Nach Flugzeugabsturz Polen sucht eine neue Elite

In Polen herrscht ein beispielloses Machtvakuum: Nach dem Absturz der Delegationsmaschine müssen Dutzende von hohen Posten neu besetzt werden. Auch die Wahl des neuen Präsidenten stellt das Land auf eine ernsthafte Probe.
Sebastian Becker, Warschau und Nils Kreimeier, Berlin

Nach dem Absturz der polnischen Präsidentenmaschine bei Smolensk steht das Land gleich vor drei schweren Aufgaben. Zum einen müssen die Trauerfeiern für eine ganze Reihe hochrangiger Vertreter des polnischen Staats organisiert werden, zum anderen steht die Suche nach den Ursachen der Katastrophe an. Vor allem aber sind zahlreiche Schaltstellen des polnischen Staats auf einen Schlag vakant geworden - ein in der europäischen Geschichte wohl beispielloser Vorgang.

Der Parlamentsvorsitzende Bronislaw Komorowski, der kommissarisch die Geschäfte des Präsidenten übernahm, machte in einer Fernsehansprache klar, dass bis zur Wahl eines neuen Staatsoberhaupts nur wenig Zeit bleibt. Die ursprünglich für Herbst vorgesehene Wahl wurde nun auf den 20. Juni vorverlegt. Für die polnischen Parteien ist dies ein Problem, weil nur noch die regierende Bürgerplattform ihren Kandidaten hat, nämlich Komorowski selbst. Seine Gegner, Präsident Lech Kaczynski und der Linksbündnisbewerber Jerzy Szmajdzinski, saßen an Bord der Unglücksmaschine.

Doch nicht nur das Amt des Präsidenten, auch die Spitze der polnischen Notenbank, des Büros für Nationale Sicherheit sowie des Instituts für Nationales Gedenken, der polnischen Birthler-Behörde, müssen neu besetzt werden. Zudem kam in dem Flugzeug auch eine ganze Reihe von Sejm-Abgeordneten sowie Senatoren ums Leben, deren Nachfolger bestimmt oder neu gewählt werden müssen.

Zentralbank soll Arbeit "ohne Störung fortführen"

Die polnische Zentralbank gab bekannt, dass zunächst der bisherige Vizechef Piotr Wiesiolek die Geschäfte übernehmen wird, sodass die Bank "ohne Störung ihre Arbeit fortführen" könne. Der Chefposten wird neu vergeben, sobald der Sejm auf Antrag des neuen Staatspräsidenten zu einer Wahl zusammengekommen ist, was noch einige Zeit dauern dürfte.

Im Zustand des Schocks und in der verordneten Zeit der einwöchigen Staatstrauer dürften sich die traditionell konfliktfreudigen polnischen Parteien mit Streit zurückhalten. Selbst erklärte Gegner Kaczynskis veröffentlichten emotionale Kommentare der Trauer. Ob es bei dem parteiübergreifenden Zusammenhalt bleibt, ist fraglich. Die größte Oppositionspartei Recht und Gerechtigkeit hat nicht nur den aus ihren Reihen stammenden Präsidenten verloren, sondern auch einige wichtige Strippenzieher - wie den Chef des Amts für Nationale Sicherheit, Aleksander Szczyglo. "Fast die gesamte Führung der größten Oppositionspartei ist tot", sagte der Soziologe Edmund Wnuk-Lipinski. "Es ist kaum vorstellbar, dass dies keine Konsequenzen dafür hat, wie in Polen Politik gemacht wird."

"Keinerlei Anzeichen für technische Probleme"

Zumindest unterschwellig dürfte dabei auch eine Rolle spielen, was die Untersuchung des Unglücks ergibt. Die Flugschreiber wurden erfolgreich aus dem Wrack der Tupolew 154 geborgen und werden derzeit gemeinsam von polnischen und russischen Experten ausgewertet. Die russische Generalstaatsanwaltschaft wies bereits darauf hin, dass es keinerlei Anzeichen für "technische Probleme mit dem Flugzeug" gebe.

FTD

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