorsitzender der Grünen in Ulan Bator: "Ich habe nichts gegen Reichtum", aber die maßlose Korruption der Regierenden widere ihn an. Dass die Schürflizenzen für milliardenschwere Kohle-, Gold- und Kupfervorkommen sich im Besitz des Präsidenten, des Premiers und anderer Parteigrößen von der "Mongolischen Revolutionären Volkspartei" befänden. Dass die Mongo- lei binnen sieben Jahren auf dem "Transparency International"-Korruptionsindex von Platz 43 auf 99 gerutscht ist. Dass selbst der bis Anfang 2007 amtierende Gesundheitsminister nichts dabei fand, die Preisliste für Regierungsämter bekanntzugeben: 350.000 Dollar für einen Ministerposten, Vize für die Hälfte, mit Schmiergeldern rasch wieder hereinzuholen.

Tausende Ermordete

Außerdem nehme er, Bum, die Gier und vor allem die Geschichte dieser Partei persönlich. Um die Ecke von seinem Büro liegt eines der raren alten Holzhäuser Ulan Bators, das Museum der politisch Verfolgten. Gewissermaßen auch Bums Familienmuseum: "Einer meiner Großväter war buddhistischer Lama, den haben sie deswegen erschossen. Mein anderer Großvater war Direktor der pädagogischen Hochschule. Den haben sie deswegen erschossen", als die Politkommissare der damals wie heute herrschenden Partei den neuen Menschen schaffen wollten und dafür erst mal ein Zehntel der alten Menschen umbrachten: Lamas, Ärzte, Professoren, die eigenen Parteimitglieder - Tausende Ermordete. "Ich finde, diese Partei sollte sich auflösen." Aber das tut sie nicht: "Die haben mir erzählt, ihr Kürzel sei ein Markenname, wie Mercedes."

Die Kommunisten hatten ein Land errichtet, in dem vieles verboten, aber noch mehr geregelt war. 1990, als der von Moskau gepäppelte Sozialismus sich auflöste, verschwanden die Lehrer und Krankenschwestern aus den Dörfern, kamen keine Tierärzte und kein Heu mehr von der Regierung. Viele gingen damals zurück in die Steppe. Nahmen nach Auflösung der Kolchosen ihren Anteil vom Vieh und wurden wieder Nomaden.

Ein paar Jahre ging das gut. Aber dann kamen ab 1999 drei jener furchtbaren Winter, die den Tod über das Vieh bringen und einen eigenen Namen tragen: Dsud. Wenn jäher Frost alles Gras in Eis versteinert, die Tiere sich die Schnauzen blutig schlagen und verhungern. Viele der neuen Nomaden hatten zu wenig Heu gemacht, darunter auch die Eltern der kleinen Deije, deren Vater starb und die so zu ihrer Tante Tumee kam. Zigtausende flohen nach Ulan Bator, wie Purewsuren Surja, der mit 55 aussieht wie 75: "2002 war kein gutes Jahr", erst starb sein Vieh, dann bekam seine Frau Lungenentzündung, aber er hatte keine Tiere mehr, um die Medikamente zu bezahlen.

"Lieber in der Steppe sterben, als hier weiterzuleben!"

So stand er da, mit nichts außer vier kleinen Kindern und der Jurte, die er als Letztes verkaufte für die Bustickets in die Stadt. Drei Jahre lebten sie unter der Treppe eines Mietshauses, wo er putzte und nachts die Betrunkenen vertreiben musste. Dank einer Frau, die auch nichts mehr hatte, aber mit endloser Zähigkeit Spender und Helfer für eine private Schule im Jurten- Slum auftrieb, hat auch er dort Arbeit als Wächter gefunden, "aber in den dunkelsten Momenten dachte ich oft: Lieber in der Steppe sterben, als hier weiterzuleben! Ich habe nur wegen der Kinder weitergemacht. Aber wenn sie groß sind, werde ich zu alt sein, zurückzugehen".

Die Sehnsucht bleibt: nach dem weiten Land, dem Geräusch der Tiere, dem klaren Himmel. Dorthin, wo Deije und Tumee leben - und sich nach Ulan Bator wünschen. Der Alte summt ein Lied von Adarsuren, dem traurigen Sänger. Es klingt, als gälte es der Sehnsucht nach dem Anderswo.

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