Moskau Beck bei Schwulendemo verprügelt


Der Grünen-Politiker Volker Beck wurde in Moskau vor laufender Kamera verprügelt. Der Grund: Beck hatte an einer Schwulen-Demo teilgenommen. Homosexuelle werden in Russland auch von der Staatspolitik diskriminiert.

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck ist am Samstag bei einer nicht genehmigten Demonstration von Homosexuellen in Moskau verletzt worden. "Erst wurde ich von einem Stein getroffen. Dann schlug mir ein junger Neonazi mit der Faust ins Gesicht", berichtete Beck. Ein Polizeisprecher teilte nach Angaben der Agentur Interfax mit, dass insgesamt 120 Menschen bei den Tumulten im Stadtzentrum festgenommen worden seien. In der russischen Politik wurde einhellig den Homosexuellen die Schuld an der Eskalation der Lage gegeben.

"Mit Fußtritt in den Bus gezwungen"

Beck warf der Polizei vor, die friedlichen Schwulen und Lesben absichtlich nicht vor den Schlägerbanden geschützt zu haben. Auf dem Platz vor dem Moskauer Rathaus hätten Einsatzkräfte die Gruppe der demonstrierenden Homosexuellen und die Extremisten zusammengetrieben und damit die Schwulen und Lesben den Schlägern ausgeliefert. Der im Gesicht blutende Beck wurde zu einem Polizeibus gebracht. "Man hat mich mit einem Fußtritt in das Fahrzeug gezwungen", sagte der Grünen-Politiker später.

Erst nachdem die Polizei über seine Identität aufgeklärt worden sei, habe man sich für das Vorgehen gegen den Bundestagsabgeordneten entschuldigt. "Man darf nicht zulassen, dass die Polizei die friedlichen Schwulen und Lesben nicht gegen Schläger schützt", bekräftigte Beck in Moskau. Auch ein Reporter des russischen Fernsehsenders RTVi wurde zusammengeschlagen. Eine Korrespondentin der russischen Zeitschrift "Newsweek" wurde vorübergehend verhaftet. Nach Medienberichten waren auch mehrere Repräsentanten russischer Schwulen- und Lesbenorganisationen unter den Verhafteten. Die von den OMON-Einheiten festgenommenen Aktivisten und Skinheads wurden gemeinsam in Bussen abtransportiert.

Franzose zusammengeschlagen

Am Rande der Zusammenstöße wurde auch ein völlig unbeteiligter, dunkelhäutiger Franzose, von sieben Jugendlichen (teils mit Glatze) zusammengeschlagen. Wie sich später herausstellte, wollten die Jugendlichen eigentlich ein paar Schwule "aufmischen", aber weil die Polizei sie nicht zur Parade ließ, griffen sie sich einfach einen dunkelhäutigen Passanten. Der Mann bekam Schläge und Tritte gegen den Kopf und musste seine Verletzungen im Krankenhaus behandeln lassen. Einer der Jugendlichen filmte die Misshandlungen mit seinem Handy. Die Miliz nahm die Täter wegen "Rowdytums" fest.

Bereits vor Tagen hatten schwule und lesbische Aktivisten angekündigt, ungeachtet des Verbots, eine Parade zum internationalen Christopher-Street-Day in Moskau abzuhalten. Etwa zwei Dutzend Homosexuelle versammelten sich auf dem Platz vor dem Rathaus. Der nur 500 Meter entfernte Rote Platz war für die Schwulen gesperrt.

Dort kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit mehreren Gruppen von Menschen, die ihren Unmut über die homosexuelle Kundgebung äußerten. Unter diesen Gegendemonstranten befanden sich Vertreter der "Bewegung gegen illegale Einwanderer", es wurde die Flagge der Partei "Rodina" (Heimat) geschwenkt. Auch Vertreter der orthodoxen Kirche mit langen schwarzen Gewändern, langen Haaren und Bärten beteten laut und hielten Ikonen in die Luft. Die Gruppe skandierte "Moskau ist nicht Sodom", "Tod den Schwulen" und "Schwule ins Lager".

Einige hundert Meter entfernt ging eine Hundertschaft der Polizei-Spezialeinheit OMON mit Schlagstöcken gegen eine größere Gruppe mutmaßlicher Rechtsradikaler vor. Dabei wurden die Einsatzkräfte von umstehenden Passtanten gebeten: "Schlagt nicht so fest zu, die sind doch nur gegen Schwule." Etwa 50 Männer, die versucht hatten, zur Homosexuellen-Kundgebung vorzudringen, wurden festgenommen. Einige zündeten Feuerwerkskörper und warfen Rauchbomben in Richtung der Homosexuellen.

"Abweichendes Verhalten"

Im russischen Parlament bezeichnete ein Sprecher die öffentliche Versammlung der Schwulen und Lesben als "Provokation" und lobte das Vorgehen der Polizei. "Man sollte sein abweichendes Verhalten von allgemein akzeptierten Normen nicht öffentlich zur Schau stellen und das auch noch als Menschenrecht darstellen", sagte der Leiter des Ausschusses für Wissenschaft und Kultur im Föderationsrat, Viktor Schudegow der Agentur Itar-Tass.

In Russland gilt Homosexualität als unnatürlich. Schwule und Lesben werden auch von staatlicher Seite als Menschen mit "nicht traditioneller sexueller Orientierung" bezeichnet.

Andreas Albes, Moskau (mit DPA)

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